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Die Hierarchie der Anordnung
von David Jackson
Wenn auch dem Uneingeweihten die tibetische
Malerei als chaotisches und unerschöpflich
veränderliches Universum erscheinen mag, so
ist ihre Ikonographie in Wahrheit begrenzt,
geordnet und vor allem hierarchisch. Um
diese Kunst zu verstehen, muß man daher
zunächst einmal die hierarchische Anordnung
oder Struktur erkennen, gemäß der die
heiligen Figuren positioniert wurden. Um die
wichtigsten Konventionen von Rangordnung und
Hierarchie zu erkennen, muß man darüber
hinaus lernen, die Darstellung der
Übertragungslinien der Meister detailliert
zu interpretieren, eine Aufgabe, die mehrere
wichtige Ergebnisse mit sich bringt.
Übertragungslinien sind beispielsweise eine
der wenigen Quellen zuverlässiger
historischer Hinweise zur Datierung eines
tibetischen Gemäldes, und in einer Kunst, in
der es selten klare Hinweise auf eine
chronologische Einordnung gibt, ist allein
das schon ein Grund, der eine sorgfältige
Untersuchung der Übertragungslinien und
ihrer Konventionen bezüglich einer
zeitlichen Abfolge rechtfertigt.
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Die nicht-verbalen Zeichen eines tibetischen
Rollbildes bzw. eines Thangka können beinahe
genauso gelesen und interpretiert werden wie
ein geschriebener Text. Ein Gemälde aus
dieser Tradition besitzt sozusagen
"grammatische" Regeln, die eine
systematische Interpretation der Anordnung
erlauben. Wie bei vielen geschriebenen
Sprachen kann man bei einem Gemälde
verschiedene Beschreibungsebenen
unterscheiden, die den Buchstaben, Wörtern
und Sätzen entsprechen. Um bei der Analogie
zu Sprache und Lesen zu bleiben, könnte man
die heiligen Figuren in einem Thangka mit
den Worten einer Sprache vergleichen,
während die einzelnen Attribute einer Figur
- d.h. die ikonographischen Elemente wie
Farbe, Gesten, Kleidung, Verzierungen usw. -
wie die Buchstaben eines Wortes sind. Und um
die richtige Reihenfolge der Figuren zu
bestimmen, gibt es Regeln für die Anordnung
- analog zu den Regeln der Syntax. Auf den
folgenden Seiten möchte ich einige der
wichtigsten "Syntaxregeln" der tibetischen
Malerei erläutern.
Die Struktur eines tibetischen Thangka ist
nicht selbsterklärend. Sie wird nur
demjenigen offenkundig, der die einzelnen
Figuren zu identifizieren und klassifizieren
weiß. Die beiden wichtigsten Hilfsmittel
dabei sind:
-
Ikonographie und
-
Beschriftungen.
Die Ikonographie ist sinnvoll für die
Identifizierung der Klasse, zu der eine
Figur gehört. Allerdings ist sie nicht sehr
zuverlässig bei der Bestimmung der
Individuen innerhalb der Klasse, mit der wir
vorrangig zu tun haben - Lamas und Gurus -,
da die Ikonographie hierfür nicht streng
festgelegt war, zumindest nicht in den
frühen Werken. Derselbe Meister oder Adept (siddha)
kann - abhängig vom Kontext - in
verschiedenen Haltungen dargestellt sein
(beispielsweise die vier Aspekte von Virupa).
Dennoch können ikonographische Faktoren (wie
die Kleidung der Lamas) für eine vorläufige,
erste Identifikation einer Gruppe von
Figuren und möglicherweise einiger
berühmterer Einzelpersonen ausreichen.
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Dennoch bleiben oft
Zweifel bestehen, insbesondere, wenn man es
mit weniger üblichen Traditionen zu tun hat.
Hier sind geschriebene Beweise wie
Beschriftungen manchmal das einzige Mittel
für eine zuverlässige Identifizierung.
1
Meine wichtigste vorläufige Schlußfolgerung
besteht darüber hinaus darin, daß diese
Analysemethode mit größter Vorsicht und mit
einem beträchtlichen Maß an Geschicklichkeit
angewandt werden muß. Anders ausgedrückt,
ist sie in vielen Fällen eine große Hilfe,
aber sie kann nicht stark vereinfachend oder
unkritisch angewandt werden, besonders dann
nicht, wenn die Hauptfigur und die letzten
zwei oder drei historischen Figuren einer
gemalten Übertragungslinie nicht mit
Gewißheit identifiziert werden können.
Tibetische Maler und gelehrte religiöse
Meister waren sich der grundlegenden
hierarchischen Regeln und chronologischen
Konventionen, die in den Gemälden
ausgedrückt wurden, bewußt.2
Solche Regeln waren wichtige Aspekte der
komplexen und hoch entwickelten Tradition
der religiösen Kunst der Tibeter. Im
traditionellen Tibet war Kunst im großen und
ganzen religiöser Natur, und gemäß
tibetischer "ikonologischer" Theorien, die
in Abhandlungen über sakrale Kunst dargelegt
wurden, wurden Kunstwerke traditionell in
drei Haupttypen sakraler Objekte eingeteilt,
die jeweils einem Aspekt der Buddhaschaft
entsprechen: erleuchteter Körper, Rede oder
Geist. So stellen die Haupttypen sakraler
Objekte in aufsteigender Reihenfolge die
drei "Stützen" dar:
-
körperliche Stütze
-
verbale Stütze und
-
mentale Stütze.
Die körperlichen Stützen können gemäß ihrer
räumlichen Ausdehnung weiter in zwei Klassen
unterteilt werden: (1) gemalte, also
zweidimensionale Objekte und (2) Skulpturen
oder anderweitig nach außen vorstehende,
dreidimensionale Objekte. Wir werden uns
hier ausschließlich mit körperlichen Stützen
des ersten Typs beschäftigen: mit gemalten
Kunstwerken, insbesondere mit gemalten
Rollbildern (thang ka; thang sku; sku thang).
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Untersucht man einige datierbare Gemälde aus
dem zwölften bis hin zum 19. Jahrhundert, so
stellt man gewaltige stilistische
Unterschiede fest. Im wesentlichen
entwickelten sich die Stile aus alten
indischen in spätere, eher chinesisch
beeinflußte Stile. Das ist fast zu erwarten,
betrachtet man die geographische Lage Tibets
zwischen den beiden großen Zivilisationen
Asiens - Indien und China - und die
Tatsache, daß Tibet seine ursprünglichen
buddhistischen Impulse hauptsächlich aus
Indien erhielt. Während diese stilistische
Entwicklung die Darstellung der Körper und
der Kleidung der Gottheiten weniger
auffällig beeinflußte, war der Einfluß auf
den Hintergrund und andere dekorative
Details sehr offensichtlich. Unter anderem
entwickelten sich die Stilrichtungen von
einem hauptsächlich roten, gelben und
orangefarbenen Farbschema mit abstrakten
dekorativen Mustern im Hintergrund hin zu
einem vorrangig grünen und blauen Farbschema
mit mehr oder weniger stereotypen Elementen
von Landschaften chinesischen Stils im
Hintergrund. Bezüglich der grundlegenden
Konventionen der Positionierung der Figuren
änderte sich die streng lineare Anordnung in
geraden Reihen und Spalten hin zu einer
etwas gestaffelten und natürlichen Anordnung
vor einer Landschaft. Die früheste
Konvention ist zuerst eindeutig indisch,
während die späteren Entwicklungen
(abwechselnd rechts-links, beginnend in der
oberen Mitte) zweifellos eine Durchdringung
seitens chinesischer Traditionen
widerspiegeln. Diese Veränderungen springen
dem Historiker heute ins Auge (dank zwölf
Jahrhunderten an Hinweisen), doch eigentlich
blieb die tibetischbuddhistische Malerei
tief konservativ und veränderte sich über
den größten Teil ihrer
Entwicklungsgeschichte hinweg nur sehr
langsam.
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Plazierung der Figuren in einem Thangka
Da die tibetisch-buddhistische Kunst im
allgemeinen eine sehr konservative, formale
und geordnete Welt war und immer noch ist,
in der nichts Bedeutungsvolles nur zufällig
geschehen kann, können wir mit Recht fragen,
woraus die Prinzipien bestehen, die ihren
Aufbau bestimmen. "Aufbau" bedeutet hier
nicht die Gestaltung solch sekundärer,
dekorativer Elemente wie einer Landschaft,
sondern insbesondere die Auswahl und
Positionierung der Figuren. Die
hauptsächlichen organisierenden oder
"syntaktischen" Regeln sind nicht
kompliziert, und sie können zusammen gefaßt
werden als drei Aspekte der Aufeinanderfolge
oder Hierarchie in drei jeweiligen
Kontexten:
-
Der Status einer Figur als Hauptoder
Nebenfigur.
-
Zu welcher ikonographischen Klasse die
Figur innerhalb der durch (1)
festgelegten Ebene gehört.
-
Welche besondere Stellung - wenn
überhaupt - die einzelne Figur innerhalb
der durch (2) festgelegten
ikonographischen Klasse innehat.
1. Die Hierarchie von Haupt- und
Nebenfiguren und die Unterscheidung von
Prioritätsebenen:
Die erste wesentliche Unterscheidung
bezüglich der Hierarchie besteht in der
Bestimmung der Figuren mit der wichtigsten
Bedeutung und solcher, die weniger wichtig
sind. Die meisten Gemälde enthalten
mindestens die beiden Ebenen Hauptfigur und
Nebenfiguren ("Gefolgschaft" oder "geladene
Gottheiten")Der Einfachheit halber habe ich
hier die Nebenfiguren auf eine Ebene
beschränkt. Einige Thangkas verfügen jedoch
über zwei oder sogar noch mehr Ebenen von
Nebenfiguren. Zur "Hauptfigur" oder
"Nebenfigur" wird eine Gottheit in einem
bestimmten Bild je nach den augenblicklichen
spirituellen Wünschen oder Prioritäten des
Gläubigen oder des Auftraggebers, der die
Arbeit bestellt hat. (Bei einem
Laienanhänger wurden diese Prioritäten in
der Regel durch den Rat eines religiösen
Mentors vorgegeben, der vielleicht sogar den
Plan des Gemäldes auf Papier skizzierte und
dabei die Positionen der einzelnen
Gottheiten angab, indem er deren Namen an
die gewünschten Stellen schrieb.) Mit
anderen Worten, eine Figur wird als
"Hauptfigur" (oder als Gruppe von
Hauptfiguren) ausgewählt, weil sie aus
irgendeinem Grund für den Auftraggeber
gerade von besonderer Bedeutung ist.
Beispielsweise wird eine Gottheit wie die
Weiße Tara oft als Hauptfigur gewählt, um
ernsthafte Krankheiten oder andere
Bedrohungen gegen das Leben des
Auftraggebers abzuwenden.
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Durch den Unterschied in Größe und
Positionierung kann man sofort die
Mitglieder von Prioritätsebenen erkennen und
unterscheiden. Eine Hauptfigur ist stets
größer, während Nebenfiguren kleiner
dargestellt sind. Des Weiteren ist eine
einzelne Hauptfigur gewöhnlich in der Mitte
des Bildes auf der vertikalen Achse plaziert.
Ein Künstler muß für ein Gemälde oder eine
Serie von Gemälden für jede Prioritätsebene
größere oder kleinere Maßeinheiten
festlegen: die Größe des Gesichts oder der
Handinnenflächen (dies sind klassische
Maßeinheiten, die jeweils aus der Breite von
zwölf Fingern bestehen) ist bei einer
Hauptfigur viel größer als bei den
Nebenfiguren. Theoretisch ist es möglich,
daß sich alle Figuren auf der
Prioritätsebene der Hauptfigur befinden oder
daß ein Bild gar keine Nebenfiguren hat. In
der Praxis kommt dies bei Bildern mit mehr
als zwei oder drei Figuren allerdings sehr
selten vor. In den meisten Bildern stellt
die Hauptfigur (oder die Gruppe von
Hauptfiguren) einen willkommenen
künstlerischen Fokus und spirituellen
Schwerpunkt dar.
2. Die Hierarchie der ikonographischen
Klassen innerhalb jeder Prioritätsebene:
Im Gegensatz zur ersten Unterscheidung
zwischen Haupt- und Nebenfiguren, die in
gewisser Weise auf persönlichen, beinahe
zufälligen Faktoren beruht, befaßt sich die
zweite Unterscheidung mit der Hierarchie der
verschiedenen ikonographischen Klassen im
tibetisch- buddhistischen Pantheon. Jede
einzelne heilige Figur des Pantheons gehört
zu der einen oder anderen relativ höheren
oder niedrigeren Klasse. Die Hauptklassen
der heiligen Figuren sind in absteigender
Reihenfolge folgende:
-
Meister der Übertragungslinie
-
tantrische Gottheiten (tib. yi dam)
-
Buddhas in der Form von Sambhogakaya und
Nirmanakaya
-
Bodhisattvas
-
Göttinnen (weibliche Bodhisattvas)
-
Pratyekabuddhas, Shravakas/Sthaviras
-
Dakas und Dakinis (tib. mkha' 'gro und
mkha' 'gro ma), d.h. Wesen einer hohen
Verwirklichungsstufe im Zusammenhang mit
der tantrischen Praxis
-
zornvolle Dharmabeschützer (dharmapala),
z. B. Vajrapani oder Mahakala
-
Yaksha-Gottheiten (tib. gnod sbyin), z.
B. die Vier Großen Könige,
Richtungsbeschützer
-
W wohlstands verheißende Gottheiten
(tib. nor lha), z.B. Jambhala
-
andere niedrigere Gottheiten (mahanaga,
gter bdag, etc.)
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Diese Liste gibt eine spirituelle Hierarchie
wieder. Die oberen Klassen verkörpern höhere
Verwirklichungen, während die nachfolgenden
Klassen entsprechend niedrigere
Verwirklichungen verkörpern. Die
Verwirklichung eines vollständig
erleuchteten Buddha ist beispielsweise höher
eingestuft als die eines Bodhisattva (der
immerhin ein Kandidat für die Buddhaschaft
ist), und natürlich ist sie höher als die
einer weltlichen Gottheit. In der Tradition
wird jedoch zwischen gewöhnlichen und
außergewöhnlichen Bodhisattvas
unterschieden; von außergewöhnlichen
Bodhisattvas wie beispielsweise
Avalokiteshvara heißt es, sie haben eine
buddhagleiche Ebene von Verwirklichungen
erreicht, wenngleich sie sich nicht als
Buddha in Form des Nirmanakaya zeigen. Eine
weitere wichtige Unterscheidung wird
zwischen Gottheiten, die die Stufe eines
Heiligen erreicht haben, und solchen, die
Götter der weltlichen Sphäre sind,
getroffen.
Die spirituelle Hierarchie oben stehender
Liste findet ihren rituellen Ausdruck in der
Reihenfolge, in der diese Gottheiten in den
Zeremonien der tibetischen Klöster angerufen
werden. In Übereinstimmung mit der Lehre des
Vajrayana stehen die Gurus an höchster
Stelle. Wie wird diese Hierarchie in einem
Bild ausgedrückt? Wie gehabt, wird sie durch
die Größe und Positionierung angedeutet,
allerdings gibt es hier einige Unterschiede.
Die Hierarchie oder spirituell höhere
Stellung einer Klasse in Bezug auf eine
andere wird in erster Linie durch deren
höhere Positionierung in vertikaler Richtung
in Relation zu den anderen Klassen derselben
Prioritätsebene dargestellt. Ein sehr
anschauliches Beispiel für Hierarchien oder
Klassen sind Bilder vom Typ des so genannten
Verdienstfeldes.
Zweitens wird der
höhere oder niedrigere Status einer Klasse
durch größere oder kleinere körperliche
Proportionen dargestellt (auch hier wiederum
in Relation zu anderen Klassen der gleichen
Bedeutungsstufe). Es gibt tatsächlich ein
genaues System figürlicher Proportionen,
wonach höher stehende Klassen größere
Proportionen besitzen als die unter ihnen
stehenden.3
Die Maßskala (d.h. die tatsächliche Länge
einer "Gesichtslängen-" oder einer "Fingerbreit"-
Einheit) bleibt jedoch innerhalb einer
Bedeutungsstufe gleich. Da es in der Regel
nur eine Hauptfigur gibt, betrifft die
Unterteilung in Klassen nur die
Nebenfiguren. Gelegentlich kommen jedoch
Thangkas mit zwei, drei oder mehr
"Hauptfiguren" vor. In diesem Fall treffen
die Regeln der Positionierung in Bezug auf
die Klassenhierarchie innerhalb dieser
Gruppe genauso zu.
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3. Hierarchien innerhalb derselben Klasse
heiliger Figuren:
Die dritte grundlegende hierarchische
Unterscheidung, diejenige, die die
Positionierung der Figuren innerhalb einer
ikonographischen Klasse derselben
Prioritätsebene beeinflußt, trifft
eigentlich nicht in jeder ikonographischen
Klasse zu. Manchmal haben alle Figuren einer
Klasse den gleichen Status inne, und ihre
Reihenfolge innerhalb ihrer Klasse ist
beinahe willkürlich (wenngleich Mitglieder
einer Gruppe oft entsprechend einer
feststehenden Anordnung dargestellt werden,
die beispielsweise auf der Reihenfolge ihrer
Erscheinung in einem kanonischen Text oder
einem berühmten älteren Thangka, das als
Vorlage diente, beruht. Wenn jedoch eine
echte Hierarchie existiert, kann diese eine
Vorrangstellung bezüglich der Lehre oder
eine spirituelle Überlegenheit ausdrücken.
Den Gottheiten des Anuttarayoga-Tantras wird
beispielsweise eine höhere Stellung als
denen des Yoga-Tantras und den beiden
anderen niedrigeren Tantra-Klassen
zugestanden, in Übereinstimmung mit der
Rangordnung der Lehre. Hingegen drückt die
Reihenfolge bei der Darstellung einer
Übertragungslinie von Lehrmeistern die
jeweilige Überlegenheit innerhalb dieser
Linie aus: Eine spirituell Höherstehende
Figur steht über einer niedrigeren. Dies ist
nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit
dem Alter (wenn auch in der Praxis eine
chronologische Reihenfolge von älteren zu
jüngeren Meistern typisch ist). Hier ist der
entscheidende Faktor der spirituelle
Entwicklungsstand, wobei ein Meister der
religiöse Lehrer des anderen ist.
Künstlerisch kann eine Vorrangstellung bei
Figuren auf etwa der gleichen vertikalen
Ebene auch dadurch angedeutet werden, daß
Höherstehende Figuren entweder näher zum
Zentrum hin oder zur rechten Hand der
niedriger gestellten Figuren plaziert
werden. Demnach hat bei einem Paar von
Meistern als Hauptfiguren derjenige zur
Rechten der Figuren (also zur Linken des
Betrachters) den höheren Status. In
ähnlicher Weise ist bei einer
Übertragungslinie oder Reihe die Position
zur Rechten der ersten Figur gewöhnlich
höher gestellt im Vergleich zur Position zur
Linken; dies spiegelt die alte indische
Sitte der Respekterweisung sowie die
ursprünglich übliche Benutzung der
jeweiligen Hand für reinere oder unreinere
Tätigkeiten wider.
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In einigen Bildern wurden die Darstellungen
des persönlichen Gurus des Auftraggebers
oder der großen Begründer seiner Tradition
auf eine höhere Ebene oder eine zentralere
Position innerhalb ihrer Klasse verschoben
(d.h. auf eine Position höherer
Wertschätzung), begründet durch die
besondere Hingabe an diesen Meister. So kann
ein einzelner Lehrer oder eine Gruppe aus
drei Gründungsmeistern außerhalb ihrer
aufgrund der üblichen Reihenfolge zu
erwartenden räumlichen Position in die obere
Mitte verschoben werden. Manchmal wurden die
großen Gründungsmeister nicht nur aus ihrer
normalen Reihenfolge herausgenommen und in
eine zentralere Position gebracht, sondern
auch in einem größeren Maßstab, also auf
einer höheren Bedeutungsebene, dargestellt.
Außerdem gibt es mindestens ein Gemälde, bei
dem die Figur des Lehrers eine Position
innerhalb der höchsten Prioritätsebene
erhielt, und zwar einen Sitz auf dem
Scheitel der Hauptfigur, was allerdings
äußerst selten ist.
David Jackson ist Professor für Tibetisch am
Institut für die Kultur und Geschichte
Indiens und Tibets an der Universität
Hamburg. Er erlangte den Titel eines Ph.D.
in (Tibetischen) Buddhistischen Studien von
der Universität Washington im Jahre 1985. Er
arbeitete intensiv zur Thangka-Malerei und
erforscht im Moment die Biographie Dezhung
Rinpoches (1906-1987).
Aus dem Englischen von Christine Ehrhardt.
Teil 2 in Tibet und
Buddhismus Heft 51.
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Bibliographie
-
Everding, Karl-Heinz 1993. Tibet:
Lamaistische Klosterkulturen, nomadische
Lebensformen und bäuerlicher Alltag auf dem
"Dach der Welt".
Köln, DuMont Buchverlag.
- Jackson, D. 1984. Tibetan Thangka
Painting: Methods and Materials.
London, Serindia Publications; überarbeitete
Auflage 1988. (In Zusammenarbeit mit J.
Jackson.)
- 1986.
"A Painting of Sa-skya-pa Masters from an
Old Ngor-pa Series of Lam 'bras Thangkas."
Berliner Indologische Studien. Bd. 2, S.
181-191.
- 1990. "The Identification of Individual
Masters in Paintings of Sa-Skya-pa
Lineages." In T. Skorupski, Hrsg.,
Indo-Tibetan Studies. Buddhica Britannica,
Series Continua (Tring). Bd. 2, S. 129-144.
- 1993. "Apropos a Recent Tibetan Art
Catalogue." (Besprechung von M. Rhie und R.
A. F. Thurman, Wisdom and Compassion, New
York, 1991).
Wiener Zeitschrift für die Kunde Südasiens,
Bd. 37, S. 109-130.
- 1996. A History of Tibetan Painting: The
Great Painters and Their Traditions.
Beiträge zur Kultur- und Geistesgeschichte
Asiens, Nr. 15. Wien, Verlag der
Österreichischen Akademie der
Wissenschaften.
- Kossak, S. und J. C. Singer 1998.
Sacred Visions: Early Paintings from Central
Tibet. New York, The Metropolitan Museum of
Art.
- Singer, Jane Casey 1994. "Painting in
Central Tibet, ca. 950-1400." Artibus Asiae,
Bd. 54, Nr. 1/2, S. 87-136.
- 1997. "Taklung Painting." in J. Singer and
P. Denwood, Hrsg., Tibetan Art: Towards a
Definition of Style. London Lawrence King.
S. 52-67.
- Tanaka, Kimiaki 1996. "The Usefulness of
Buddhist Iconography in Analysing Syle in
Tibetan Art."
Tibet Journal, Bd. 21-2, S. 6-9.
Fußnoten:
1 Die
detaillierte Beschreibung und systematische
Verwendung der Analyse der Übertragungslinie
zu chronologischen Zwecken hat erst vor
kurzem begonnen, obwohl ich diese Methode zu
einem gewissen Grad in D. Jackson 1986,
1990, 1993 und 1996 verwendet habe. Seit
Beginn oder Mitte der neunziger Jahre haben
einige andere Historiker das Potential
dieser Methode entdeckt, einschließlich J.
C. Singer 1994 und 1997 sowie Kimiaki Tanaka
1996, S. 6-9. Eine solche Methode kann
besonders effektiv durch diejenigen
eingesetzt werden, die tibetische
Schriftquellen für historische
Untersuchungen heranziehen können.
2 Meine eigenen Anmerkungen in diesem
Aufsatz basieren hauptsächlich auf einer
direkten Untersuchung von Gemälden, obgleich
ich bei einigen wenigen Punkten
(insbesondere in bezug auf ikonometrische
und ikonographische Klassen) durch gelehrte
Lamas und schriftliche bzo-rig Abhandlungen
beeinflußt wurde.
3 Siehe D. Jackson 1984, Kapitel 4 und
Anhang A.
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