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von Geshe Thubten Ngawang
Gewaltlosigkeit wird im Buddhismus
folgendermaßen definiert: "Gewaltlosigkeit
ist ein Geistesfaktor, der von dem Aspekt
her bestimmt wird, daß man eine völlig
nicht-feindselige Haltung annimmt, die sich
darin äußert, daß man bei der Beobachtung
des Leidens der fühlenden Wesen dieses nicht
ertragen kann, sondern denkt: Mögen sie
davon befreit sein!"
Die Gewaltlosigkeit ist also ein Aspekt des
Geistes, der durch das Nicht-Ertragen-Können
des Leids anderer charakterisiert ist. Das
Gegenteil davon wäre, daß wir es ertragen,
die Wesen leiden zu sehen, insbesondere
dann, wenn wir ihnen selbst Leiden zufügen.
Es ist uns dann gleichgültig, ob der andere
durch die eigenen Taten Schaden nimmt.
Asanga sagt: "Was ist Gewaltlosigkeit? Sie
gehört zur Kategorie der Haßlosigkeit und
ist die mitleidvolle Haltung des Geistes.
Als Funktion bewirkt sie, daß man andere
nicht quält." Asanga unterstreicht besonders
das Mitgefühl, das in der Gewaltlosigkeit
enthalten ist; man empfindet Mitgefühl
angesichts der Leiden anderer Wesen, was
gleichbedeutend damit ist, daß man es nicht
hinnehmen mag, wenn die anderen Wesen Qualen
erleben, insbesondere durch das eigene
Handeln.
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Das Gegenteil der Gewaltlosigkeit, also eine
Haltung der Gewalt, besteht darin, daß es
einem nichts ausmacht, wenn die Wesen Leiden
erfahren. Ich habe einmal im Fernsehen eine
Biographie des Kaisers Nero im alten Rom
gesehen, die zur Zeit der Christenverfolgung
spielte. In einer Szene wurden Gefangene in
eine Arena mit vielen tausend Zuschauern
getrieben; dann wurden Raubtiere in die
Arena gejagt, die die Schutzlosen anfielen.
Die Gejagten erlitten unsagbare Angst und
Qualen. Doch der Kaiser amüsierte sich beim
Anblick der Leidenden; es bereitete ihm
offensichtlich Vergnügen, sich anzuschauen,
wie den Wesen Verletzungen zugefügt wurden.
Das ist ein Beispiel für die Haltung des
unbarmherzigen Hinnehmens, wenn andere Pein
erleben; man empfindet nicht das geringste
Mitleid. Die Gewaltlosigkeit ist das direkte
Gegenteil davon, denn sie erträgt das Leiden
der Wesen nicht und ist mit dem Wunsch
verbunden, daß sie von ihrem Leiden frei
sein mögen. Im Falle einer unbarmherzigen
Einstellung läßt es uns völlig kalt, was mit
dem anderen geschieht, aber es ist uns ganz
und gar nicht gleichgültig, was uns selbst
widerfährt. Auch wenn wir selbst nur für
einige Momente Unannehmlichkeiten ausgesetzt
sind, unternehmen wir alles Mögliche, um uns
aus der mißlichen Lage zu befreien. Wenn
aber anderen über lange Zeit hinweg großes
Leiden widerfährt, ist es uns gleichgültig.
Wir betrachten die anderen wie leblose
Steine oder Gemüse.
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Gewaltlosigkeit ist eine Wurzel des
Buddhismus. Der Buddha lehrte ein Verhalten
und Denken, das andere nicht schädigt und
ihnen kein Leid zufügt. Er wies seine
Schüler an, die zehn unheilsamen Handlungen
zu vermeiden: drei körperliche - Töten,
Stehlen und sexuelles Fehlverhalten -, vier
sprachliche - Lügen, Zwietracht-Säen,
verletzende Rede und sinnloses Geschwätz -
und drei geistige - Habgier, Übelwollen und
Festhalten an verkehrten Ansichten.
Gewaltloses Verhalten ist zu verbinden mit
der Einsicht in die abhängige Natur der
Wirklichkeit - der zweiten Wurzel der
buddhistischen Lehre.
Gewaltverzicht findet sich nicht nur im
Buddhismus, sondern in allen Religionen und
Philosophien, die den Menschen nützen. Das
Besondere an der Lehre des Buddha Shakyamuni
ist, daß die Ethik der Gewaltlosigkeit mit
der Gesetzmäßigkeit des Abhängigen
Entstehens begründet wird. Der Buddha wies
darauf hin, daß die Ausübung von Gewalt, das
Schädigen anderer durch Töten, Stehlen und
dergleichen nicht nur gegenwärtig andere
Wesen schädigt, sondern auf lange Sicht auch
dem Handelnden selbst Leiden bereitet.
Dieser Zusammenhang ergibt sich aus der
Gesetzmäßigkeit des Abhängigen Entstehens,
das auf innerem, geistigen Gebiet wirkt.
Jede Handlung hinterläßt Wirkungskräfte im
Handelnden selbst, und schädigende Taten
bedeuten für ihn selbst Leiden in der
Zukunft. Wir können selbst beobachten, daß
Wirkungen nicht ohne Ursachen entstehen und
daß Resultate aus solchen Ursachen
hervorgehen, die in ihrer Natur mit ihnen
übereinstimmen.
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Der Buddha erkannte den Zusammenhang von
Ursachen und Wirkungen auf innerem Gebiet,
und er zeigte, daß das eigene Glück und
Leiden von entsprechenden inneren Ursachen
abhängt. Aus negativen Verhaltensweisen
ergeben sich für den Handelnden selbst
negative Wirkungen, also unerwünschte
Leiden. Oft können wir sehen, daß jemand
ganz unvorhergesehen und ohne ersichtlichen
Grund in Not gerät, sei es in Verbindung mit
seiner Gesundheit, seinem Besitz oder seinen
Beziehungen zu anderen. Der Buddha stellte
heraus, daß solche Ereignisse nicht ohne
entsprechende Ursachen geschehen. Sie haben
innere Ursachen in der Person, die das Leid
erfährt; sie selbst hat in der Vergangenheit
durch ihre eigenen Taten entsprechende
Ursachen in sich gelegt, die allerdings sehr
weit in die Vergangenheit zurückreichen
können.
Der Buddha lehrte also, daß alle Handlungen,
ob positiv oder negativ, zusätzlich zu der
äußeren Wirkung auch innere Resultate beim
Handelnden selbst hervorrufen. Eine innere
Einstellung, die frei von Gier, Haß,
Verblendung und anderen
Leidens verursachenden Bewußtseinsfaktoren
ist, zusammen mit einem äußeren Verhalten,
das andere nicht schädigt, ist deshalb
hilfreich für die Wesen in der eigenen
Umgebung und langfristig auch für uns
selbst. Gewaltloses Verhalten ist das
Förderlichste sowohl für das Zusammenleben
in Gemeinschaften als auch für das
Individuum selbst. |