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Seiner Heiligkeit der Dalai Lama
S.H. der Dalai Lama hielt folgenden Vortrag im
Juni 1995 in Zürich. Wir bringen ihn aus Anlass
seines 70. Geburtstages, da er seine
Kerngedanken und wichtigsten Anliegen enthält.
Mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft
für Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF),
die den Vortrag organisiert hat.
Liebe Brüder und Schwestern, ich freue mich sehr,
dass ich heute die Gelegenheit habe, zu Ihnen zu
sprechen. Die Hilfe, die wir als Tibeter
erfahren, betrachte ich nicht als eine
Unterstützung allein für Tibet, sondern für die
Gerechtigkeit und für die Wahrheit. Ich ermutige
Sie, Ihr Engagement so wahrzunehmen, denn in der
Gewissheit, dass Sie sich für die Gerechtigkeit
einsetzen, entsteht in Ihnen eine starke innere
Kraft
Ich möchte mich im Namen des tibetischen Volkes
ganz herzlich bei allen bedanken, die das
Anliegen der Tibeter auf die eine oder andere
Art unterstützen. Wenn wir uns für die
Gerechtigkeit engagieren, halte ich es auch für
wichtig, die Bestrebungen in China selbst nach
mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie zu
unterstützen.
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Kommen wir zum eigentlichen Thema: Geduld und
universelle Verantwortung. Wenn Sie mit großen
Erwartungen hierher gekommen sind, dann möchte
diese zuerst dämpfen. Ich kann Ihnen keine
Wunder darbieten. Ich möchte lediglich einige
meiner Erfahrungen und Ideen über Toleranz und
universelle Verantwortung mit Ihnen teilen.
Diese Erfahrungen habe ich als einfacher
tibetischer Mönch in einem Leben gemacht, das
von vielen Schwierigkeiten gekennzeichnet war
und ist, sowie auf der Basis meines
Verständnisses der buddhistischen Lehre, Sicht
und Praxis.
Geduld und universelle Verantwortung haben mit
Altruismus zu tun, also dem Wunsch, anderen zu
nutzen. Altruismus ist eine sehr kostbare und
wertvolle Geisteshaltung. Ein Bedürfnis, anderen
zu nutzen, haben sicher auch andere Wesen wie
die Tiere, aber bei ihnen ist es begrenzt. Als
Menschen haben wir jedoch die Fähigkeit zur
Intelligenz. Wenn wir Intelligenz und Altruismus
verbinden, können wir einen unbegrenzten Nutzen
für andere bewirken.
Die Menschen verwenden heutzutage sehr viel
Energie darauf, ihr Wissen und ihre Intelligenz
auszuweiten, aber nicht die gleiche
Aufmerksamkeit wird darauf gelenkt, das gute
Herz zu entwickeln. Es ist wichtig, sich für
diese Seite im Menschen genauso zu interessieren.
Die Entwicklung eines guten Herzens wird oft in
die religiöse Seite abgeschoben, aber für mich
ist sie eine allgemein menschliche Angelegenheit
von großer Bedeutung. Die am Wohl der anderen
orientierte Einstellung bildet auch die
Grundlage für unser eigenes Glück.
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Wir brauchen Hoffnung. Auf der Basis von
Hoffnung und innerer Stärke können wir unser
Leben so führen, dass echtes Glück möglich wird
und dass wir in schwierigen Situationen einen
Ausweg finden. Ohne Hoffnung und Zuversicht
werden wir in leidvollen Situationen schnell in
Verzweiflung geraten.
Wir treffen auf die verschiedensten
Schwierigkeiten. Sie gehören einfach zu unserem
Leben dazu. Manche Probleme entstehen, ohne dass
wir spezifische Faktoren ausmachen könnten, die
sie hervorgebracht haben; daher fehlen uns dann
auch vielfach Möglichkeiten, die Lage zu ändern.
Andere Probleme entwickeln sich aufgrund
bestimmter Umstände, und wir haben die
Möglichkeit, diese Umstände zu verändern. Aber
sehr oft sind wir auch mit Problemen
konfrontiert, für die wir keine Lösung parat
haben.
Es ist falsch zu denken, dass wir allein durch
die Veränderung der äußeren Umstände und durch
Fortschritte auf materiellem Gebiet unsere
Probleme lösen können. Das ist meiner Meinung
nach unmöglich. Deshalb ist es wichtig, dass wir
von innen her Methoden entwickeln, um die
Probleme im Leben zu meistern. Wenn wir die
korrekte innere Einstellung haben, dann werden
wir auch mit sehr schwierigen Lebensumständen
fertig.
Eine korrekte Einstellung ermöglicht uns, die
guten Umstände, die wir vorfinden, auch
tatsächlich als förderliche Umstände zu nutzen.
Unterliegen wir aber falschen und unangemessenen
Sichtweisen, dann können uns selbst günstige
Umstände auch nicht weiterhelfen. Dann kann es
sogar geschehen, dass sich die guten Umstände in
hinderliche verwandeln.
Wer hingegen eine korrekte Einstellung hat, wird
selbst in negativen Umständen und einer
feindseligen Umgebung inneren Frieden und
Ausgeglichenheit bewahren. Diese Umstände können
ihm dann nicht mehr schaden.
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Geduld üben, wenn wir leiden
In der buddhistischen Geistesschulung ist die
Geduld oder die Fähigkeit des Ertragens zentral.
Geduld ist nicht einfach eine passive
Geisteshaltung, sondern eine Eigenschaft, die
getragen wird von einer starken geistigen Kraft
und inneren Stärke. Geduld bedeutet nicht, dass
man sich in furcht erregenden Umständen ängstlich
zurückzieht.
Hauptsächlich geht es um zwei Arten der Geduld:
die Geduld, bereitwillig Schwierigkeiten und
Probleme auf sich zu nehmen, und die Geduld,
eine feindselige Haltung gegenüber einem
Schädiger zu vermeiden. Die erste Art ist
besonders dann nötig, wenn wir mit
Schwierigkeiten und Leiden konfrontiert sind,
die sich nicht abwenden lassen. Natürlich ist es
besser, im Vorfeld Mittel anzuwenden, um die
Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. Ist
das Leiden erst einmal da, erscheint es uns oft
riesig und erdrückend. In einer solchen
Situation ist es hilfreich, das Problem aus
einer größeren Distanz zu betrachten. Dadurch
stellt es sich geringer dar und kann uns nicht
vollständig überwältigen.
Eine Situation hat immer mehrere Seiten und
lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln
betrachten. Haben wir ein Problem, dann verengt
sich unser Gesichtskreis, und wir sind ganz auf
die negativen Aspekte fixiert. Gelingt es uns,
das gleiche Problem aus einem anderen
Blickwinken zu betrachten, werden wir uns
durchaus auch positiver Aspekte bewusst. haben.
So ist es Teil der Übung von Geduld, eine
schwierige Situation aus verschiedenen
Perspektiven zu betrachten.
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Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Wenn
wir als tibetische Flüchtlinge uns nur auf den
Aspekt konzentrieren, dass wir unsere Heimat
verloren haben, dann würde uns unsere Situation
als sehr leidvoll erscheinen. Natürlich befinden
wir Tibeter uns in einer sehr schwierigen Lage,
aber gleichzeitig haben wir jetzt viele neue
Möglichkeiten, und von diesem Gesichtspunkt her
lassen sich auch positive Aspekte wahrnehmen,
die einem neuen Mut und Kraft geben.
Darüber hinaus ist es für die Übung der Geduld
vorteilhaft, wenn wir unsere Schwierigkeiten in
Relation zu noch viel größeren Problemen sehen,
die es auf der Welt gibt. Richten wir unseren
Blick auf die enormen Probleme der anderen
Menschen auf der Welt, erscheinen unsere eher
gering.
Weiter können wir prüfen, ob sich unser Problem
lösen lässt. Wenn es eine Lösung gibt, dann
können wir diese anstreben, und es gibt keinen
Grund zu verzagen. Falls sich das Problem nicht
beseitigen lässt, hilft Verzweiflung auch nicht
weiter, sondern würde zusätzliches Leiden
bereiten. Dann bleibt mir nichts anderes übrig,
als die Situation anzunehmen und es ist dann ist
es das Beste, sie geduldig zu akzeptieren.
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Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir uns
schon jetzt mit den unausweichlichen Problemen
der menschlichen Existenz wie Krankheit, Altern
und Tod vertraut machen, damit sie uns nicht
irgendwann unvorbereitet überraschen. Wer nie
einen Gedanken darauf verwendet, dass er krank
wird und stirbt, wird betrübt und verzweifelt
reagieren, wenn es so weit ist. Wer sich aber
rechtzeitig damit auseinander gesetzt hat, kann
eine innere Haltung bewahren, da er sich bewusst
ist, dass diese Leiden Teil der menschlichen
Existenz sind.
Wir können uns bemühen, all die verschiedenen
angenehmen und unangenehmen Situationen mit mehr
Gelassenheit hinzunehmen. Normalerweise geraten
wir bei Erfolgen in große Aufregung, während wir
im Fall von Schwierigkeiten am Boden zerstört
sind. Das ist keine hilfreiche
Lebenseinstellung. Vielmehr gilt es, in allen
Lebenslagen Ausgeglichenheit und Gelassenheit zu
bewahren.
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Geduld üben, wenn andere uns verletzen
Die andere Art der Geduld, die sehr wichtig ist,
ist das Vermeiden von Feindseligkeit gegenüber
einem Schädiger. Diese Geduld bedeutet nicht,
dass wir einfach jeden Schaden hinnehmen. Wenn
andere uns jedoch verletzen, versuchen wir, die
Situation ohne Feindseligkeit und Hass zu
klären.
Denken wir einmal darüber nach, wen wir als
Feind ansehen. Feinde nennen wir jene, welche
die Ursachen für unser eigenes Wohlergehen oder
das unserer Freunde und Nahestehenden zerstören.
Weiter betrachten wir jene als Widersacher, die
unseren Feinden nutzen. In Bezug zu diesen
Personengruppen sollten wir besondere Vorsicht
walten lassen.
Wir erfahren im Leben verschiedene Arten von
körperlichem und geistigem Glück. Äußere Feinde
können uns nicht das geistige Wohlergehen
rauben, sondern nur das körperliche, etwa Güter,
Beziehungen, die berufliche Stellung oder den
Körper. Ein äußerer Feind hat nicht die Macht,
direkt das Glück in uns zu zerstören; dies
vermag nur der innere Feind in Gestalt von Hass
und Wut.
Stellen wir körperliches und geistiges Glück
gegenüber, hat sicher das geistige einen höheren
Wert. Der innere Feind, die Gedanken von Wut und
Hass, schaden im Wesentlichen direkt diesem
wichtigsten Glück, das wir brauchen und
anstreben, dem inneren Glück. Die inneren
Feinde, die Geistesgifte wiederum
beeinträchtigen auch das körperliche
Wohlergehen. Menschen, die häufen aggressiv
sind, sind anfälliger für Krankheiten.
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Auch in Beziehungen zu anderen Menschen kann der
innere Feind des Hasses enormen Schaden
anrichten. Sind wir ständig aggressiv,
ziehen sich die Menschen von uns zurück. Als
Folge fühlen wir uns isoliert und leiden unter
dem Mangel an Kontakt und Freundschaft. Der
innere Feind kann auch unserem Besitz schaden.
Vielleicht schlagen wir irgendwelche Dinge kurz
und klein, weil wir von Hass erfüllt sind. So
ist das Unheil, das der innere Feind anrichtet,
viel größer als ein von außen verursachter
Schaden.
Der wahre Feind sitzt also in uns, er besteht
aus Wut und Hass. Gewöhnlich verwenden wir sehr
viel Energie darauf, äußere Widersacher
abzuwehren und geraten dabei in die Fänge der
inneren Feinde. Nützlicher wäre es, verstärkt
Energie darauf zu verwenden, den inneren
Widersacher zu besiegen. Das direkte Mittel dazu
ist Geduld.
Wie können wir diese Geduld stärken? Die Übung
der Geduld hängt davon ab, dass wir einen
Widersacher haben. So gesehen ist jemand, der
uns schadet, eine Hilfe für uns, egal, welche
Absicht er verfolgt. Denn als Feind bildet er
den nötigen Umstand dafür, dass wir überhaupt
Geduld entwickeln können. Widersacher sind
Personen, die uns helfen, den inneren Feind zu
überwinden, indem wir Geduld entwickeln.
In diesem Prozess ist es wichtig, sich immer
wieder die Nachteile von Ärger und Wut vor Augen
zu führen. Auf der anderen Seite betrachten wir
den Nutzen der positiven Einstellungen wie
liebevolle Zuneigung und Mitgefühl und
versuchen, diese in uns zu stärken. So können
wir Wut und Hass allmählich überwinden.
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Mitgefühl und liebevolle Zuneigung sind die
eigentlichen Wurzeln für Glück. Mitgefühl
basiert auf der Erkenntnis der Gleichheit von
dem anderen und mir. Genau wie ich selbst
wünscht der andere Glück und kein Leiden. In
diesem wichtigen Punkt gib es nicht den
geringsten Unterschied zwischen ihm und mir. Die
anderen sind sogar noch wichtiger als ich
selbst, denn ich bin nur eine Person und die
anderen sind viele.
Echtes Mitgefühl ist auf den anderen in seinem
Leiden gerichtet. Wir betrachten ihn als
jemanden, der unerwünschtes Leid erfährt. Oft
empfinden wir Mitgefühl und Zuneigung gegenüber
Menschen, die uns nahe stehen. Auch das ist
natürlich angebracht, aber es ist verbunden mit
Anhaftung und daher parteilich. Wir brauchen
uneingeschränktes Mitgefühl mit allen Lebewesen.
Mitgefühl ist keine Haltung von oben herab,
indem wir denken: „Der Arme!“ Mitgefühl schließt
Respekt für die leidende Person mit ein. Wir
sehen sie als wichtiger an als uns selbst und
entwickeln ein stärkeres Interesse an ihrem
Wohlergehen als unserem eigenen. Aus dieser
Haltung heraus entwickeln wir den aufrichtigen
Wunsch, dass der andere von seinen
Schwierigkeiten frei sein möge, was die
eigentliche Übung des Mitgefühls ist.
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Ein weiterer Aspekt ist die Übung der
liebevollen Zuneigung. Das ganze Leben über, von
der Geburt bis zum Tod, sind wir auf die
Freundlichkeit anderer angewiesen. Sobald wir
geboren werden, haben wir das Bedürfnis nach
Nahrung. Die Mutter versorgt uns mit Nahrung
aufgrund ihres Gefühls der Zuneigung; davon
hängt unser Wohlergehen ab. Gäbe es nicht diese
Zuneigung auf beiden Seiten, selbst wenn diese
mit Anhaftung vermischt ist, könnte das Leben
nicht einmal beginnen. So lässt sich sagen, dass
Zuneigung zur eigentlichen Natur unseres Lebens
gehört und das Wesentliche in unserem Leben
ausmacht. Dies erkennend entwickeln wir im
Gegenzug Zuneigung für andere, was wiederum
unser eigenes körperliches Wohlergehen fördert.
Liebe ist der Wunsch, dass der andere Glück und
die Ursachen dafür besitzen möge.
Wenn wir Zuneigung üben, so leben wir im
Einklang mit unserer eigentlichen Natur. Das ist
sehr förderlich und Harmonie stiftend. Hass und
Wut harmonieren hingegen nicht mit unserem
eigentlichen Wesen, der Natur unseres Lebens. In
der Familie und anderen Lebenszusammenhängen
bildet die Zuneigung den wichtigsten Faktor.
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Liebe und Geduld sind keine spezifisch religiöse,
sondern allgemein ethische Eigenschaften. Paaren
wir unsere Fähigkeiten der liebevollen Zuneigung
und des Altruismus mit der menschlichen
Intelligenz, können wir echtes Glück in die Welt
bringen. Wenn wir unsere menschliche Fähigkeit
der Intelligenz dagegen mit Feindseligkeit, Neid,
Missgunst und ständigem Wettbewerbsdenken
verbinden, wird es sehr schwierig und gefährlich
werden für die Zukunft unserer Welt.
Wissenschaft und Technologie sind heute sehr
weit entwickelt. Sie sind sicher notwendig und
hilfreich, aber alle Probleme dieser Welt können
sie nicht lösen. Geistiges Leid lässt sich nicht
durch Maschinen beseitigen, sondern nur durch
Geistestraining und das Einüben heilsamer
Sichtweisen. Geistiges Leid kann auch dadurch
gelindert werden, dass wir Zuneigung und Liebe
von anderen erfahren .Aber selbst der
ausgefeilteste Computer wird uns diese Zuneigung
nicht geben.
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Wir haben Verantwortung für die Welt
Altruismus ist die Wurzel für Geduld und ein
globales Verantwortungsgefühl. Heutzutage ist
die Welt in wirtschaftlicher, politischer und
umweltbedingter Hinsicht verflochten. Sie lässt
sich nicht mehr einteilen in einzelne Seiten
oder Staaten, in mein und dein. Wer heutzutage
an sein eigenes Wohlergehen denkt, tut gut daran,
sich auch um die anderen zu sorgen. Wer nur an
sich selbst denkt und egoistisch seine eigenen
Ziele verfolgt, wird nicht einmal sein eigenes
Glück erlangen.
Deshalb sage ich oft, halb scherzhaft: „Wenn wir
schon egoistisch sein müssen, dann sollten wir
wenigstens klug-egoistisch sein und nicht
dumm-egoistisch.“ Die anderen mit einzubeziehen
wäre ein kluger Egoismus. Wer andere verletzt,
ist dumm- egoistisch und erreicht nicht einmal
seine eigenen Ziele, sein Glück. Ich bin der
festen Überzeugung, dass wir ein globales
Verantwortungsgefühl auf der Basis von
Altruismus entwickeln können: So ließen sich
viele Probleme in der Welt lösen oder zumindest
verringern. Durch Geduld und universelle
Verantwortung können wir ganz sicher viele
Probleme beseitigen, die zwischen Religionen
bestehen in Form von Abgrenzung und daraus
entstehenden Konflikten.
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Es ist auch wichtig, die wirtschaftliche Kluft
zwischen Nord und Süd zu überwinden. Auch dafür
ist universelle Verantwortung notwendig.
Vielerorts werden Anstrengungen unternommen, die
Abschaffung von Atomwaffen voranzutreiben. Das
ist sehr lobenswert. Der wesentliche Faktor für
diese Entwicklung ist der politische Wille.
Dieser gewinnt an Kraft, je mehr die
Verantwortlichen ein Gefühl der universellen
Verantwortung entwickeln. Auf der Basis dieser
Verantwortung können wir Atomwaffen abschaffen
und auch andere Waffen allmählich reduzieren.
Das Ziel ist eine vollständige Abrüstung auf
diesem Planeten.
Wir haben eine Verantwortung für die Zukunft
dieses Planeten. Es ist an uns, die
entsprechenden Mittel anzuwenden, um uns und
zukünftige Generationen zu schützen. Wir legen
selbst die Samen für unsere Zukunft. Auf diesem
Weg ist wesentlich, dass wir die inneren
Eigenschaften stärken, welche die Basis für
diese positive Entwicklung bilden: liebevolle
Zuneigung, Geduld und ein Gefühl der
universellen Verantwortung. Stärken wir diese
Werte, werden wir Wohlergehen für uns selbst,
unsere Familie wie auch in der großen
Weltgemeinschaft erreichen können. Diese
Verantwortung haben wir alle, und um ihr gerecht
zu werden, sollten wir die Initiative ergreifen
und diese positiven menschlichen Werte stärken.
Wenn wir uns ausdauernd und ernsthaft bemühen,
werden wir feststellen, dass eine positive
Veränderung in unserem Denken möglich ist. Wir
blicken nach 15 Jahren, in denen wir geübt
haben, auf unser Leben zurück und vergleichen
unsere gegenwärtige Einstellung mit der alten.
Dabei werden wir bemerken, dass eine Veränderung
stattgefunden hat und dass es möglich ist, den
Geist umzuwandeln. Ich habe nur begrenzt
Erfahrungen auf diesem Gebiet, aber selbst aus
dieser wenigen Erfahrung heraus kann ich mit
Sicherheit sagen, dass es nicht nur möglich ist,
den Geist zu verändern, sondern dass wir sogar
die vollständige Entwicklung des Geistes als
unser realistisches Ziel zu betrachten können.
Aus dem Tibetischen übersetzt von Christof Spitz
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