|
2. ZUR
EINFÜHRUNG
1
BUDDHA, das ist der Erleuchtete oder Erwachte, ist die
ehrende Bezeichnung für den Begründer der im Abendland
als Buddhismus bekannten Erlösungslehre. Im 6.
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde er zu
Kapilavatthu, im Grenzgebiet des heutigen Nepal, als der
Sohn des regierenden Sakyer-Fürsten geboren. Sein
Geschlechtsname war Gotama (Sanskrit: Gautama) und sein
Eigenname Siddhattha. In seinem 29. Jahre entsagte er
der Welt und vertauschte sein Leben als Prinz mit dem
eines hauslosen Wandermönches. Nach sechsjähriger
unbefriedigter Wahrheitssuche und ebenso erfolgloser
Schmerzensaskese fand er schließlich die vollkommene
Erleuchtung (sammá-sambodhi) unter dem Bodhi-Baum zu
Gaya (dem heutigen Bhod-Gaya). Es folgten 45 Jahre
unermüdlicher Lehrtätigkeit; und im Alter von 80 Jahren
verschied zu Kusinara jenes »wahnlose Wesen, das zum
Heil und Segen dieser Welt erschienen war«.
Der Buddha ist weder ein Gott, noch eines Gottes Prophet
oder Inkarnation. Er ist jenes höchste menschliche
Wesen, das, "durch sich selbst belehrt", aus eigener
Anstrengung die endgültige Erlösung vom Leiden und
höchste Weisheit gewann und zum unvergleichlichen
Menschheitslehrer und großen Vorbild wurde. Er wird zum
"Erlöser" nur für diejenigen, die den von ihm gegangenen
und gewiesenen Erlösungsweg selber bis zum Ende gehen.
In der vollkommenen Harmonie seiner Weisheit und Allgüte
verkörpert der Buddha das universelle und für alle
Zeiten gültige Ideal des vollkommenen Menschen.
Nach oben
2
Der DHARMA ist die vom Buddha selber gefundene,
verwirklichte und verkündete, auf klarer Erkenntnis der
Wirklichkeit aufgebaute Erlösungslehre. Sie ist
niedergelegt in den drei Hauptteile umfassenden
kanonischen Schriften des Buddhismus, dem sogen.
»Drei-Korb« (Ti-Pitaka), bestehend aus:
-
Vinaya-Pitaka, d. i. der Korb der Ordenszucht,
enthaltend die Regeln des Mönchsordens;
-
Sutta-Pitaka, d. i. der Korb der Lehrtexte,
enthaltend die eigentliche, in den vier Edlen
Wahrheiten zusammengefaßte Wirklichkeits- und
Erlösungslehre in ihrem vollen Umfang;
-
Abhidhamma-Pitaka, d. i. der Korb der höheren Lehre,
welcher die Lehren des Sutta-Pitaka in streng
philosophischer Form bietet.
Der Dharma wendet sich ausschließlich an die eigene
Erfahrung und Erkenntnis des Menschen, ist also keine,
einen voraussetzungslosen Glauben verlangende
Offenbarungs-Religion. Er bietet eine erhabene, doch
wirklichkeitsnahe Sittenlehre, eine tiefgründige Analyse
der Wirklichkeit, sowie praktische Methoden der
Geistesschulung und Meditation,—kurz, er bietet
umfassende, klare und verlässliche Führung auf dem
gesamten Wege der Leid-Befreiung.
Der Dharma ist eine Lehre, die gleichermassen das Gemüt
wie das Denken befriedigt. Der hier gewiesene Mittlere
Pfad führt hinaus über die ausweglosen und
zerstörerischen Extreme in Denken und Lebensführung und
trägt dazu bei, der Buddha-Lehre universelle und für
alle Zeiten gültige Bedeutung zu verleihen.
Nach oben
3
Der SANGHA, d. i. die "Gemeinde«, ist der vom 3 Buddha
gegründete Mönchsorden und als solcher neben dem
Jaina-Orden der älteste in der Welt. Ebenso wie die
ursprüngliche Lehre findet sich auch der Sangha in
seiner ursprünglichen Form heute noch in Burma, Siam,
Sri Lanka (Ceylon), Kambodia, Laos und Chittagong
(Bengalen). Zu den berühmtesten Jüngern des Buddha
gehörten: Sáriputta, der, nach dem Meister, die tiefste
Kenntnis der Lehre hatte; Moggallana, der die größten
übernatürlichen Kräfte besaß; Ananda, der
hingebungsvolle persönliche Helfer des Buddha;
Mahá-Kassapa, der dem ersten, nach dem Tode des Buddha
stattfindenden Konzil in Rájagaha vorstand; Rahula, des
Meisters eigener Sohn.
Die Institution des buddhistischen Mönchsordens bietet
den äußeren Rahmen und die geeigneten Lebensbedingungen
für diejenigen, die den ernsten Willen haben, ihr ganzes
Leben, ungehindert von weltlicher Ablenkung, der
Verwirklichung des höchsten Erlösungszieles zu widmen.
Da ein starkes Bedürfnis nach solchem Leben
ausschließlicher Hingabe stets bestanden hat, wo immer
religiöse Entwicklung eine gewisse Reife erlangte, ist
auch der Sangha von universeller, für alle Zeiten
gültiger Bedeutung.
Nach oben
4
DIE DREIFACHE ZUFLUCHT
Diese drei, Buddha, Dharma, Sangha, gelten als die »Drei
Kleinode« (ti-ratana), vor denen sich der
Buddhist in tiefster Ehrfurcht verneigt und die er als
das Ehrwürdigste und Erhabenste in der Welt betrachtet.
Das Bekenntnis zu diesen "Drei Kleinoden« wird als die
"Dreifache Zuflucht" (ti-sarana) bezeichnet und
wird auch heute noch, genau wie zu des Buddha Zeiten, in
feierlicher Weise in der Pali-Sprache ausgesprochen:
Buddham saranam gacchámi.
Dhammam saranam gacchami.
Sangham saranam gacchámi.
Ich nehme meine Zuflucht zum Buddha.
Ich nehme meine Zuflucht zum Dharma.
Ich nehme meine Zuflucht zum Sangha. *)
Mit dem schlichten Akt des dreimaligen Aussprechens
dieser Formel bekennt man sich als Anhänger der
Buddha-Lehre.
*) Bei dem zweiten Hersagen wird noch das Wort
dutiyampi ("zum zweiten Mal«), bei dem dritten
tatiyampi ("zum dritten Mal") vor jedem Pali-Satz
hinzugefügt.
Nach oben
5
DIE FÜNF SITTENREGELN
Auf die "Zufluchtsformel" folgt dann meistens das
feierliche Ablegen der für alle Anhänger der Lehre
verbindliche fünf Gelübde oder Sittenregeln (pañcasíla):
1. Pánátipátá veramani-sihkhápadam samadiyami.
Ich gelobe abzustehen vom Töten.
2. Adinnádana veramaní-sihkhápadam samádiyámi.
Ich gelobe abzustehen vom Nehmen dessen, was nicht
gegeben.
3. Kámesu micchácárá veramani-sihkhápadam samádiyámi.
Ich gelobe abzustehen von unrechtem Wandel in
Sinnenlüsten.
4. Musávádá veramani-sihkhápadam samádiyami.
Ich gelobe abzustehen vom Lügen.
5. Surá-meraya-majja-pamádatthána
veramani-sihkhápadam samádiyámi.
Ich gelobe abzustehen vom Genuß berauschender Getränke.
Nach oben
3.
Die vier Edlen Wahrheiten
Namo tassa bhagavato arahato samma-sambuddhassa!
Verehrung Ihm, dem Erhabenen, Heiligen,
Vollkommen-Erwachten!
6
Durch das Nichtverstehen, Nichtdurchdringen von vier
Wahrheiten, ihr Jünger, haben sowohl ich als auch ihr
diese lange Zeit das Dasein durcheilt, das Dasein
durchwandert. Von welchen vier Wahrheiten? Durch das
Nichtverstehen, Nichtdurchdringen der edlen Wahrheit vom
Leiden, von der Leidens-Entstehung, von der
Leidens-Erlöschung und dem zur Leidens-Erlöschung
führenden Pfad. Durch das Nichtverstehen,
Nichtdurchdringen dieser vier Wahrheiten haben sowohl
ich als auch ihr diese lange Zeit das Dasein durcheilt,
das Dasein durchwandert.
Solange, ihr Jünger, in mir der wahrheitsgemässe
Erkenntnisblick hinsichtlich dieser vier edlen
Wahrheiten nicht ganz klar war, so lange war ich
ungewiss, ob ich die höchste Erleuchtung gewonnen hatte,
die unübertroffen ist in der Welt mit ihren
Himmelswesen, Göttern und Teufeln, unübertroffen unter
den Scharen der Asketen und Brahmanen, Himmelswesen und
Menschen. Sobald aber, ihr Jünger, in mir der
wahrheitsgemässe Erkenntnisblick hinsichtlich der vier
edlen Wahrheiten völlig klar war, da ging mir die
Gewissheit auf, dass ich die höchste Erleuchtung
gewonnen hatte, die unübertroffen ist in der Welt mit
ihren Himmelswesen, Göttern und Teufeln, unübertroffen
unter den Scharen der Asketen und Brahmanen,
Himmelswesen und Menschen.
Nach oben
7
Und jene tiefe Wahrheit habe ich mir zu Eigen gemacht
die schwer zu erfassende, schwer zu verstehende,
friedvolle, erhabene, den Vernunftschlüssen
unzugängliche, subtile, nur den Einsichtigen erkennbare.
Die Welt jedoch ist dem Vergnügen hingegeben, findet an
Vergnügen Freude und Gefallen. Solche aber, die dem
Vergnügen hingegeben sind, an Vergnügen Freude und
Gefallen finden, solche werden das Gesetz von der
Abhängigkeit des Geschehens, die Bedingte Entstehung
schwerlich verstehen. Schwer erkennbar auch wird ihnen
sein der Stillstand alles karmischen Wirkens, das Fahren
lassen aller Daseinsgrundlagen, die Versiegung des
Begehrens, die Loslösung, die Erlöschung, das Nirwahn
Es gibt jedoch einige unter den Wesen, deren Augen nur
wenig getrübt sind: diese werden die Lehre verstehen.
Nach oben
4.
ERSTE WAHRHEIT
5.
Die Edle Wahrheit
vom Leiden
8
Was aber, ihr Jünger, ist die edle Wahrheit vom Leiden?
Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden (Krankheit ist
Leiden), Sterben ist Leiden, Sorge, Jammer, Schmerz,
Trübsal und Verzweiflung sind Leiden; mit Unliebem
vereint sein, ist Leiden; von Liebem getrennt sein, ist
Leiden; nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden;
kurz gesagt, die fünf Anhaftungs-Gruppen sind Leiden.
9
Was aber ist die Geburt?
Der Wesen in dieser oder jener Wesensgattung Geburt,
Geborenwerden, Empfängnis, ins Dasein eintreten, das
Erscheinen der Daseinsgruppen, das Erlangen der
Sinnenorgane: das nennt man die Geburt.
10
Was aber ist das Altern?
Was da bei diesen und jenen Wesen, in dieser oder jener
Wesensgattung Altern ist und Altwerden, der Zerfall der
Zähne, das Ergrauen und Runzeligwerden, das Versiegen
der Lebenskräfte, das Absterben der Sinnenorgane: das
nennt man das Altern.
11
Was aber ist das Sterben?
Was da bei diesen und jenen Wesen das Abscheiden ist aus
dieser oder jener Wesensgattung, Hinscheiden, Auflösung,
Hinschwinden, Tod, Sterben, Ableben, Auflösung der
Daseinsgruppen, das Zurücklassen der Leiche: das nennt
man das Sterben.
12
Was aber ist die Sorge?
Was da bei dem von irgendeinem Verlust oder Leiden
Betroffenen Sorge ist, Besorgnis, Besorgt sein,
innerliche Sorge, innerliches Besorgt sein: das nennt
man Sorge.
13
Was aber ist Jammer?
Was da bei einem von irgendeinem Verlust oder Leiden
Betroffenen Jammer und Klage ist, Jammern und Klagen,
Jammer- und Klagezustand: das nennt man Jammer.
14
Was aber ist Schmerz?
Was da körperlich schmerzhaft und unangenehm ist, durch
Körpereindrücke bedingt an schmerzlichem und
unangenehmem Gefühl besteht: das nennt man Schmerz.
15
Was aber ist Trübsal?
Was da geistig schmerzhaft und unangenehm ist, durch
geistige Eindrücke bedingt an schmerzlichem und
unangenehmem Gefühl besteht: das nennt man Trübsal.
16
Was aber ist Verzweiflung?
Was da bei dem von irgendeinem Verlust oder Leiden
Betroffenen Trostlosigkeit und Verzweiflung ist,
trostloser und verzweifelter Geisteszustand: das nennt
man Verzweiflung.
17
Was aber ist das Leiden im Vereint sein mit Unliebem?
Was da für einen unerwünschte, unerfreuliche,
unangenehme (Objekte sind, wie) Formen, Töne, Gerüche,
Geschmäcke, Berührungen, Gedanken oder (Wesen,) die
einem Schaden wünschen, Unheil, Unannehmlichkeit und
Unsicherheit wünschen,—die Begegnung mit solchen, die
Zusammenkunft, das Zusammentreffen, die Verbindung mit
ihnen: das ist das Leiden im Vereint sein mit Unliebem.
18
Was aber ist das Leiden im Getrenntsein von Liebem?
Was da für einen erwünschte, erfreuliche, angenehme
(Objekte sind, wie) Formen, Töne, Gerüche, Geschmäcke,
Berührungen und Gedanken oder (Wesen,) die einem Gutes
wünschen, Glück, Wohlbefinden und Sicherheit wünschen, —
der Begegnung mit solchen ermangeln, mit ihnen nicht
zusammenkommen und zusammentreffen, mit ihnen nicht
verbunden sein: das ist das Leiden im Getrenntsein von
Liebem.
19
Was aber ist das Leiden beim Nichterlangen dessen, was
man wünscht?
Da steigt in den der Wiedergeburt unterworfenen Wesen
der Wunsch auf: ,Ach, dass wir doch nicht mehr der
Wiedergeburt unterworfen wären, dass uns doch keine
Wiedergeburt mehr bevorstünde!' . Den dem Altern, der
Krankheit, dem Sterben, den Sorgen, Klagen, Schmerzen,
der Trübsal und Verzweiflung unterworfenen Wesen steigt
der Wunsch auf: ,Ach, dass wir doch nicht mehr diesen
Dingen unterworfen wären. Dass uns doch diese Dinge
nicht mehr bevorstünden!' Solches aber lässt sich nicht
durch Wünschen erreichen. Das ist das Leiden beim
Nichterlangen dessen, was man wünscht.
Nach oben
20
DIE FÜNF DASEINSGRUPPEN
Inwiefern aber sind, kurz gesagt, die fünf
Anhaftungsgruppen das Leiden? Es sind dies
-
die Körperlichkeits-Gruppe,
-
die Gefühls-Gruppe,
-
die Wahrnehmungs-Gruppe,
-
die Geistformationen-Gruppe und
-
die Bewußtseins-Gruppe.
Diese sind, kurz gesagt, das Leiden.
Alles Körperliche, ihr Jünger, ob vergangen, gegenwärtig
oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder fein, gemein
oder erhaben, fern oder nahe, das gilt als die
Körperlichkeits-Gruppe; alles Gefühl . . . gilt als die
Gefühls-Gruppe, alle Wahrnehmung . . . als die
Wahrnehmungs-Gruppe, alle Geistformationen . . . als die
Geistformationen-Gruppe, alles Bewußtsein, ob vergangen,
gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder
fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe, das gilt als
die Bewußtseins-Gruppe.
Der Begriff "Anhaftungsgruppen" (upádána-kkhandha)
ist so zu verstehen, dass diese fünf Gruppen die Objekte
des Anhaftens bilden. Wenn im Text das Wort "khandhá"
allein vorkommt, wird es durchweg mit "Daseinsgruppe"
übersetzt.
Nach oben
21
KÖRPERLICHKEITS-GRUPPE
Was ist nun, ihr Jünger, die Körperlichkeits-Gruppe
(rupa-kkhandha)?
Es sind die vier (materiellen) Elemente und die davon
abhängige Körperlichkeit.
VIER ELEMENTE
Was aber sind die vier Elemente?
Es sind dies
-
das Feste Element,
-
das Flüssige Element,
-
das Hitze-Element und
-
das Wind-Element.
Die vier Elemente (dhátu oder mahá-bhúta)
—in Pali pathaví-dhátu, ápo-dhátu, tejo-dhátu,
váyo-dhátu—sind aufzufassen als die
Grundeigenschaften der Materie, die mit wechselnden
Übergewicht, in jedem materiellen Gebilde auftreten. Dem
Abhidhamma zufolge sind sie zu verstehen als die
Elemente der Ausdehnung (oder Härte) der Kohäsion, der
Temperatur im Allgemeinen, der Vibration (oder
Bewegung).
Als die von diesen vier Elementen abhängige
Körperlichkeit (upádáya rupa oder upádá-rupa)
gelten im Abhidhamma die folgenden 24 körperlichen
Phänomene: Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck- und Körperorgan.
Seh-, Hör-, Riech- und Schmeckobjekt; Männlichkeit,
Weiblichkeit, Vitalität, physische Grundlage des
Denkens, körperliche Äußerung, sprachliche Äußerung,
Raumbegrenzung, Leichtigkeit, Geschmeidigkeit,
Anpassungsfähigkeit, Wachstum, Kontinuität Verfall,
Vergänglichkeit, stoffliche Nahrung.
Das in körperlichen Eindrücken bestehende körperliche
Berührungsobjekt (photthabba) wird hier nicht
gesondert genannt, da es identisch ist mit dem Festen,
Hitze- und Wind-Element; diese sind erkennbar durch
Empfindung von Druck, Kälte, Hitze, Schmerz usw.
Nach oben
22
1. Was ist aber das Feste Element (pathaví-dhátu)?
Das Feste Element mag eigen sein oder fremd. Was ist nun
das eigene Feste Element? Was da jedes Mal beim eigenen
Körper an Hartem oder Festem karmisch erworben (upádinna)
ist, als wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut,
Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz,
Leber, Innenhäute (wie Zwerchfell usw.), Milz, Lunge,
Darm, Gekröse, Magen und Kot; und was da sonst noch
jedes Mal beim eigenen Körper an Hartem oder Festem
karmisch erworben ist: das nennt man das eigene Feste
Element. Was es aber an eigenem Festen Element gibt und
was es an fremdem Festen Element gibt: beides eben ist
das Feste Element; und da sollte man der Wirklichkeit
gemäß und in rechter Einsicht also erkennen: ,Das gehört
mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich'.
23
2. Was aber ist das Flüssige Element (ápo-dhátu)?
Das Flüssige Element mag eigen sein oder fremd. Was ist
nun das eigene Flüssige Element? Was da jedes Mal beim
eigenen Körper an Flüssigem und Feuchtem karmisch
erworben ist, als wie Galle, Schleim, Eiter, Blut,
Schweiß, Fett, Tränen, Hautschmiere, Speichel, Rotz,
Gelenkschmiere und Urin; und was da sonst noch jedes Mal
beim eigenen Körper an Flüssigem und Feuchtem karmisch
erworben ist; das nennt man das eigene Flüssige Element.
Was es aber an eigenem Flüssigen Element gibt und was es
an fremdem Flüssigen Element gibt, beides eben ist das
Flüssige Element; und da sollte man der Wirklichkeit
gemäß und in rechter Einsicht also erkennen: ,Das gehört
mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich'.
24
3. Was aber ist das Hitze-Element (tejo-dhátu)?
Das Hitze-Element mag eigen sein oder fremd. Was ist nun
das eigene Hitze-Element? Was da jedes Mal beim eigenen
Körper an Hitze und Wärme karmisch erworben ist, wie das
wodurch man erhitzt, verzehrt und verbrannt wird,
wodurch, was man gegessen, getrunken, geschmeckt hat,
zur völligen Verdauung gelangt; und was da sonst noch
jedes Mal beim eigenen Körper an Hitze und Wärme
karmisch erworben ist: das nennt man das eigene
Hitze-Element. Was es aber an eigenem Hitze1Element gibt
und was es an fremdem Hitze-Element gibt, beides ist
eben das Hitze-Element; und da sollte man der
Wirklichkeit gemäß und in rechter Einsicht also
erkennen: ,Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Ich'.
25
-
Was aber ist das Wind-Element (vayo-dhátu)?
Das Wind-Element mag eigen sein oder fremd. Was ist
nun das eigene Wind-Element? Was da jedes Mal beim
eigenen Körper an Winden und Gasen karmisch erworben
ist, wie die auf- und absteigenden Winde, die Winde
des Bauches und des Darms, die den ganzen Körper
durchströmenden Winde, sowie Ein- und Ausatmung; und
was da sonst noch jedes Mal beim eigenen Körper an
Winden und Gasen karmisch erworben ist: das nennt
man das eigene Wind-Element. Was es aber an eigenem
Wind-Element gibt und was es an fremdem Wind-Element
gibt, beides ist eben das Wind-Element; und da
sollte man der Wirklichkeit gemäß und in rechter
Einsicht also erkennen: ,Das gehört mir nicht, das
bin ich nicht, das ist nicht mein Ich'. Gerade wie
man den durch Balken, Binsen, Rohr und Lehm zustande
gekommenen Raum als Haus bezeichnet, ebenso auch
bezeichnet man den durch Knochen, Sehnen, Fleisch
und Haut gebildeten Raum als den Körper.
26
Nach oben
GEFÜHLS-GRUPPE (vedaná-kkhandha)
Dreierlei Gefühle gibt es, ihr Jünger. Welche drei?
-
Freudiges Gefühl,
-
leidiges Gefühl und
-
weder freudiges noch leidiges Gefühl.
27
WAHRNEHMUNGS-GRUPPE
(saññá-kkhandha). Was nun, ihr Jünger, ist
Wahrnehmung? Diese sechs Wahrnehmungs-Klassen gibt es:
Form-Wahrnehmung, Ton-Wahrnehmung, Geruchs-Wahrnehmung,
Geschmacks-Wahrnehmung, Berührungs-Wahrnehmung und
geistige Wahrnehmung.
28
GEISTFORMATIONEN-GRUPPE
(sankhára-kkhandha)
Der Ausdruck »Geistformationen" (sankhára) ist
ein Sammelbegriff für jene zahlreichen Funktionen oder
Aspekte der Geist-Tätigkeit, welche, neben dem Gefühl
und der Wahrnehmung, in einem einzelnen
Bewußtseinsmoment auftreten können. Im Abhidhamma werden
fünfzig solcher Geist-formationen aufgezählt. Ihre
Anzahl und Zusammensetzung verändert sich je nach dem
Charakter des betreffenden Bewußtseinszustandes. Als
Hauptvertreter dieser Gruppe werden im Sutta aufgezählt:
Wille (cetaná), (sechsfacher)
Bewußtseins-Eindruck (phassa) und Aufmerken (manasikára).
Von diesen dreien wiederum ist Wille, als der
hauptsächliche "formende" Faktor, für die
"Geistformationen-Gruppe" besonders charakteristisch und
wird daher in der folgenden Textstelle herausgegriffen:
Was nun, ihr Jünger, sind die Geistformationen?
Diese sechs Willens-Klassen (cetana-káyá) gibt
es:
-
Wille nach Formen (rupa-sañcetaná),
-
Wille nach, Tönen,
-
nach Gerüchen,
-
Geschmäcken,
-
Körpereindrücken und
-
Geistesobjekten.
Das, ihr Jünger, nennt man »Geistesformationen".
29
Nach oben
BEWUSSTSEINS-GRUPPE (viññána-kkhandha)
Was nun, ihr Jünger, ist das Bewußtsein?
Diese sechs Bewußtseins-Klassen gibt es:
-
Seh-Bewußtsein,
-
Hör-Bewußtsein,
-
Riech-Bewußtsein,
-
Schmeck-Bewußtsein,
-
Körper-Bewußtsein und
-
geistiges Bewußtsein.
Das, ihr Jünger, nennt man Bewußtsein.
BEDINGTE ENTSTEHUNG DES BEWUSSTSEINS
Ist das eigene Auge wohl, unversehrt, es fallen aber die
äußeren Sehobjekte nicht in den Gesichtskreis und es
findet kein Aufeinanderwirken statt, so kommt es zu
keiner Bildung des betreffenden Bewußtseins-Aspektes.
Oder aber, wenn das eigene Auge unversehrt ist und die
äußeren Sehobjekte in den Gesichtskreis fallen, doch es
findet kein Aufeinanderwirken statt, so kommt es auch
dann noch zu keiner Bildung des entsprechenden
Bewußtseins-Aspektes. Ist aber das eigene Auge
unversehrt, die äußeren Sehobjekte fallen in den
Gesichtskreis, und es findet ein Aufeinanderwirken
statt, dann kommt es zur Bildung des entsprechenden
Bewußtseins-Aspektes.
Bedingt entstanden ist das Bewußtsein (viññána),
und ohne die Bedingungen kommt es nicht zu seiner
Entstehung. Eben nach der Bedingung, durch die das
Bewußtsein jedes Mal zum Entstehen kommt, danach wird es
benannt. Bewußtsein, das durch Sehorgan und Sehobjekt
bedingt entsteht, nennt man Seh-Bewußtsein. (Und so ist
es mit Hör-, Riech-, Schmeck- und Körper-Bewußtsein.)
Bewußtsein, das durch Geist und Geistobjekte (dhamma)
bedingt entsteht, nennt man Geist-Bewußtsein.
Was bei solcher Gelegenheit an Körperlichkeit (rupa)
besteht, das gehört zur Anhaftungsgruppe Körperlichkeit;
was da an Gefühl (vedaná) besteht, zur
Anhaftungsgruppe Gefühl; was da an Wahrnehmung (saññá)
besteht, zur Anhaftungsgruppe Wahrnehmung; was da an
Geistformationen (sankhára) besteht, zur
Anhaftungsgruppe Geistformationen; was da an Bewußtsein
(viññána) besteht, zur Anhaftungsgruppe
Bewußtsein.
Nach oben
30
ZUSAMMENENTSTEHUNG DER FÜNF GRUPPEN
Es ist unmöglich, daß jemand das Heraustreten aus einem
Dasein und den Wiedereintritt in ein neues Dasein oder
das Wachsen, Zunehmen und die Entwicklung des
Bewußtseins unabhängig von Körperlichkeit, Gefühl,
Wahrnehmung und Geistformationen erklären kann.
Nach oben
31
DIE DREI MERKMALE
Alle Gebilde sind vergänglich (anicca); alle
Gebilde sind dem Leiden (dukkha) unterworfen;
alle Dinge sind unpersönlich (anattá).
Körperlichkeit ist vergänglich, Gefühl ist vergänglich,
Wahrnehmung ist vergänglich, Geistformationen sind
vergänglich, und Bewußtsein ist vergänglich. Was aber
vergänglich ist, das ist dem Leiden unterworfen; und was
vergänglich, leidvoll und dem Wechsel unterworfen ist,
da kann man nicht mit Recht behaupten: ,Das gehört mir,
das bin ich, das ist mein Ich'.
Was es daher an Körperlichkeit gibt, an Gefühl,
Wahrnehmung, Geistformationen und Bewußtsein, ob
vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd
grob oder fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe da
sollte man der Wirklichkeit gemäß in rechter Einsicht
also erkennen: ,Das gehört mir nicht, das bin ich nicht,
das ist nicht mein Ich'.
Nach oben
32
DIE ANATTA-LEHRE
Unser so genanntes individuelles Dasein ist, ebenso wie
die gesamte Welt, nichts weiter als ein bloßer Prozeß
dieser in den fünf Daseinsgruppen zusammengefaßten, sich
unaufhörlich verändernden geistigen und körperlichen
Vorgänge. Dieser Prozess war bereits für unermeßliche
Zeiten vor dieser unserer augenfälligen Geburt im Gange
und wird sich auch nach dem Tode für unermeßliche Zeiten
fortsetzen. Die vorhergehenden Texte haben gezeigt, daß
diese fünf Daseinsgruppen weder einzeln noch in ihrer
Gesamtheit eine wirkliche, in sich bestehende
Ich-Einheit (attá) bilden und daß auch außerhalb
dieser Gruppen keinerlei Ichheit oder Wesenheit als
deren Besitzer zu finden ist. Der Glaube an eine
wirkliche und beharrende Ichheit, Persönlichkeit oder an
eine "ewige Seele" muß daher angesichts der
ausnahmslosen Veränderlichkeit und Bedingtheit alles
Geschehens als eine bloße Illusion gelten.
Gerade wie das, was wir als ,Wagen' bezeichnen,
unabhängig von Achsen, Rädern, Deichsel usw. kein Dasein
hat; oder wie ,Haus' bloß ein konventioneller Ausdruck (vohára-vacana)
ist für Baumaterialien, die auf eine gewisse Weise
zusammengefügt einen Raum ergeben, aber das Haus
unabhängig von diesen Dingen nicht da ist: genau so ist
das, was wir in konventioneller Weise als ,Wesen,
bezeichnen, als Individuum, Person, Ich usw. in
Wirklichkeit (paramatthena) bloß ein beständig
wechselnder Prozeß geistiger und körperlicher Phänomene
und hat an sich keinerlei Existenz.
Dies ist die berühmte Anatta- oder Nicht-ich-Lehre des
Buddha, d. i. die Lehre von der Unpersönlichkeit und
Substanzlosigkeit alles Geschehens. Es ist dies die
Kernlehre des ganzen Buddhismus, die für das wahre
Verständnis und damit auch für die Verwirklichung der
Buddha-Lehre unerläßlich ist. Die Anattá-Lehre ist das
notwendige Ergebnis der in der Lehre von den
Daseinsgruppen (khandha) vollzogenen gründlichen
Analyse der Wirklichkeit, die mit den hier gegebenen
Texten nur angedeutet werden konnte. Die Anatta-Lehre
schließt nicht nur den Gedanken des ,Ich', Sondern auch
den des ,Mein' aus; d. h. sie besagt, daß die
Daseinsgruppen weder ein Selbst bilden (anattá),
noch einem außerhalb ihrer vorgestellten Selbst
angehören (anattaniya).
Nach oben
33
Angenommen ein Mann mit Sehvermögen betrachte sich die
vielen Wasserblasen auf dem Ganges, und er beobachte und
untersuche sie gründlich; nachdem er dies aber getan
habe, erschienen ihm diese leer, unwirklich und
wesenlos. In derselben Weise betrachtet der Mönch alles
Körperliche, alle Gefühle, alle Wahrnehmungen, alle
Geistformationen, alles Bewußtsein, ob vergangen,
gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder
fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe; und er
erkennt alle diese Dinge als leer, nichtig und wesenlos.
Dem Schaumball gleichet dieser Leib,
Der Wasserblase das Gefühl,
Wahrnehmung ist dem Luftbild gleich,
Die Geistgebilde dem Bananenstamm,
Bewußtsein aber ist wie Gaukelwerk.
Wer sich, ihr Jünger, des Körperlichen erfreut oder der
Gefühle, der Wahrnehmungen, der Geistformationen oder
des Bewußtseins, der erfreut sich des Leidens; und wer
sich des Leidens erfreut, der wird von, Leiden nicht
erlöst.
Was soll das Lachen, was die Lust,
Wo alles ständig brennt und flammt?
In Finsternis seid ihr gehüllt!
Warum sucht ihr nicht nach dem Licht?
Schaut diesen Balg schön aufgeputzt,
Den Leib voll Löcher, wohl gefügt,
Den siechen, wunschesschwangeren,
Der Dauer und Bestand nicht hat.
Wer diese grauen Knochen sieht,
Die man dort hingeworfen hat,
Den Kürbissen zur Herbstzeit gleich,
Wie kann wohl der noch Lust verspüren?
Nach oben
34
Drei Himmelsboten
Sahest du, o Mensch, nicht unter den Menschen den ersten
Himmelsboten erscheinen? Sahest du nie eine Frau oder
einen Mann von 80, 90 oder 100 Jahren, abgelebt,
gekrümmt wie Dachsparren, gebückt, auf eine Krücke
gestützt, schlotternden Ganges dahinschleichend, siech,
mit verwelkter Jugend, mit abgebrochenen Zähnen und
ergrauten Haaren, oder kahl, mit wackelndem Kopfe,
voller Runzeln, die Glieder mit Flecken bedeckt? Und
dachtest du da nicht, o Mensch, der du Verstand
besitzest und alt genug bist: ,Auch ich bin dem Alter
unterworfen, kann dem Alter nicht entgehen. So laß mich
denn Gutes tun in Werken, Worten und Gedanken'? O
Mensch, aus Leichtsinn hast du weder in Werken, Worten,
noch Gedanken Gutes getan.
Wahrlich, o Mensch, jene böse Tat wurde weder von deiner
Mutter getan, noch von deinem Vater, deinem Bruder,
deiner Schwester, noch von deinen Freunden und Genossen,
deinen Vettern und Blutsverwandten, noch von Geistern,
Asketen oder Priestern. Du allein hast jene böse Tat
begangen, du allein sollst deren Frucht erfahren.
Sahest du, O Mensch, nicht unter den Menschen den
zweiten Himmelsboten erscheinen? Sahest du nie unter den
Menschen eine Frau oder einen Mann, krank, elend, schwer
leidend, sich im eigenen Kot und Urin umher wälzend, der
von anderen aufgerichtet, von anderen niedergelegt
werden muß? Und dachtest du da nicht, O Mensch, der du
Verstand besitzest und alt genug bist: ,Auch ich bin der
Krankheit unterworfen, kann der Krankheit nicht
entgehen. So laß mich denn Gutes tun in Werken, Worten
und Gedanken'? . . .
Sahest du, o Mensch, nicht unter den Menschen den
dritten Himmelsboten erscheinen? Sahest du nie unter den
Menschen eine Frau oder einen Mann, einen oder zwei oder
drei Tage nach dem Tode, aufgeschwollen, blau verfärbt,
mit Eiter bedeckt? Und dachtest du da nicht, o Mensch,
der du Verstand besitzest und alt genug bist: ,Auch ich
bin dem Tode unterworfen, kann dem Tode nicht entgehen.
So laß mich denn Gutes tun in Werken, Worten und
Gedanken'? O Mensch, aus Leichtsinn hast du weder in
Werken, Worten noch Gedanken Gutes getan. Wahrlich, o
Mensch, jene böse Tat wurde weder von deiner Mutter
getan, noch von deinem Vater, deinem Bruder, deiner
Schwester, noch von deinen Freunden und Genossen, deinen
Vettern und Blutsverwandten, noch von Geistern, Asketen
oder Priestern. Du allein hast jene böse Tat begangen,
du allein sollst deren Frucht erfahren.
Obige drei Himmelsboten (deva-dúta)
findet man in den buddhistischen Ländern vielfach
bildlich dargestellt. In
Majjhima-Nikaya 130 finden
sich neben diesen dreien noch zwei weitere, nämlich
Geburt und Bestrafung von Übeltätern.
Nach oben
35
SAMSARA
Unausdenkbar ist ein Anfang dieser Daseinsrunde, nicht
zu entdecken ist ein Beginn der von Unwissenheit
gehemmten und von Begehren gefesselten Wesen, die immer
wieder den Samsára durcheilen, den Samsára durchwandern.
Was glaubt ihr, o Jünger, was ist wohl mehr: der
Tränenstrom, den ihr auf dieser langen Daseinsrunde, mit
Unerwünschtem vereint und von Erwünschtem getrennt,
klagend und weinend vergossen habt oder das Wasser der
vier Weltmeere? Lange Zeit hindurch habt ihr den Tod von
Vater und Mutter, Sohn und Tochter erfahren, den Verlust
von Verwandten und Schätzen, das Unglück der Krankheit.
Und dabei habt ihr mehr Tränen vergossen, als sich
Wasser in den vier Weltmeeren befindet. So habt ihr denn
lange Zeiten hindurch Leiden erfahren, Qualen erfahren,
das Unglück der Krankheit erfahren und das Leichenfeld
vergrößert, wahrlich genug, um sich von allen
Daseinsgebilden abzuwenden, loszulösen und zu befreien!
Samsára, wtl. , wiederholtes Wandern', Daseinswanderung"
Daseinsrunde, ist die Bezeichnung für das ewig rastlose,
auf- und abwogende Meer des Daseins, das Abbild des
unaufhörlichen Prozesses des immer und immer wieder
Geborenwerdens, Alterns, Leidens und Sterbens. Genauer
gesagt. Samsára ist die ununterbrochene Kette der von
Augenblick zu Augenblick beständig wechselnden, durch
unabsehbare Zeiten hindurch sich aneinander reihenden
fünf Daseinsgruppen, worin eine einzelne so genannte
Lebensdauer nur einen verschwindend kleinen Bruchteil
ausmacht. Um die erste Wahrheit wirklich zu verstehen,
hat man also seinen Blick auf den Samsára zu richten und
nicht etwa bloß auf einen kleinen Bruchteil desselben,
denn dieser mag als einzelne Erscheinung in der Tat
weniger leidvoll sein.
Die erste Wahrheit bezieht sich nicht etwa bloß auf das
aktuelle Leiden, d. h. das Leiden als körperliches oder
geistiges Schmerzgefühl, sondern lehrt, daß infolge des
universalen Gesetzes der Vergänglichkeit alle Dinge,
selber die höchsten Glückszustände, dem Wechsel und
Untergang unterworfen, also elend, unzulänglich und
unbefriedigend sind und ohne Ausnahme den Keim des
Leidens in sich tragen.
Nach oben
6.
ZWEITE WAHRHEIT
7.
Die Edle Wahrheit von der Leidens-Entstehung
36
Dreifaches Begehren
Was aber, ihr Jünger, ist die Edle Wahrheit von der
Leidens-Entstehung? Es ist dies jenes Wiederdasein
erzeugende, bald hier, bald da sich ergötzende Begehren
(tanhá), nämlich das Sinnliche Begehren, das
Daseins-Begehren und das Nichtseins-Begehren.
Das "Sinnliche Begehren" (káma-tanhá) ist das
Verlangen nach den fünf Sinnenobjekten.
Das "Daseins-Begehren" (bhava-tanhá) ist das
Verlangen nach fortgesetztem oder ewigem Dasein,
insbesondere in den feinkörperlichen oder unkörperlichen
Welten (rupa-, arupa-bhava). Es beruht auf der
Ewigkeits-Ansicht (bhava- oder sassataditthi),
d. i. dem Glauben an eine auch nach, dem Tode
fortbestehende Ichwesenheit.
Das "Nichtseins-Begehren" (vibhava-tanhá) beruht
auf der Selbstvernichtungs-Ansicht (vibhava- oder
ucchedaditti), d. i. dem Glauben, daß es zwar ein
Ich gebe, daß dieses aber nach dem Tode der Vernichtung
anheim falle.
Nach oben
37
ENTSTEHUNG DES BEGEHRENS
Wo aber entsteht dieses Begehren, wo faßt es Wurzel? Bei
den lieblichen und angenehmen Dingen in der Welt, da
entsteht dieses Begehren, da faßt es Wurzel.
Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist; Formen, Töne,
Düfte, Säfte, Körpereindrücke und Geistobjekte sind
etwas Liebliches und Angenehmes. Bewußtsein,
Bewußtseinseindruck, aus dem Bewußtseinseindruck
entstandenes Gefühl, Wahrnehmung, Wille, Begehren,
Gedankenfassen und Überlegen, die durch Formen, Töne,
Düfte, Säfte, Körpereindrücke und Geistobjekte bedingt
sind, all diese sind etwas Liebliches und Angenehmes. Da
entsteht dieses Begehren, da faßt es Wurzel.
Hat da einer mit dem Auge eine Form wahrgenommen, mit
dem Ohre einen Ton, mit der Nase einen Duft, mit der
Zunge einen Saft, mit dem Körper einen Körpereindruck,
mit dem Geiste ein Geistobjekt, so faßt er bei einem
lieblichen Objekt Zuneigung, und bei einem unliebsamen
Objekt fühlt er Abneigung.
Nach oben
BEDINGTE ENTSTEHUNG
Was immer er für ein Gefühl (vedaná)
empfindet—angenehm, unangenehm oder indifferent — das
billigt und pflegt er und klammert sich daran (=
"Begehren"). Während er aber das Gefühl billigt, pflegt
und sich daran klammert, steigt in ihm Neigung auf. Die
Neigung aber zu den Gefühlen, diese gilt als das
"Anhaften" (upádána); durch Anhaften aber bedingt
ist dieser (gegenwärtige) Werdeprozeß (bhava),
durch den (karmischen) Werdeprozeß bedingt ist die
(Wieder-)Geburt (játi), durch die Geburt aber
bedingt entstehen Altern und Sterben, Sorge, Jammer,
Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. Also kommt es zur
Entstehung dieser ganzen Leidensfülle.
Die Reihe der "Bedingten Entstehung" (paticca-samuppáda),
die in diesem Text nur teilweise wiedergegeben wird, mag
also als eine ausführliche Darstellung der 2. Wahrheit
angesehen werden.
Nach oben
38
Diesseitige Wirkung Unheilsamen Karmas
Wahrlich, durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht
veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben bloß aus
Begehrsucht streiten Fürsten mit Fürsten Adelige mit
Adeligen, Priester mit Priestern, Hausväter mit
Hausvätern, streitet die Mutter mit dem Sohn, der Sohn
mit der Mutter, der Vater mit dem Sohn, der Sohn mit dem
Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder mit Schwester,
Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Und so in
Streit, Zank und Zwist geraten greifen sie sich
gegenseitig mit Fäusten, Stöcken und Schwertern an.
Dabei nun erleiden sie den Tod oder tödliche Schmerzen.
Das aber ist der Unsegen der Begehrsucht, die sichtbare
Leidensanhäufung, durch Begehrsucht bedingt, durch
Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht erzeugt, durch
Begehrsucht verursacht
Und fernerhin: durch Begehrsucht bedingt, durch
Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben
bloß aus Begehrsucht brechen die Menschen in Häuser ein,
rauben, plündern Häuser, verüben Wegelagerei gehen zu
den Frauen anderer. Solche nehmen die Fürsten fest und
verhängen mancherlei Strafen über sie. Und so erleiden
sie den Tod oder tödliche Schmerzen Das aber ist der
Unsegen der Begehrsucht die sichtbare Leidensanhäufung,
durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt,
durch Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht.
Nach oben
Jenseitige Wirkung Unheilsamen Karmas
Und fernerhin: durch Begehrsucht bedingt, durch
Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben
bloß aus Begehrsucht führen die Menschen einen üblen
Wandel in Werken, Worten und Gedanken. Und in Werken,
Worten und Gedanken einen üblen Wandel führend, geraten
sie beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, in ein
niederes Dasein, auf leidvolle Fährte, in verstoßene
Welt, zur Hölle. Das aber ist der Unsegen der
Begehrsucht, die jenseitige Leidensanhäufung, durch
Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlasst, durch
Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht.
Nicht in den Lüften, nicht in Meeresmitte,
Nicht in den Bergesklüften sich versteckend,
Läßt sich ein Ort auf dieser Erde finden,
Wo weilend man der bösen Tat entginge
Nach oben
39
Den Willen (cetaná) bezeichne ich als das Wirken
(kamma), denn mit dem Willen wirkt man die Tat in
Werken, Worten und Gedanken . . . Es gibt Taten, ihr
Jünger, die in der Hölle reifen, . . . im Tierschoß
reifen, . . . im Gespensterreich reifen, . . . in der
Menschenwelt reifen, . . . in der Himmelswelt reifen . .
. Dreierlei aber ist das Ergebnis der Taten: entweder
bei Lebzeiten reifend, oder in der nächsten Geburt, oder
bei einer späteren Gelegenheit.
Eigner und Erben ihres Wirkens sind die Wesen, ihrem
Wirken entsprungen, mit ihrem Wirken verknüpft, haben
ihr Wirken zur Zuflucht und werden das gute und
schlechte Wirken, das sie verüben, zum Erbe haben.
Und wo immer die Wesen ins Dasein treten, dort werden
ihre Taten (kamma) zur Reife kommen. Und wo immer
ihre Taten zur Reife kommen, dort werden sie die Früchte
jener Taten ernten, sei es in diesem Leben oder im
nächsten, oder in irgendeinem späteren Leben.
Es wird eine Zeit kommen, ihr Jünger, wenn das große
Weltmeer versiegt, austrocknet, nicht mehr da ist. Es
wird eine Zeit kommen, ihr Jünger, wenn diese gewaltige
Erde vom Feuer verzehrt wird, zunichte wird, nicht mehr
da ist. Nicht aber, sage ich, ihr Jünger, gibt es ein
Ende des Leidens für die von Unwissenheit (avijjá)
gehemmten und von Begehren (tanhá) gefesselten
Wesen, die diese Daseinsrunde durcheilen, diese
Daseinsrunde durchwandern.
Nach oben
BEGEHREN
Die zweite Edle Wahrheit zeigt, daß die Entstehung des
Leidens und der Leidenswelt in uns selber liegt. Damit
ist gleichzeitig die Möglichkeit der Erlösung (3.
Wahrheit) und eines Weges zu ihr (4. Wahrheit) gegeben.
Begehren (tanhá) ist der Urheber des Daseins und
des Wiederseins. Dieses Dasein aber ist, wie wir gesehen
haben, kein wirkliches, beharrendes "Sein", sondern ein
Werdeprozeß (bhava), dessen Verlauf eben durch
den Charakter, die Stärke und die Richtung des Begehrens
bestimmt wird.
Nach oben
KARMA
Denn das Begehren ist es, das allem lebensbejahenden
Wirken des Menschen (kamma, Skr. karma)
zugrunde liegt; und dieses Wirken in Werken, Worten und
Gedanken ist es, das je nach seiner Beschaffenheit den
Charakter und das Geschick des Menschen bestimmt und ihn
die Folgen dieses Wirkens in immer erneuten Existenzen
erfahren läßt. Das Dasein oder besser der "Werdeprozeß«,
gliedert sich also in einen aktiven, verursachenden
Karma-Prozeß (kamma-bhava), und seine Auswirkung,
den Wiedergeburts-Prozeß (uppatti-bhava). Auch
hier, in der Betrachtung von Karma, darf die
Anattá-Lehre nicht außer Acht gelassen werden. Ebenso
wie die auf dem Wasserspiegel eines Teiches dahineilende
Welle nichts weiter ist als ein durch den Wind erzeugter
und sich als fortgesetztes Sichheben und Sichsenken
äußernder Vorgang: genau so ist es keine wirkliche
Ichheit, die das Meer des Daseins durcheilt, sondern nur
ein durch Begehren erzeugter Werdeprozeß, der je nach
der Art des karmischen Wirkens bald als Mensch, bald als
Tier oder unsichtbares Wesen in Erscheinung tritt, wobei
das sich beständig wiederholende Aufleben und Absterben
dieser Wesen mit den unaufhörlichen Hebungen und
Senkungen des Wassers verglichen werden mag. Die
Karma-Lehre hat daher hier, in der Behandlung der 2.
Wahrheit von der Leidens-Entstehung, ihren gebührenden
Platz. — Es sei nochmals betont, daß Karma das Wirken
selber bedeutet und nicht etwa das Ergebnis des Wirkens
oder gar des Schicksals des Menschen ist, wie es
vielfach angenommen wird.
In der buddhistischen Lehre bezeichnet Karma den die
Wiedergeburt erzeugenden oder beeinflussenden heilsamen
oder unheilsamen Willen (kusala- oder
akusala-cetaná), sowie die damit verbundenen
Geistesfaktoren.
Nach oben
8.
DRITTE WAHRHEIT
9.
Die Edle Wahrheit von der Leidens-Erlöschung
40
Was aber, ihr Jünger, ist die Edle Wahrheit von der
Leidens-Erlöschung? Eben jenes Begehrens restlose
Abwendung und Erlöschung, Verwerfung, Fahrenlassen,
Befreiung davon, Nichthaften daran: das, ihr Jünger,
nennt man die Edle Wahrheit von der Leidens-Erlöschung.
Wo aber gelangt jenes Begehren zum Schwinden, zum
Erlöschen? Was es da in der Welt an Lieblichem und
Angenehmem gibt, dort gelangt jenes Begehren zum
Schwinden, zum Erlöschen.
41
Ob in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, wer
auch immer von den Mönchen und Asketen das Liebliche und
Angenehme in der Welt als vergänglich (anicca),
dem Leiden unterworfen (dukkha) und unpersönlich
(anattá) betrachtet, als Unheil und Schrecken ein
solcher überwindet das Begehren.
Durch das restlose Abwenden und Erlöschen des,
Begehrens' (tanhá) erlischt das Anhaften (upádana),
durch Erlöschen des Anhaftens der ,Werdeprozeß' (bhava),
durch Erlöschen des (karmischen) Werdeprozesses die,
Wiedergeburt' (játi); durch Erlöschen der
Wiedergeburt aber erlöschen, Altern und Sterben' (jarámarana),
Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. So
kommt es zum Erlöschen dieser ganzen Leidensfülle.
Somit ist das Erlöschen, Schwinden und Untergehen von
Körperlichkeit, Gefühl' Wahrnehmung, Geistesformation
und Bewußtsein das Erlöschen des Leidens, das Schwinden
der Krankheit, die Aufhebung von Altern und Sterben.
Nach oben
42
NIRWANA
Gleichwie die auf einem Teiche durch den Wind erzeugte
Welle, die in dem unwissenden Zuschauer die Illusion
einer über den Wasserspiegel dahineilenden Wassermasse
erweckt, nach Eintritt von Windstille allmählich
verschwindet — oder gleichwie das Feuer nach Aufzehrung
des Brennstoffs erlischt —: genau so auch gelangt der
durch Begehren erzeugte Werdeprozeß, der dem unwissenden
Weltling die Illusion einer das Dasein durcheilenden
Ichheit hervorruft, nach restlosem Schwinden des
Begehrens allmählich zum Erlöschen. Somit mag das
Nirwahn, d.i. das Erlöschen (Nibbána; von nir vá,
aufhören zu wehen, ausgehen, erlöschen), unter 2
Aspekten betrachtet werden, nämlich als:
1. Erlöschung der Leidenschaften (kilesa-nibbána
oder kilesa-parinibbána), welche meist zu
Lebzeiten des Arahat, oder Heiligen, eintritt; in den
Sutten wird sie als sa-upádi-sesa-nibbána
bezeichnet, d. i. »Nibbána mit noch verbleibenden
Daseinsgruppen«;
2. Erlöschung der Daseinsgruppen (khandha-nibbána
oder khandha-paririnibbána), welche mit dem Tode
des Arahats eintritt, in den Sutten als
anupádi-sesa-nibbána bezeichnet, d. i. "Nibbána, bei
dem keine Daseinsgruppen übrig bleiben«.
Dies wahrlich, ist der Friede, dies das Erhabene,
nämlich: das Ende aller Karmaformationen, das
Fahrenlassen aller Daseinsgrundlagen, die Versiegung des
Begehrens, Abwendung, Erlösung, Nirwana.
43
Von Gier, Haß und Verblendung getrieben, überwältigt und
gefesselt wirkt man zum eigenen Schaden, zu des anderen
Schaden, zu beiderseitigem Schaden, erleidet man
geistigen Schmerz und Trübsal. Sind aber Gier, Haß und
Verblendung geschwunden, so wirkt man weder zum eigenen
Schaden, noch zu des anderen Schaden, noch zu
beiderseitigem Schaden, erleidet man keinen geistigen
Schmerz und keine Trübsal. Das aber ist das sichtbare
Nirwana, das zeitlose, einladende gewinnende, jedem
Verständigen verständliche.
Insofern aber der Mönch die restlose Versiegung von Gier
(lobha), Haß (dosa) und Verblendung (moha)
verwirklicht, so gibt es eben das sichtbare Nirwana, das
zeitlose, einladende, gewinnende, jedem Verständigen
verständliche.
Versiegung von Gier, Haß und Verblendung: das wahrlich,
nennt man das Nirwana.
|