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Die Diskussion um das Reine Land Shambhala
und die Mythen Shangri-La und Tibet findet
seit langer Zeit in wissenschaftlichen und
politischen Kreisen statt. Für die
spirituelle Praxis im tibetischen Buddhismus,
insbesondere auch des Kalacakra-Tantra, ist
sie von untergeordneter Bedeutung. Denn hier
geht es um das Erreichen der Vollkommenheit
eines Buddhas mit Hilfe von Weisheit und
Methode. Als Methode dienen im Tantra
besondere Meditationen wie der Gottheiten-Yoga
und die Übung reiner Wahrnehmungen.
Shambhala ist für die tibetischen Meister,
die das Kalacakra-Tantra praktizieren, vor
allem ein Reines Land, in das
fortgeschrittene Yogis und Yoginis gelangen
können, um dort den tantrischen Pfad zu
vollenden. In dieser Hinsicht unterscheidet
es sich nicht von anderen Reinen Ländern wie
Sukhavati.
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In den tantrischen Schriften wird auch
beschrieben, wo das Tantra gelehrt wurde.
Buddha Shakyamuni hat in Indien viele
Belehrungen gleichzeitig gegeben. So heißt
es, dass er in Rajagriha Belehrungen über
die Vollkommenheit der Weisheit gab, während
er gleichzeitig in Südindien einem
Shambhala-König das Kalacakra-Tantra lehrte.
Zu diesem Zweck ist er dort in Gestalt der
Kalacakra-Gottheit in Vereinigung mit seiner
Gefährtin erschienen. Auch in verschiedenen
Götterbereichen hat er tantrische
Belehrungen gegeben, zum Beispiel im Bereich
der "Dreiunddreißig" und im "Freudvollen
Land". Außerdem heißt es, der Buddha habe an
verschiedenen Naga- und Yaksha-Orten und
auch innerhalb dieser Welt, die Jambudvipa
genannt wird, an Plätzen wie Oddiyana und so
weiter spezielle tantrische Unterweisungen
gegeben.
Shambhala, auf Deutsch "Quelle des Glücks",
ist der Name eines sagenumwobenen Landes,
das erstmals in der frühen Hindu- und
Buddhismus-Literatur genannt ist. Historisch
erscheint die Ortsbezeichnung "Shambhala"
erstmals in dem prophetischen Hindu-Mythos
von Kalki im Mahabharata-Epos und in der
epischen Literatur der Puranas. In Hindu-Texten
ist Shambhala der Name eines Brahmanendorfes,
das der Geburtsort von Kalki, künftiger
Welterlöser und zehnte Inkarnation des
Vishnu, sein wird.
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John Newman, der 1987 in Wisconsin-Madison
in Buddhistischen Studien über das
Kalacakra-Tantra promovierte, sagt, der auf
Vishnu bezogene Mythos von Kalki sei von
Autoren der indisch-buddhistischen
Tantra-Literatur des Kalacakra (Zeitenrad)
entliehen und adaptiert worden. In den
buddhistischen Kalacakra-Texten wird
Shambhala jedoch nicht mehr als bloßes Dorf
beschrieben, sondern als ein mächtiges
Königreich in der Mitte eines Imperiums,
bestehend aus 96 großen Ländern und mehr als
einer Milliarde Dörfern. Die Texte schildern
es als die Heimat einer langen Dynastie von
Bodhisattva-Königen, bekannt als Kalkin.
Einer Prophezeiung zufolge soll am Ende des
Kali-Zeitalters der letzte, 25.
buddhistische Kalkin, Raudra Cakrin, die
Armee von Shambhala in einen "Großen Krieg"
führen und "die Barbaren" besiegen (Cabezon/Jackson
1996, 485-499). Historisch-kritisch
betrachtet muss man davon ausgehen, dass das
Kalacakra-Tantra erst zur Zeit der
islamischen Invasion Nord-West-Indiens
Anfang des 11. Jahrhunderts verfasst wurde.
Newman nimmt an, dass der
indisch-buddhistische Mythos von Shambhala
teilweise als Reaktion auf die aktuelle Lage,
das heißt die massive Zerstörung
buddhistischer Stätten in Indien geschaffen
wurde.
Ob Buddhisten auf Grund der historischen
Fakten nun weiterhin annehmen, dass das
Tantra vom Buddha selbst zu seinen Lebzeiten
gelehrt, über Jahrhunderte mündlich tradiert
und später schriftlich niedergelegt wurde
oder dass es erst im 11. Jahrhundert durch
eine mystische Begegnung mit Kalacakra
entstanden ist, macht für die Praxis keinen
Unterschied. Aus Sicht des Historikers muss
man aber heute davon ausgehen, dass das
Kalacakra-Tantra das letzte in Indien
entstandene Tantra war und bisher der einzig
bekannte Sanskrit-Text ist, in dem die
Existenz des Islam offiziell bemerkt wird.
Darauf weist Newman wie früher auch schon
Winternitz in seinem Aufsatz Islam in the
Kalacakra Tantra (1998) hin.
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Das Reine Land, in dem der Dharma blüht
Erstaunlich ist, dass es im Zusammenhang mit
dem Shambhala-Mythos sogar tibetische
"Wegbeschreibungen" oder "Reiseführer", auf
Tibetisch "Lamyig" (lam yig), gibt, die
Turrell V. Wylie als "religiöse Geografie"
bezeichnet und Newman im Einzelnen
auflistet. Die meisten beschäftigen sich mit
Pilgerreisen. Zu der Frage, ob Shambhala
wirklich existiert und wenn ja, wo und ob in
dieser Welt oder in einer anderen, gibt es
zahlreiche Interpretationen und Theorien.
Die indische Kalacakra-Literatur, so Newman,
macht klare Ortsangaben zu Shambhala. Danach
liegt es nördlich von Indien und dem Shita
Fluss, den er als Tarim-Fluss in
Ost-Turkestan identifiziert, und auf einem
Breitengrad nördlich von Tibet, Khotan und
China. Wenn Shambhala also nördlich von
China und nördlich vom Tarim-Fluss liegt,
dann müsse es in der nördlichen Region des
Tienschan (Tian Shan) liegen, einer rund
2500 Kilometer langen Hochgebirgskette in
Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien, China).
Während im Westen Tibet als das
geheimnisvolle Land Shambhala angesehen
worden ist, haben die Tibeter ihr heiliges
Land an einem anderen Ort gesucht, so
Bernbaum in seinem Werk Der Weg nach
Shambhala (Hamburg: Papyrus 1982).
Tibetische Texte verweisen auf ein irgendwo
nördlich von Tibet hinter Schneebergen
versteckt liegendes Königreich. Dort bewacht
eine Dynastie erleuchteter Könige die
geheimsten Lehren des Buddhismus während
einer Zeit, in der die Wahrheit durch Krieg
und die Gier nach Macht und Reichtum von der
Welt verschwunden sein wird. Dann wird -
gemäß der Prophezeiung - der zukünftige
König von Shambhala mit einer mächtigen
Streitmacht erscheinen, um "die Mächte des
Bösen" vernichtend zu schlagen und ein
"Goldenes Zeitalter" einzuleiten. Unter
seiner erleuchteten Herrschaft wird die Welt
schließlich ein Ort des Friedens und des
Wohlstands werden, durchdrungen von den
Schätzen der Weisheit und des Mitgefühls.
Nur jene, die dazu berufen sind und die
notwendigen geistigen Voraussetzungen
besitzen, können nach Shambhala gelangen.
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Obwohl Shambhala im tibetischen
Volksbuddhismus vielfach als Götterhimmel
betrachtet wird, halten viele Lamas es für
ein Reines Land, so Bernbaum, also für ein
Buddha-Land, eine Art von Paradies für jene,
die sich auf dem geistigen Weg befinden. Es
soll das einzige Reine Land sein, das auf
dieser Erde existiert. Auch der Dalai Lama
habe ihm gegenüber geäußert, dass Shambhala
eine materielle Existenz besitze und auf
dieser Welt angesiedelt sei.
In beiden Traditionen, der indischen wie der
tibetischen, sei Shambhala Zielort und Fokus
eschatologischer Vorstel-lungen, so Oppitz
in seiner Semiologie eines Bildmythos. In
der buddhistischen Tradition würden die
"feindlichen Barbaren" vorzugsweise mit den
Muslimen gleichgesetzt, in der indischen je
nach dem, wann die Texte eingeschoben
wurden, mit den Mlecchas, den Dasyas, den
Shudras, ja selbst mit den Buddhisten. Im
indischen Raum würden die Schriften, in
denen der Mythos von Kalki Erwähnung findet,
über eine Zeit von weit mehr als tausend
Jahren zurück-reichen. Sein erstes
Auftauchen in einem Text gehe auf das zweite
oder erste vorchristliche Jahrhundert
zurück. Die einzelnen Puranas seien zum
größten Teil danach bis ins 10. Jahrhundert
unserer Zeitrechnung kompiliert worden,
während die letzten möglicherweise im 12.
oder 13. Jh. ihre endgültige Form erhalten
haben.
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Der Mythos und die Politik
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
greift der Mythos nachweislich von der
Literatur auf den Bereich der Politik über.
Ein burjatischer Lama names Dorjijew, der
als Lehrer und Ratgeber des 13. Dalai Lama
am Potala großen Einfluss besaß und später
am Hofe des Zaren Nikolaus II. zweimal zur
Audienz geladen wurde, wusste, so Opitz,
geschickt den vagen und passiven Adventismus
der Shambhala-Idee zu aktivieren und mit den
handfesten Interessen einer politischen
Macht in Verbindung zu bringen. Dorjijew sei
der Verfasser eines Pamphlets gewesen, in
dem ganz offen das nordwestliche Reich
Shambhala mit Russland identifiziert und der
Zar als eine Reinkarnation von Tsongkapa
ausgegeben worden sei. Er habe behauptet,
der Zar stehe im Begriff, das erwartete
buddhistische Weltreich zu errichten. Wer
ein Freund des Buddhismus sei, der müsse
auch ein Freund des russischen Zaren sein.
Diese Auslegung der Shambhala-Idee sei der
damaligen Asienpolitik des Zaren zupass
gekommen, und auch "viele Tibeter" sollen
ihre Hoffnungen in sie gesetzt haben. Die
Engländer hätten die russisch-tibetische
Annäherung als eine Bedrohung ihrer eigenen
kolonialen Interessen in Indien und Tibet
verstanden. Sie habe schließlich zu der
britischen Invasion in Tibet geführt, welche
das schlechte Gewissen der Sprache gern zur
Younghusband "Expedition" oder sogar
"Mission" verharmlost habe.
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1933 ist der Shambhala-Mythos schließlich in
dem englischen Reise- und Utopia-Roman Lost
Horizon des Engländers James Hilton zum
Shangri-La-Mythos abgewandelt und 1937 in
einem Hollywood-Streifen visuell umgesetzt
worden. In der Folgezeit hat sich das Wort
Shangri-La in der englischen Sprache
etabliert, um das sich viele Mythen und
Vorstellungen ranken. Kein Wunder, dass
Shambhala und die ihm zugrunde liegenden
Texte des Kalacakra-Tantra auch eines der
Hauptthemen des Bonner Symposiums "Mythos
Tibet" waren Dodin/Räther 1997).
Obwohl ein indischer Meister namens Cilupa
tatsächlich nach Shambhala gereist sein
soll, wird es wie ein Reines Land
beschrieben, ein Ort jenseits einer
gewöhnlichen Reise, ein Land, das nur denen
erscheint, die viele Verdienste haben. Durch
entsprechende Wunschgebete kann man dort
geboren werden und die Unterweisungen der
Kulikas genießen. Auch eine Initiation setzt
Anlagen für eine Wiedergeburt in Shambhala
nicht nur zum Zwecke der Fortführung der
Praxis des Kalacakra-Systems, sondern auch,
um sich unter der Obhut und dem Schutz des
Kulika Rudra zu befinden. Somit sei
Shambhala für viele Tibeter, Mongolen,
Bhutanesen, Sikkimesen, Nepalesen und
Ladhakis ein Leuchtfeuer der Hoffnung in
einer Welt der Tragödie (Dalai Lama/Hopkins
1985, 65).
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Der illusionäre Krieg von Shambhala
Bis zum heutigen Tag, so Newmann in seinem
Aufsatz "Eschatologie im Zeitenrad-Tantra"
(NEWMAN 1995), regieren die Kalkins von
Shambhala in ihrem zentralasiatischen
Paradies auf Erden, wo sie die
Zeitenrad-Lehren vor den negativen Kräften
schützen. Am Ende des jetzigen Zeitalters
der Degeneration, wenn "die Barbaren" die
Erde außerhalb Shambhalas überrannt haben,
wird laut Prophezeiung der letzte Kalkin,
Cakrin, seine große Armee versammeln und die
Streitmächte des Islam zerstören. Dann wird
Cakrin nach Shambhala zurückkehren, um ein
neues Zeitalter der Vollkommenheit
einzuleiten, in dem der Buddhismus blühen
wird und die Menschen lange in Glück und
Gerechtigkeit leben werden.
Der tibetische Begriff für Barbar ist "Lalo"
(kla klo, mleccha). Er kann sowohl im
Tibetischen als auch im Sanskrit als
"Barbar" übersetzt werden. Unter den
Tibetern versteht man unter einem "Lalo"
allgemein jemanden, der in einem entlegenen
Land lebt, was das Gegenteil von einem
zentralen Land ist. In einem zentralen Land
gibt es die vier Stände des Buddhas,
männliche und weibliche Laien sowie Mönche
und Nonnen. Länder, in denen es diese vier
Stände nicht gibt, werden entlegen genannt.
Ihre Bewohner sind Fremde oder, wenn man es
archaisch ausdrücken will, "Barbaren".
Dieser Begriff findet z.B. in der
Lamrim-Literatur Erwähnung und ist dort in
diesem allgemeinen Sinn zu verstehen.
Newman, der sich in seiner Arbeit aber
hauptsächlich auf das "Äußere Kalacakra",
also die Kosmologie, und den Shri
Kalacakra-Kommentar Vimalaprabha stützt,
identifiziert die "Barbaren" dort in diesem
Kontext als "Muslims". Selbst der Wurzel-
oder Grundtext, also das Tantra selbst,
erwähnt sie, obwohl es den Islam zu
Lebzeiten dem Buddha noch nicht gab. Es
handelt sich hier also um ein historisches
Faktum, das wir als Buddhisten nicht
ignorieren können, auch wenn wir ihm für die
heutige Zeit keine große Bedeutung mehr
beimessen. Es ist ein Stück Geschichte dass
es zu verarbeiten gilt.
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Newmans Einschätzung nach waren einige
frühere tibetische Gelehrte wie Bu-ston und
Taranatha sich bewusst, dass im
Kalacakra-Tantra von Muslimen die Rede war,
während die meisten zeitgenössischen
tibetischen Gelehrten es entweder nicht
wissen oder es vorziehen, dies nicht zu
betonen. Das ist auch mein persönlicher
Eindruck. Aber natürlich kann man die
Geschichte nicht rückgängig machen. Die
islamische Invasion Indiens war
hauptverantwortlich für die völlige
Auslöschung des indischen Buddhismus. Die
indischen Buddhisten haben sich der
islamischen Invasion ähnlich wie die Tibeter
bei der chinesischen Invasion ihres Landes
1950/51 kaum zur Wehr gesetzt. Das einzige,
was sie, historisch betrachtet, der Gewalt
entgegensetzen, war der Mythos des
Shambhala-Krieges.
Newman weist deutlich darauf hin, dass das
Kalacakra-Tantra diesen äußeren Krieg mit
den Barbaren als "Illusion" beschreibt. Der
Buddha habe das Kalacakra-Tantra bloß als
geschicktes Mittel gelehrt, um die Loyalität
der Hindu-Brahmanen zu wecken. Tatsächlich
wäre der äußere Krieg einfach nur ein
magisches Spiel. Durch meditative
Konzentration wird Kalkin Cakrin zahllose
magische Pferde aussenden, welche den Geist
der Lebewesen gefangen nehmen werden. Des
Weiteren wird der tatsächliche Krieg nicht
im Makrokosmos - in der äußeren Welt -
stattfinden, sondern im Mikrokosmos, im
Körper des Praktizierenden des
Kalacakra-Tantras.
Das klingt ähnlich wie das Wirken des
buddhistischen Ideals eines Weltherrschers
(cakravartin), wie es im buddhis-tischen
Kanon beschrieben wird (Schmithausen 1996).
Danach erobert ein gerechter Herrscher die
ganze Welt ohne Blutvergießen, und zwar
dergestalt, dass dem König ein
Rad mit tausend Speichern vorauseilt, dem er mit
seinem Heer folgt und dem die "Gegenkönige"
sich kampflos unterwerfen. Nach Eroberung
des gesamten Erdkreises regiert er gewaltlos
und gerecht; da die von ihm bei der
Eroberung erlassenen Moralgesetze allgemein
geachtet werden, gibt es weder Verbrechen
noch Strafen, und natürlich mangels Feinden
auch keine Kriege.
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Der Krieg gegen die Unwissenheit
Der eigentliche Krieg im Kalacakra-Tantra,
so Newmann (1997), ist der Kampf zwischen
den Kräften der Erleuchtung und der
Unwissenheit, der den Pfad des Yogin
charakterisiert. Wenn der Yogin
diamantengleiche Erkenntnis (Gnosis)
erlangt, die transformierende Weisheit, die
das Ziel des Zeitenrades ist, überwindet er
oder sie den inneren Barbarismus, der das
Böse der Existenz kreiert. In der
esoterischen, allegorischen Interpretation
des Mythos symbolisiert der Krieg zwischen
Kalkin und Islam die radikale Erleuchtung
des Yogin, wobei das korrekte Verständnis
der Realität die Dunkelheit der Unwissenheit
vertreibt.
Es ist vom eigenen Karma abhängig, so Mullin
(1991), wie Shambhala einem erscheint. Zum
Beispiel wird auch ein und derselbe Fluss
von Göttern als Nektar, von Menschen als
Wasser, von Hungrigen Geistern als Eiter und
Blut und von einigen Tieren als Lebensraum
wahrgenommen. Der 3. Pantschen Lama schlägt
in seinem Reiseführer nach Shambhala vor,
dass es dreierlei ist: 1. ein yogischer
Zustand der Erlangung von Kalacakra, 2. ein
Reines Land, 3. ein tatsächlich physischer
Ort. Es sei aber vor allem die Rolle eines
Reinen Landes, welche die Herzen der meisten
Zentralasiaten gefangen halte. Im Geist von
hohen Yogis und einfachen Nomaden stehe
Shambhala für einen hervorragenden Ort, an
dem diejenigen, die ein klares Herz und
positives Karma haben, in einer Umgebung von
Glück und Erleuchtung Wiedergeburt nehmen
können. In diesem Sinne eines Reinen Landes
ist Shambhala für Buddhisten also kein
Mythos, sondern Wirklichkeit, allerdings nur
mit entsprechender spiritueller Reife
erreichbar.
Nach oben
Michael Henss (1996, 123-136) schreibt in
seinem erstmals anlässlich der
Kalacakra-Initiation in Rikon (Schweiz) 1985
herausgegebenen Buch Kalachakra: In einem
Interview habe S.H. der Dalai Lama die
Bedeutung der Kalacakra-Einhweihung für die
Erhaltung und Ausbreitung des Weltfriedens
in der heutigen Zeit herausgestellt. Die
Teilnahme an der Einweihung könne
friedensschaffende Energien vermitteln, die
in diesem Tantra vorhanden sind. Ziel dieser
Lehre ist es, den Geist des Menschen von
Unwissenheit und Täuschung, den Ursachen des
Leidens zu befreien.
Henss zitiert S. H. den Dalai Lama auch zu
der die Frage, was den Pfad des
Kalacakra-Tantra ausmacht: Kalacakra ist ein
tantrisches System mit mehreren
einzigartigen Merkmalen. Gewöhnlich besteht
das Höchste Yoga-Tantra aus zwei Gruppen:
"Verborgene Tantras" wie das Guhyasamaja und
"Klare Tantras" wie das Kalacakra. Das
Kalacakra-Tantra ist ein sehr spezielles
Tantra für diejenigen, die die richtigen
körperlichen, geistigen und karmischen
Voraussetzungen mitbringen. Diese
besonderen Qualitäten kommen zum Vorschein,
nachdem man die vorgestellten Yoga(-Tantras)
der Schöpfungsphase (Erzeugungsstufe)
beendet hat und man den Yoga der wahren
Vollendungsphase (Vollendungsstufe) ausübt.
Das Kalacakra-Tantra ist einzigartig in
seiner Darstellung der sechs diese
Vollendungsphase bildenden Yogas. Es ist
nicht angemessen, diese Themen öffentlich
darzulegen.
Die Meditation der Schöpfungsphase lässt den
Geist für die Yoga-Übungen der
Vollendungsphase reifen. Es werden drei
Kalacakras gelehrt: das Äußere Kalacakra -
die Elemente des Universums, in dem wir
leben; das Innere Kalacakra - die
psycho-physischen Aggregate, die Fähigkeiten
der Empfindung und der Psyche der Lebewesen;
das Alternative Kalacakra - der Weg der
Schöpfungs- und Vollendungs-Yogas, die die
beiden vorangehenden Kalacakras zu reinigen
die Macht haben.
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Das Äußere Kalacakra wird gewöhnlich im
Zusammenhang mit unserer Erdenwelt erklärt.
Wenn man über das Kalacakra-Mandala
meditiert, sieht man das Innere Kalacakra
als den Körper, Gesichter, Hände, Füsse
usw., ebenso alle das Mandala umgebende
Gottheiten, die als Symbole der Sterne,
Planeten, Gestirne usw. visualisiert werden.
Hieraus wird deutlich, dass Kalacakra eine
besondere Beziehung zu allen Menschen dieser
Erde hat. Des Weiteren wird klar, dass die
Kalacakra-Lehren auf drei Ebenen operieren.
Das Äußere Zeitenrad, d.h. der Kosmos, ist
eine Reflektion des Inneren Zeitenrades,
also der Person mit Körper und Geist. Diese
formen die Basis, die durch den
Erlösungsweg, der durch die Erzeugungs- und
Vollendungsprozesse des Kalacakra-Vajrayoga
erzeugt wird, gereinigt werden.
Seine Heiligkeit der Dalai Lama nahm im
November 2001 zu einer Anfrage unserer
Redaktion über seine Einstellung zum "Krieg
von Shambhala" und seine Intention, warum er
die Kalacakra-Initiation für den Weltfrieden
gibt, wie folgt Stellung: Weil das gesamte
buddhistische Tantra mit seinem Schwerpunkt
auf dem Mitgefühl und dem Verständnis der
Leerheit im Kalacakra-Tantra erklärt wird,
haben sowohl Dsche Tongkapa als auch Bu-ston
Rinpoche es als äußerst wichtig und
tiefgründig erklärt. Ferner enthält es
genaue Erklärungen über die Erzeugungsstufe
und die Vollendungsstufe des Höchsten
Yogatantra.
Dies ist der Grund, fasst sein
Privatsekretär Tenzin Geyche Tethong
zusammen, warum der Dalai Lama die Kalacakra
Unterweisungen gibt. Seine Heiligkeit hat
dem historischen Teil der
Kalacakra-Unterweisungen, wo es um das
Shambhala-Königreich und den Krieg von
Shambhala geht, die er nicht als wichtig
erachtet, entsprechend keine Beachtung
geschenkt.
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Auch Vesna Wallace, Assistant Professor of
Religious Studies an der University of
California, meint, dass der Shambhala-Krieg
als Metapher angenommen werden kann.
Tatsächlich würden das Kalacakra-Tantra
selbst und der Vimalaprabha-Kommentar darauf
aufmerksam machen, dass der Krieg von
Shambhala bereits im Körper eines jeden
Individuums stattfindet, mit Unwissenheit
und Geistesplagen auf der einen Seite und
den Tugenden, die aus der buddhistischen
Praxis resultieren, auf der anderen Seite.
Je mehr die Übenden in der Praxis des Dharma
fortschreiten, sind sie durch Mittel wie die
Praxis des Gottheiten-Yoga von Kalacakra in
der Lage, auf dem Pfad die subtilsten
Bewusstseinsebenen bis hin zum Klaren Licht
kontrolliert hervorzubringen und für die
Meditation nutzbar zu machen und von
Hindernissen zu reinigen. Dadurch wird der
Frieden im Geist zunehmen, die äußere Welt
wird sich gleichermaßen zu einer
friedlicheren Welt entwickeln und die Gefahr
eines Krieges nimmt ab. Liebe und Weisheit
sind dafür wie in anderen Weltreligionen
ausschlaggebend.
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Literatur zum Thema
BERNBAUM, Edwin: Der Weg nach Shambhala.
Hamburg: Papyrus 1982.
DALAI LAMA XIV, Tenzin Gyatso /HOPKINS,
Jeffrey: The Kalachakra Tantra. Rite of
Initiation.
London: Wisdom Publications, 1985.
DODIN, Tierry / RÄTHER, Heinz: Zwischen
Shangrila und Feudalherrschaft. Versuch
einer Synthese. In: DODIN/RÄTHER:
Mythos Tibet. Köln: DuMont, 1997.
GESHE NGAWANG DHARGYEY: Kalacakra Tantra.
Dharamsala: LTWA, 1985.
HENSS, Michael: Kalachakra. 4.
nochmals überarbeitete Auflage.
Ulm/Donau: Fabri Verlag, 1996.
MULLIN, Glenn H.: The Practice of
Kalachakra. Ithaca, New York: Snow Lion
Publications, 1991.
NEWMAN, John:
-
A Brief History of the Kalachakra.
In Geshe Lhundup Sopa et. al., The
Wheel of Time, pp. 51-90. Madison,
Wisconsin: Deer Park Books, 1985.
Reprint: Ithaca, New York: Snow Lion,
1991.
-
The Outer Wheel of Time: Vajrayana
Buddhist Cosmology in the Kalacakra
Tantra.
Ph.D. dissertation. Madison: University
of Wisconsin-Madison, 1987.
-
The Kalki Avatara of Vishnu and the
Buddhist Kalkins of the Kalacakra
Tantra: Myth as Polemic and Propaganda.
Unpublished paper presented at the 41st
Annual Meeting of the Association of
Asian Studies, 1989.
-
Islam in the Buddhist Kalacakra Tantra.
1989. IABS [1998] 21.2:311-71.
-
Eschatology in the Wheel of Time Tantra.
In: LOPEZ, Donald S. Jr. (Hrsg.):
Buddhism in Practice.
New Jersey: Princeton University Press
1995.
-
Itinearies to Sambhala.
In CABEZÒN, José Ignacio / JACKSON, R.
(Hrsg.): Tibetan Literature (Studies
in Genre. Essays in Honor of Geshe
Lhundup Sopa.) Ithaca, New York:
Snow Lion 1996.
OPPITZ, Michael: Semiologie eines
Bildmythos. Zürich: Völkerkundemuseum
der Universtität Zürich, 2000.
SCHMITHAUSEN, Lambert: Buddhismus und
Glaubenskriege. In: Joachim
Jungius-Gesellschaft, Wiss. Hamburg, 83, S.
63-92; 1996.
Carola Roloff
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