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Der fromme Wilde Westen
Stern, 10.04.06

Hinwerfen,
aufstehen, hinwerfen: Die besonders frommen
Pilger messen die 53 Kilometer lange Strecke mit ihrem Körper ab.
China wittert ein Geschäft: Der Berg Kailash, ein Heiligtum für 1,5
Milliarden Hindus und Buddhisten, soll für Touristen erschlossen
werden. Der 6714 Meter hohe Berg liegt im unzugänglichen Westen von
Tibet. Seine Vermarktung bedroht die letzte Bastion der alten
Mönchskultur.
Die Kassierer kommen am dritten Tag. Drei kleine Maoisten in
abgewetzten Klamotten und grünen Stoffturnschuhen. Statt 100 Dollar
pro Nase verlangen sie 100 Euro, denn es hat sich bis Nepal
herumgesprochen, dass der Euro derzeit höher steht. Das kleine Land
steckt in einem Bürgerkrieg, und wir wandern mitten durch das Chaos.
Bunt gekleidete Frauen mit goldenen Nasenringen schleppen
Reisigbündel, ihre Füße stecken in zerfetzten Plastikschlappen. Wir
Wanderer aus dem Westen müssen ihnen vorkommen wie von einem anderen
Stern, mit unseren Alu-Trinkflaschen und windabweisenden
Fleece-Jacken, den digitalen Höhenmessern, den Goretex-Stiefeln und
ultraleichten Schlafsäcken, in denen man auch bei minus 25 Grad
nicht erfriert (und die mit 399 Euro deutlich mehr kosten, als ein
nepalesischer Bauer im Jahr verdient).
Wie gut, dass wir in Kathmandu noch die Torte gegessen haben, in dem
kleinen Café in der Dharma Gasse. Dort hing ein handgeschriebenes
Pappschild an der Wand: "Life uncertain, eat cake now" (Leben
unsicher, iss Kuchen jetzt). Wir nehmen es als Mantra mit auf die
abenteuerliche Reise: Wer zu Fuß in den abgelegenen Westen von Tibet
hinaufsteigen will, sollte jede Schnitte Glück genießen.
Ín
alten Billigturnschuhen steigen unsere Sherpas die Berge hoch, als
gingen sie am Rhein spazieren. Lachend, palavernd, manche rauchen
dabei. Ihre Kiepen sind aus Eisenstäben zurechtgebogen - und mit
aufgeschlitzten Gartenschläuchen umwickelt, damit sie nicht so stark
in den Rücken schneiden. Die bis zu 50 Kilo schwere Last balancieren
die Träger an einem durchschwitzten Band um die Stirn.
Am fünften Tag stehen wir auf dem Nara La, dem 4620 Meter hohen
Pass, der Nepal von Tibet trennt. Vor uns liegt das Ziel unserer
Träume, Tibet. In den Lofts westlicher Metropolen wird die Heimat
des Dalai Lama gern als Hort mystischer Weisheit verklärt, wird alle
Sehnsucht nach einer besseren Welt in das unzugängliche Shangri-La
hineingeheimnisst. So nah am Himmel lebe der Mensch wohl wie in
einem heiteren Kloster, fern von Hass und Hast, von Gier und Geiz.
Glauben viele.
Und dann stehen wir in Purang, der ersten tibetischen Stadt nach der
Grenze, zwischen Lkw-Wracks und Mini-Puffs. Die über 3000 Jahre alte
Handelsstadt am Pfauen-Fluss sieht aus wie ein Schutthaufen, den man
in eine glasklare Traumlandschaft gekippt hat. Ein Konglomerat im
chinesischen Beton-Stil. An der Hauptstraße reihen sich kleine
Bordelle und klebrige Garküchen. Aus den Lautsprechern der Garnison
röhren von morgens acht bis abends um zehn Uhr Märsche, patriotische
Parolen, Posaunenstöße und schrille Schnulzen.
Die Tibeter wohnen meist auf der anderen Seite des Flusses, in
einstöckigen Häusern, aus Lehm und Flusssteinen gebaut, die Türen
von rot bemalten Yak-Hörnern bewacht. Das "neunstöckige
Höhlenkloster" Tsegu ist in die steilen Uferwände des Flusses
gegraben. Der einzige Mönch sitzt auf einem rot-goldenen Thron und
betet mit rauer, kehliger Stimme. Sein Gehilfe wacht darüber, dass
niemand Fotos macht, ohne zu bezahlen. Jede Aufnahme soll zehn
Dollar kosten, aber man kann ihn auf einen Dollar herunterhandeln.
Religion wird heute in Tibet nicht mehr so brutal unterdrückt
wie einst; freilich bestimmen die Chinesen, wie viele Mönche oder
Nonnen ein Kloster haben darf und wen sie verehren dürfen. Überwacht
werden die Klöster von einem ausufernden Spitzelsystem, zu dem auch
viele Geistliche gehören. Tsegu wurde wie fast alle Klöster während
der Kulturrevolution zerstört. Von mehr als 6000 religiösen Gebäuden
in Tibet überstanden nur 13 unversehrt das Wüten von Maos Roten
Garden vor vier Jahrzehnten, die meisten davon hier im abgelegenen
Westen. Heute wird Tsegu liebevoll wieder aufgebaut - von Chinesen.
"Nicht weil sie ein Herz für unsere Religion entdeckt haben", sagt
uns ein Tibeter, "sondern weil sie erkannt haben, dass sie mit dem
Tourismus viel Geld verdienen können."
Die Chinesen herrschen nicht mehr mit nacktem Terror wie einst, die
Unterdrückung ist subtiler geworden. Zu Olympia 2008 will sich
Peking als Gastgeber mit menschlichem Antlitz präsentieren. "Das ist
unsere Chance", sagen uns Tibeter immer wieder. "Der Westen muss
Druck auf China ausüben, Druck, Druck, Druck, das ist die einzige
Sprache, die die Chinesen verstehen." Der Dalai Lama klagt seit
Jahren, seine Landsleute seien "Fremde im eigenen Land geworden". Er
fürchtet, bald würden sie und ihre Klöster nur noch eine
"Touristenattraktion" sein.
Nirgendwo ist das Drama so sichtbar wie im wilden Westen seiner
Heimat. Einst war die Gegend fast menschenleer, noch heute braucht
man auf den abenteuerlich schlechten Straßen gut sechs Tage im
Lastwagen, um von Lhasa nach Purang zu gelangen. Neue Städte werden
aus dem Boden gestampft, besiedelt werden sie fast nur von Chinesen.
Neben den westlich gekleideten Besatzern wirken die Tibeter in ihren
bunten Trachten, behängt mit silbernen Glücksamuletten und
Lapislazuli-Ketten, und ihren bestickten Felljacken wie die Indianer
im Westen der USA - Ureinwohner, die zum Sozialfall geworden sind.
Unter den tibetischen Männern grassiert der Alkoholismus, schon
morgens lungern sie, eine Flasche Lhasa-Bier in der Hand, um die
vielen Billardtische herum, die überall auf den Straßen stehen. Am
Wirtschaftsboom, der sogar den entlegensten Teil von Tibet erreicht
hat, haben sie kaum Anteil.
Unser Führer und Dolmetscher Gyurme×, 29, würde in New York
nicht auffallen. Er trägt lange Haare, eine verspiegelte Adidas-

Sonnenbrille, er hat eine chinesische Freundin, die auf
Plateausohlen herumläuft, und besitzt zwei Handys. Gyurme hat nichts
dagegen, dass die Chinesen seine Heimat modernisieren, Straßen
bauen, Wasser-, Strom- und Telefonleitungen legen, Supermärkte
errichten und ein gutes Dutzend TV-Programme in die Einsamkeit
strahlen. Politik, sagt er, interessiert uns Tibeter nicht. Nur wenn
er getrunken hat, abends, und kein Chinese zuhört, kotzt er sich
über die Besatzer aus: "Sie glauben, sie seien uns überlegen. Aber
sie werden uns nie besiegen, weil sie uns nicht verstehen."
Ein
Yak-Führer nahe des Kailash wartet auf reiche
Kunden aus dem Westen oder Indien. Traditionelle
Pilger gehen zu Fuß um den Berg
Der
tibetischen Jugend
bedeute ihre Religion nicht mehr sonderlich viel. Zwar bete jeder
ältere Tibeter zu Hause ein Foto des Dalai Lama an, heimlich, weil
der Besitz verboten ist, aber die Jugend interessiere sich mehr für
amerikanische und indische Filme. Auch im kleinsten Nest stehen
solarbetriebene DVD-Spieler, in die chinesische Raubkopien der
neuesten Hollywoodfilme geschoben werden.
Die menschenleere, baumlose Hochebene ist atemberaubend schön. Am
Horizont die endlose Kette von Himalayagipfeln, dazwischen mäandert
der Sutlej-Fluss, ab und zu grasen Antilopen oder Kyangs, die
seltenen Wildesel. Und immer wenn wir glauben, weiter könne man von
westlicher Zivilisation nicht entfernt sein, steht ein Soldat in der
Steppe und spricht in sein Handy. Das Reisen in konstant 4600 Meter
Höhe erschöpft. Die Sonne ist so intensiv, dass Nasen und Lippen
verbrennen, obwohl wir sie mit Lichtschutzfaktor 60 einschmieren;
ohne Gletscherbrille tränen die Augen. Vor allem die dünne Luft
macht uns zu schaffen, nachts kommt die Panik, man glaubt zu
ersticken. Hinlegen ist unmöglich, dann lastet eine Tonne auf der
Brust. Man döst im Sitzen.
Tibet ist so groß wie Westeuropa, aber es leben weniger Menschen
dort als in Berlin. Die Westprovinzen liegen so hoch, dass man bis
heute nicht hinfliegen kann - weil die Luft so dünn ist, dass man
"vom Flugzeug eigentlich gleich in eine Intensivstation gehen
müsste", sagt ein junger tibetischer Arzt der Kailash-Klinik. Die
Klinik auf 4700 Meter Höhe steht am Fuß des heiligen Berges,
misstrauisch beäugt von den chinesischen Behörden. Mit Schweizer
Spenden wurde eine einzigartige Institution geschaffen: 50 Schüler
aus armen Dörfern werden in der traditionellen tibetischen Heilkunst
unterrichtet und zu Ärzten ausgebildet. Sie wohnen zwei Jahre lang
im Internat, lernen Tibetisch, Chinesisch und Englisch. Klinikchef
Dhakpa Namgyal Ott verdient sein Geld als Pfleger in einer Baseler
Intensivstation, im Sommer managt er seine Klinik.
Die Chinesen würden den Kailash-Tourismus gern ausbauen. Als
"Achse der Welt" und Sitz der Götter ist der Kailash der heiligste
Berg für Hindus und Buddhisten gleichermaßen, ein Wallfahrtsort für
etwa 1,5 Milliarden Menschen. Und er ist ein Lebensspender für den
riesigen Subkontinent: Vier der größten Flüsse Asiens - Indus,
Brahmaputra, Sutlej und Karnali (Ganges) - entspringen rund um den
Kailash. Es ist die höchste Pflicht für jeden Hindu und Buddhisten,
ihn wenigstens einmal im Leben umrundet zu haben. Ein normaler
Pilger braucht für die 53 Kilometer - dazwischen ein Pass von 5700
Meter Höhe - knapp drei Tage. Die besonders Frommen gehen freilich
nicht zu Fuß, sondern messen die Strecke mit ihrer Körperlänge ab:
Sie werfen sich auf den Boden, rund 30 000-mal. Mehr als zwei Wochen
brauchen sie für diese fromme Reise am Rand ihrer Kraft. Aber dafür
haben sie alle Sünden ihres bisherigen Lebens ausgelöscht. Wer es
gar 108-mal auf diese Weise um den Berg schafft, erlangt sofortige
Erleuchtung.
Pilger aus Indien sind häufig so höhenkrank, dass sie nicht mehr
gehen können. Sie lassen sich auf einem Yak festbinden und um den
Berg tragen. Jedes Jahr sterben Dutzende an der Höhenkrankheit.
Das mittelalterliche und das moderne Tibet leben nebeneinander wie
Katz und Hund. In den dunklen Zelten der Nomaden, die noch immer aus
Yak-Wolle gewoben werden, sieht es auf den ersten Blick noch aus wie
vor hundert Jahren. Rinzin, 40, der mit seinen 35 Yaks und 400
Schafen über Land zieht, lädt uns zum Yakbutter-Tee ein. Seine
Mutter Dhol, 61, feuert den kleinen Eisenofen mit trockenem
Schafsmist an, kratziger Rauch zieht durchs Zelt. Dann stampft sie
ein Drittel heißes Wasser, ein Drittel Tee, ein Drittel ranziger
Butter und eine Hand voll Salz zu einer fetten Brühe zusammen, die
wir nur würgend hinunterkriegen. Tibeter trinken das fettige Gebräu
den ganzen Tag; neuerdings schmeckt ihnen aber auch "Red-Bull", wie
man an den zahllosen, platt getrampelten Dosen vor dem Zelt sehen
kann.

Mit
neuen Städten wie Senge Tsangpo wollen die Chinesen
das strategisch wichtige Grenzland zu Indien und Kaschmir sichern.
Die Chinesen sind
davon überzeugt, sie hätten die Tibeter 1950 aus
der Leibeigenschaft befreit. Und tatsächlich war Tibet ein
rückständiger, von rechtlosen Bauern bewohnter
Klosterstaat, in dem
es Zehntausende Mönche, aber keinen Installateur gab. Bewegliche
Lettern waren
bis zur
Mitte des 20. Jahrhunderts verboten. Ebenso
das Rad - was beim Zustand der Straßen freilich nicht verwundert.
Alles Wissen war religiös und wurde in Klöstern gelehrt, die oberste
Kaste der Mönche war korrupt und wirtschaftete in die eigene Tasche.
Auch der Dalai Lama, von den Tibetern noch heute der
"wunscherfüllende Edelstein" genannt, gibt zu, dass Tibet sich
dringend hätte verändern müssen.
Doch das Letzte, was die feudale Hochkultur brauchte, war die
Besatzung durch noch viel brutalere Feudalherren. Die Verbrechen der
Chinesen - im Namen von Fortschritt und Aufklärung - haben Tibet in
einen kulturellen Schock versetzt, von dem es sich bis heute nicht
erholt hat. Die intellektuelle Oberschicht ist geflohen. Sein Land
sei von "kultureller Überfremdung" bedroht, sagt der Dalai Lama.
Dabei ist es ironischerweise weniger der chinesische Sozialismus,
der Tibet verändert, es ist der westliche Lebensstil - kein Land
kopiert die USA so besessen wie China.
In einem kleinen Kloster am Manasarovar-See, in dem wir uns von
einem langen Fußmarsch ausruhten, wachte der Mönch um Punkt acht Uhr
aus seiner Gebetstrance auf und ging nach nebenan - er wollte die
Rateshow, die im chinesischen Fernsehen begann, auf keinen Fall
verpassen. In den langen Werbepausen kam er zurück, um inbrünstig zu
beten. Und in Baryam, einem Dorf am Oberlauf des Brahmaputra, gingen
wir abends in die von Bierflaschenscherben umringte "Karaoke-Bar".
Sechs chinesische Mädchen schoben sich zu Disko-Musik über die
Tanzfläche, zwei angetrunkene Inder stierten sie schweigend an.
Prostitution ist in China verboten, doch im abgelegenen Tibet
drücken die Behörden die Augen zu.
Nachts, auf der dreckigen Strohmatratze in unserem Gasthaus, liegen
wir noch lange wach. Es gibt kein Wasser in Baryam und Strom nur
stundenweise. Es gibt keine Läden, keine Mönche, keine Autos - aber
es gibt eine Karaoke-Bar mit drei Fernsehschirmen und sechs Huren.
Tibet hatten wir uns anders vorgestellt.
Claus Lutterbeck
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