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2. ZUR
EINFÜHRUNG
1
BUDDHA, das ist der Erleuchtete oder Erwachte, ist die
ehrende Bezeichnung für den Begründer der im Abendland
als Buddhismus bekannten Erlösungslehre. Im 6.
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde er zu
Kapilavatthu, im Grenzgebiet des heutigen Nepal, als der
Sohn des regierenden Sakyer-Fürsten geboren. Sein
Geschlechtsname war Gotama (Sanskrit: Gautama) und sein
Eigenname Siddhattha. In seinem 29. Jahre entsagte er
der Welt und vertauschte sein Leben als Prinz mit dem
eines hauslosen Wandermönches. Nach sechsjähriger
unbefriedigter Wahrheitssuche und ebenso erfolgloser
Schmerzensaskese fand er schließlich die vollkommene
Erleuchtung (sammá-sambodhi) unter dem Bodhi-Baum zu
Gaya (dem heutigen Bhod-Gaya). Es folgten 45 Jahre
unermüdlicher Lehrtätigkeit; und im Alter von 80 Jahren
verschied zu Kusinara jenes »wahnlose Wesen, das zum
Heil und Segen dieser Welt erschienen war«.
Der Buddha ist weder ein Gott, noch eines Gottes Prophet
oder Inkarnation. Er ist jenes höchste menschliche
Wesen, das, "durch sich selbst belehrt", aus eigener
Anstrengung die endgültige Erlösung vom Leiden und
höchste Weisheit gewann und zum unvergleichlichen
Menschheitslehrer und großen Vorbild wurde. Er wird zum
"Erlöser" nur für diejenigen, die den von ihm gegangenen
und gewiesenen Erlösungsweg selber bis zum Ende gehen.
In der vollkommenen Harmonie seiner Weisheit und Allgüte
verkörpert der Buddha das universelle und für alle
Zeiten gültige Ideal des vollkommenen Menschen.
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2
Der DHARMA ist die vom Buddha selber gefundene,
verwirklichte und verkündete, auf klarer Erkenntnis der
Wirklichkeit aufgebaute Erlösungslehre. Sie ist
niedergelegt in den drei Hauptteile umfassenden
kanonischen Schriften des Buddhismus, dem sogen.
»Drei-Korb« (Ti-Pitaka), bestehend aus:
-
Vinaya-Pitaka, d. i. der Korb der Ordenszucht,
enthaltend die Regeln des Mönchsordens;
-
Sutta-Pitaka, d. i. der Korb der Lehrtexte,
enthaltend die eigentliche, in den vier Edlen
Wahrheiten zusammengefaßte Wirklichkeits- und
Erlösungslehre in ihrem vollen Umfang;
-
Abhidhamma-Pitaka, d. i. der Korb der höheren Lehre,
welcher die Lehren des Sutta-Pitaka in streng
philosophischer Form bietet.
Der Dharma wendet sich ausschließlich an die eigene
Erfahrung und Erkenntnis des Menschen, ist also keine,
einen voraussetzungslosen Glauben verlangende
Offenbarungs-Religion. Er bietet eine erhabene, doch
wirklichkeitsnahe Sittenlehre, eine tiefgründige Analyse
der Wirklichkeit, sowie praktische Methoden der
Geistesschulung und Meditation,—kurz, er bietet
umfassende, klare und verlässliche Führung auf dem
gesamten Wege der Leid-Befreiung.
Der Dharma ist eine Lehre, die gleichermassen das Gemüt
wie das Denken befriedigt. Der hier gewiesene Mittlere
Pfad führt hinaus über die ausweglosen und
zerstörerischen Extreme in Denken und Lebensführung und
trägt dazu bei, der Buddha-Lehre universelle und für
alle Zeiten gültige Bedeutung zu verleihen.
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3
Der SANGHA, d. i. die "Gemeinde«, ist der vom 3 Buddha
gegründete Mönchsorden und als solcher neben dem
Jaina-Orden der älteste in der Welt. Ebenso wie die
ursprüngliche Lehre findet sich auch der Sangha in
seiner ursprünglichen Form heute noch in Burma, Siam,
Sri Lanka (Ceylon), Kambodia, Laos und Chittagong
(Bengalen). Zu den berühmtesten Jüngern des Buddha
gehörten: Sáriputta, der, nach dem Meister, die tiefste
Kenntnis der Lehre hatte; Moggallana, der die größten
übernatürlichen Kräfte besaß; Ananda, der
hingebungsvolle persönliche Helfer des Buddha;
Mahá-Kassapa, der dem ersten, nach dem Tode des Buddha
stattfindenden Konzil in Rájagaha vorstand; Rahula, des
Meisters eigener Sohn.
Die Institution des buddhistischen Mönchsordens bietet
den äußeren Rahmen und die geeigneten Lebensbedingungen
für diejenigen, die den ernsten Willen haben, ihr ganzes
Leben, ungehindert von weltlicher Ablenkung, der
Verwirklichung des höchsten Erlösungszieles zu widmen.
Da ein starkes Bedürfnis nach solchem Leben
ausschließlicher Hingabe stets bestanden hat, wo immer
religiöse Entwicklung eine gewisse Reife erlangte, ist
auch der Sangha von universeller, für alle Zeiten
gültiger Bedeutung.
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4
DIE DREIFACHE ZUFLUCHT
Diese drei, Buddha, Dharma, Sangha, gelten als die »Drei
Kleinode« (ti-ratana), vor denen sich der
Buddhist in tiefster Ehrfurcht verneigt und die er als
das Ehrwürdigste und Erhabenste in der Welt betrachtet.
Das Bekenntnis zu diesen "Drei Kleinoden« wird als die
"Dreifache Zuflucht" (ti-sarana) bezeichnet und
wird auch heute noch, genau wie zu des Buddha Zeiten, in
feierlicher Weise in der Pali-Sprache ausgesprochen:
Buddham saranam gacchámi.
Dhammam saranam gacchami.
Sangham saranam gacchámi.
Ich nehme meine Zuflucht zum Buddha.
Ich nehme meine Zuflucht zum Dharma.
Ich nehme meine Zuflucht zum Sangha. *)
Mit dem schlichten Akt des dreimaligen Aussprechens
dieser Formel bekennt man sich als Anhänger der
Buddha-Lehre.
*) Bei dem zweiten Hersagen wird noch das Wort
dutiyampi ("zum zweiten Mal«), bei dem dritten
tatiyampi ("zum dritten Mal") vor jedem Pali-Satz
hinzugefügt.
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5
DIE FÜNF SITTENREGELN
Auf die "Zufluchtsformel" folgt dann meistens das
feierliche Ablegen der für alle Anhänger der Lehre
verbindliche fünf Gelübde oder Sittenregeln (pañcasíla):
1. Pánátipátá veramani-sihkhápadam samadiyami.
Ich gelobe abzustehen vom Töten.
2. Adinnádana veramaní-sihkhápadam samádiyámi.
Ich gelobe abzustehen vom Nehmen dessen, was nicht
gegeben.
3. Kámesu micchácárá veramani-sihkhápadam samádiyámi.
Ich gelobe abzustehen von unrechtem Wandel in
Sinnenlüsten.
4. Musávádá veramani-sihkhápadam samádiyami.
Ich gelobe abzustehen vom Lügen.
5. Surá-meraya-majja-pamádatthána
veramani-sihkhápadam samádiyámi.
Ich gelobe abzustehen vom Genuß berauschender Getränke.
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3.
Die vier Edlen Wahrheiten
Namo tassa bhagavato arahato samma-sambuddhassa!
Verehrung Ihm, dem Erhabenen, Heiligen,
Vollkommen-Erwachten!
6
Durch das Nichtverstehen, Nichtdurchdringen von vier
Wahrheiten, ihr Jünger, haben sowohl ich als auch ihr
diese lange Zeit das Dasein durcheilt, das Dasein
durchwandert. Von welchen vier Wahrheiten? Durch das
Nichtverstehen, Nichtdurchdringen der edlen Wahrheit vom
Leiden, von der Leidens-Entstehung, von der
Leidens-Erlöschung und dem zur Leidens-Erlöschung
führenden Pfad. Durch das Nichtverstehen,
Nichtdurchdringen dieser vier Wahrheiten haben sowohl
ich als auch ihr diese lange Zeit das Dasein durcheilt,
das Dasein durchwandert.
Solange, ihr Jünger, in mir der wahrheitsgemässe
Erkenntnisblick hinsichtlich dieser vier edlen
Wahrheiten nicht ganz klar war, so lange war ich
ungewiss, ob ich die höchste Erleuchtung gewonnen hatte,
die unübertroffen ist in der Welt mit ihren
Himmelswesen, Göttern und Teufeln, unübertroffen unter
den Scharen der Asketen und Brahmanen, Himmelswesen und
Menschen. Sobald aber, ihr Jünger, in mir der
wahrheitsgemässe Erkenntnisblick hinsichtlich der vier
edlen Wahrheiten völlig klar war, da ging mir die
Gewissheit auf, dass ich die höchste Erleuchtung
gewonnen hatte, die unübertroffen ist in der Welt mit
ihren Himmelswesen, Göttern und Teufeln, unübertroffen
unter den Scharen der Asketen und Brahmanen,
Himmelswesen und Menschen.
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7
Und jene tiefe Wahrheit habe ich mir zu Eigen gemacht
die schwer zu erfassende, schwer zu verstehende,
friedvolle, erhabene, den Vernunftschlüssen
unzugängliche, subtile, nur den Einsichtigen erkennbare.
Die Welt jedoch ist dem Vergnügen hingegeben, findet an
Vergnügen Freude und Gefallen. Solche aber, die dem
Vergnügen hingegeben sind, an Vergnügen Freude und
Gefallen finden, solche werden das Gesetz von der
Abhängigkeit des Geschehens, die Bedingte Entstehung
schwerlich verstehen. Schwer erkennbar auch wird ihnen
sein der Stillstand alles karmischen Wirkens, das Fahren
lassen aller Daseinsgrundlagen, die Versiegung des
Begehrens, die Loslösung, die Erlöschung, das Nirwahn
Es gibt jedoch einige unter den Wesen, deren Augen nur
wenig getrübt sind: diese werden die Lehre verstehen.
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4.
ERSTE WAHRHEIT
5.
Die Edle Wahrheit
vom Leiden
8
Was aber, ihr Jünger, ist die edle Wahrheit vom Leiden?
Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden (Krankheit ist
Leiden), Sterben ist Leiden, Sorge, Jammer, Schmerz,
Trübsal und Verzweiflung sind Leiden; mit Unliebem
vereint sein, ist Leiden; von Liebem getrennt sein, ist
Leiden; nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden;
kurz gesagt, die fünf Anhaftungs-Gruppen sind Leiden.
9
Was aber ist die Geburt?
Der Wesen in dieser oder jener Wesensgattung Geburt,
Geborenwerden, Empfängnis, ins Dasein eintreten, das
Erscheinen der Daseinsgruppen, das Erlangen der
Sinnenorgane: das nennt man die Geburt.
10
Was aber ist das Altern?
Was da bei diesen und jenen Wesen, in dieser oder jener
Wesensgattung Altern ist und Altwerden, der Zerfall der
Zähne, das Ergrauen und Runzeligwerden, das Versiegen
der Lebenskräfte, das Absterben der Sinnenorgane: das
nennt man das Altern.
11
Was aber ist das Sterben?
Was da bei diesen und jenen Wesen das Abscheiden ist aus
dieser oder jener Wesensgattung, Hinscheiden, Auflösung,
Hinschwinden, Tod, Sterben, Ableben, Auflösung der
Daseinsgruppen, das Zurücklassen der Leiche: das nennt
man das Sterben.
12
Was aber ist die Sorge?
Was da bei dem von irgendeinem Verlust oder Leiden
Betroffenen Sorge ist, Besorgnis, Besorgt sein,
innerliche Sorge, innerliches Besorgt sein: das nennt
man Sorge.
13
Was aber ist Jammer?
Was da bei einem von irgendeinem Verlust oder Leiden
Betroffenen Jammer und Klage ist, Jammern und Klagen,
Jammer- und Klagezustand: das nennt man Jammer.
14
Was aber ist Schmerz?
Was da körperlich schmerzhaft und unangenehm ist, durch
Körpereindrücke bedingt an schmerzlichem und
unangenehmem Gefühl besteht: das nennt man Schmerz.
15
Was aber ist Trübsal?
Was da geistig schmerzhaft und unangenehm ist, durch
geistige Eindrücke bedingt an schmerzlichem und
unangenehmem Gefühl besteht: das nennt man Trübsal.
16
Was aber ist Verzweiflung?
Was da bei dem von irgendeinem Verlust oder Leiden
Betroffenen Trostlosigkeit und Verzweiflung ist,
trostloser und verzweifelter Geisteszustand: das nennt
man Verzweiflung.
17
Was aber ist das Leiden im Vereint sein mit Unliebem?
Was da für einen unerwünschte, unerfreuliche,
unangenehme (Objekte sind, wie) Formen, Töne, Gerüche,
Geschmäcke, Berührungen, Gedanken oder (Wesen,) die
einem Schaden wünschen, Unheil, Unannehmlichkeit und
Unsicherheit wünschen,—die Begegnung mit solchen, die
Zusammenkunft, das Zusammentreffen, die Verbindung mit
ihnen: das ist das Leiden im Vereint sein mit Unliebem.
18
Was aber ist das Leiden im Getrenntsein von Liebem?
Was da für einen erwünschte, erfreuliche, angenehme
(Objekte sind, wie) Formen, Töne, Gerüche, Geschmäcke,
Berührungen und Gedanken oder (Wesen,) die einem Gutes
wünschen, Glück, Wohlbefinden und Sicherheit wünschen, —
der Begegnung mit solchen ermangeln, mit ihnen nicht
zusammenkommen und zusammentreffen, mit ihnen nicht
verbunden sein: das ist das Leiden im Getrenntsein von
Liebem.
19
Was aber ist das Leiden beim Nichterlangen dessen, was
man wünscht?
Da steigt in den der Wiedergeburt unterworfenen Wesen
der Wunsch auf: ,Ach, dass wir doch nicht mehr der
Wiedergeburt unterworfen wären, dass uns doch keine
Wiedergeburt mehr bevorstünde!' . Den dem Altern, der
Krankheit, dem Sterben, den Sorgen, Klagen, Schmerzen,
der Trübsal und Verzweiflung unterworfenen Wesen steigt
der Wunsch auf: ,Ach, dass wir doch nicht mehr diesen
Dingen unterworfen wären. Dass uns doch diese Dinge
nicht mehr bevorstünden!' Solches aber lässt sich nicht
durch Wünschen erreichen. Das ist das Leiden beim
Nichterlangen dessen, was man wünscht.
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20
DIE FÜNF DASEINSGRUPPEN
Inwiefern aber sind, kurz gesagt, die fünf
Anhaftungsgruppen das Leiden? Es sind dies
-
die Körperlichkeits-Gruppe,
-
die Gefühls-Gruppe,
-
die Wahrnehmungs-Gruppe,
-
die Geistformationen-Gruppe und
-
die Bewußtseins-Gruppe.
Diese sind, kurz gesagt, das Leiden.
Alles Körperliche, ihr Jünger, ob vergangen, gegenwärtig
oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder fein, gemein
oder erhaben, fern oder nahe, das gilt als die
Körperlichkeits-Gruppe; alles Gefühl . . . gilt als die
Gefühls-Gruppe, alle Wahrnehmung . . . als die
Wahrnehmungs-Gruppe, alle Geistformationen . . . als die
Geistformationen-Gruppe, alles Bewußtsein, ob vergangen,
gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder
fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe, das gilt als
die Bewußtseins-Gruppe.
Der Begriff "Anhaftungsgruppen" (upádána-kkhandha)
ist so zu verstehen, dass diese fünf Gruppen die Objekte
des Anhaftens bilden. Wenn im Text das Wort "khandhá"
allein vorkommt, wird es durchweg mit "Daseinsgruppe"
übersetzt.
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21
KÖRPERLICHKEITS-GRUPPE
Was ist nun, ihr Jünger, die Körperlichkeits-Gruppe
(rupa-kkhandha)?
Es sind die vier (materiellen) Elemente und die davon
abhängige Körperlichkeit.
VIER ELEMENTE
Was aber sind die vier Elemente?
Es sind dies
-
das Feste Element,
-
das Flüssige Element,
-
das Hitze-Element und
-
das Wind-Element.
Die vier Elemente (dhátu oder mahá-bhúta)
—in Pali pathaví-dhátu, ápo-dhátu, tejo-dhátu,
váyo-dhátu—sind aufzufassen als die
Grundeigenschaften der Materie, die mit wechselnden
Übergewicht, in jedem materiellen Gebilde auftreten. Dem
Abhidhamma zufolge sind sie zu verstehen als die
Elemente der Ausdehnung (oder Härte) der Kohäsion, der
Temperatur im Allgemeinen, der Vibration (oder
Bewegung).
Als die von diesen vier Elementen abhängige
Körperlichkeit (upádáya rupa oder upádá-rupa)
gelten im Abhidhamma die folgenden 24 körperlichen
Phänomene: Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck- und Körperorgan.
Seh-, Hör-, Riech- und Schmeckobjekt; Männlichkeit,
Weiblichkeit, Vitalität, physische Grundlage des
Denkens, körperliche Äußerung, sprachliche Äußerung,
Raumbegrenzung, Leichtigkeit, Geschmeidigkeit,
Anpassungsfähigkeit, Wachstum, Kontinuität Verfall,
Vergänglichkeit, stoffliche Nahrung.
Das in körperlichen Eindrücken bestehende körperliche
Berührungsobjekt (photthabba) wird hier nicht
gesondert genannt, da es identisch ist mit dem Festen,
Hitze- und Wind-Element; diese sind erkennbar durch
Empfindung von Druck, Kälte, Hitze, Schmerz usw.
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22
1. Was ist aber das Feste Element (pathaví-dhátu)?
Das Feste Element mag eigen sein oder fremd. Was ist nun
das eigene Feste Element? Was da jedes Mal beim eigenen
Körper an Hartem oder Festem karmisch erworben (upádinna)
ist, als wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut,
Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz,
Leber, Innenhäute (wie Zwerchfell usw.), Milz, Lunge,
Darm, Gekröse, Magen und Kot; und was da sonst noch
jedes Mal beim eigenen Körper an Hartem oder Festem
karmisch erworben ist: das nennt man das eigene Feste
Element. Was es aber an eigenem Festen Element gibt und
was es an fremdem Festen Element gibt: beides eben ist
das Feste Element; und da sollte man der Wirklichkeit
gemäß und in rechter Einsicht also erkennen: ,Das gehört
mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich'.
23
2. Was aber ist das Flüssige Element (ápo-dhátu)?
Das Flüssige Element mag eigen sein oder fremd. Was ist
nun das eigene Flüssige Element? Was da jedes Mal beim
eigenen Körper an Flüssigem und Feuchtem karmisch
erworben ist, als wie Galle, Schleim, Eiter, Blut,
Schweiß, Fett, Tränen, Hautschmiere, Speichel, Rotz,
Gelenkschmiere und Urin; und was da sonst noch jedes Mal
beim eigenen Körper an Flüssigem und Feuchtem karmisch
erworben ist; das nennt man das eigene Flüssige Element.
Was es aber an eigenem Flüssigen Element gibt und was es
an fremdem Flüssigen Element gibt, beides eben ist das
Flüssige Element; und da sollte man der Wirklichkeit
gemäß und in rechter Einsicht also erkennen: ,Das gehört
mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich'.
24
3. Was aber ist das Hitze-Element (tejo-dhátu)?
Das Hitze-Element mag eigen sein oder fremd. Was ist nun
das eigene Hitze-Element? Was da jedes Mal beim eigenen
Körper an Hitze und Wärme karmisch erworben ist, wie das
wodurch man erhitzt, verzehrt und verbrannt wird,
wodurch, was man gegessen, getrunken, geschmeckt hat,
zur völligen Verdauung gelangt; und was da sonst noch
jedes Mal beim eigenen Körper an Hitze und Wärme
karmisch erworben ist: das nennt man das eigene
Hitze-Element. Was es aber an eigenem Hitze1Element gibt
und was es an fremdem Hitze-Element gibt, beides ist
eben das Hitze-Element; und da sollte man der
Wirklichkeit gemäß und in rechter Einsicht also
erkennen: ,Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Ich'.
25
-
Was aber ist das Wind-Element (vayo-dhátu)?
Das Wind-Element mag eigen sein oder fremd. Was ist
nun das eigene Wind-Element? Was da jedes Mal beim
eigenen Körper an Winden und Gasen karmisch erworben
ist, wie die auf- und absteigenden Winde, die Winde
des Bauches und des Darms, die den ganzen Körper
durchströmenden Winde, sowie Ein- und Ausatmung; und
was da sonst noch jedes Mal beim eigenen Körper an
Winden und Gasen karmisch erworben ist: das nennt
man das eigene Wind-Element. Was es aber an eigenem
Wind-Element gibt und was es an fremdem Wind-Element
gibt, beides ist eben das Wind-Element; und da
sollte man der Wirklichkeit gemäß und in rechter
Einsicht also erkennen: ,Das gehört mir nicht, das
bin ich nicht, das ist nicht mein Ich'. Gerade wie
man den durch Balken, Binsen, Rohr und Lehm zustande
gekommenen Raum als Haus bezeichnet, ebenso auch
bezeichnet man den durch Knochen, Sehnen, Fleisch
und Haut gebildeten Raum als den Körper.
26
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GEFÜHLS-GRUPPE (vedaná-kkhandha)
Dreierlei Gefühle gibt es, ihr Jünger. Welche drei?
-
Freudiges Gefühl,
-
leidiges Gefühl und
-
weder freudiges noch leidiges Gefühl.
27
WAHRNEHMUNGS-GRUPPE
(saññá-kkhandha). Was nun, ihr Jünger, ist
Wahrnehmung? Diese sechs Wahrnehmungs-Klassen gibt es:
Form-Wahrnehmung, Ton-Wahrnehmung, Geruchs-Wahrnehmung,
Geschmacks-Wahrnehmung, Berührungs-Wahrnehmung und
geistige Wahrnehmung.
28
GEISTFORMATIONEN-GRUPPE
(sankhára-kkhandha)
Der Ausdruck »Geistformationen" (sankhára) ist
ein Sammelbegriff für jene zahlreichen Funktionen oder
Aspekte der Geist-Tätigkeit, welche, neben dem Gefühl
und der Wahrnehmung, in einem einzelnen
Bewußtseinsmoment auftreten können. Im Abhidhamma werden
fünfzig solcher Geist-formationen aufgezählt. Ihre
Anzahl und Zusammensetzung verändert sich je nach dem
Charakter des betreffenden Bewußtseinszustandes. Als
Hauptvertreter dieser Gruppe werden im Sutta aufgezählt:
Wille (cetaná), (sechsfacher)
Bewußtseins-Eindruck (phassa) und Aufmerken (manasikára).
Von diesen dreien wiederum ist Wille, als der
hauptsächliche "formende" Faktor, für die
"Geistformationen-Gruppe" besonders charakteristisch und
wird daher in der folgenden Textstelle herausgegriffen:
Was nun, ihr Jünger, sind die Geistformationen?
Diese sechs Willens-Klassen (cetana-káyá) gibt
es:
-
Wille nach Formen (rupa-sañcetaná),
-
Wille nach, Tönen,
-
nach Gerüchen,
-
Geschmäcken,
-
Körpereindrücken und
-
Geistesobjekten.
Das, ihr Jünger, nennt man »Geistesformationen".
29
Nach oben
BEWUSSTSEINS-GRUPPE (viññána-kkhandha)
Was nun, ihr Jünger, ist das Bewußtsein?
Diese sechs Bewußtseins-Klassen gibt es:
-
Seh-Bewußtsein,
-
Hör-Bewußtsein,
-
Riech-Bewußtsein,
-
Schmeck-Bewußtsein,
-
Körper-Bewußtsein und
-
geistiges Bewußtsein.
Das, ihr Jünger, nennt man Bewußtsein.
BEDINGTE ENTSTEHUNG DES BEWUSSTSEINS
Ist das eigene Auge wohl, unversehrt, es fallen aber die
äußeren Sehobjekte nicht in den Gesichtskreis und es
findet kein Aufeinanderwirken statt, so kommt es zu
keiner Bildung des betreffenden Bewußtseins-Aspektes.
Oder aber, wenn das eigene Auge unversehrt ist und die
äußeren Sehobjekte in den Gesichtskreis fallen, doch es
findet kein Aufeinanderwirken statt, so kommt es auch
dann noch zu keiner Bildung des entsprechenden
Bewußtseins-Aspektes. Ist aber das eigene Auge
unversehrt, die äußeren Sehobjekte fallen in den
Gesichtskreis, und es findet ein Aufeinanderwirken
statt, dann kommt es zur Bildung des entsprechenden
Bewußtseins-Aspektes.
Bedingt entstanden ist das Bewußtsein (viññána),
und ohne die Bedingungen kommt es nicht zu seiner
Entstehung. Eben nach der Bedingung, durch die das
Bewußtsein jedes Mal zum Entstehen kommt, danach wird es
benannt. Bewußtsein, das durch Sehorgan und Sehobjekt
bedingt entsteht, nennt man Seh-Bewußtsein. (Und so ist
es mit Hör-, Riech-, Schmeck- und Körper-Bewußtsein.)
Bewußtsein, das durch Geist und Geistobjekte (dhamma)
bedingt entsteht, nennt man Geist-Bewußtsein.
Was bei solcher Gelegenheit an Körperlichkeit (rupa)
besteht, das gehört zur Anhaftungsgruppe Körperlichkeit;
was da an Gefühl (vedaná) besteht, zur
Anhaftungsgruppe Gefühl; was da an Wahrnehmung (saññá)
besteht, zur Anhaftungsgruppe Wahrnehmung; was da an
Geistformationen (sankhára) besteht, zur
Anhaftungsgruppe Geistformationen; was da an Bewußtsein
(viññána) besteht, zur Anhaftungsgruppe
Bewußtsein.
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30
ZUSAMMENENTSTEHUNG DER FÜNF GRUPPEN
Es ist unmöglich, daß jemand das Heraustreten aus einem
Dasein und den Wiedereintritt in ein neues Dasein oder
das Wachsen, Zunehmen und die Entwicklung des
Bewußtseins unabhängig von Körperlichkeit, Gefühl,
Wahrnehmung und Geistformationen erklären kann.
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31
DIE DREI MERKMALE
Alle Gebilde sind vergänglich (anicca); alle
Gebilde sind dem Leiden (dukkha) unterworfen;
alle Dinge sind unpersönlich (anattá).
Körperlichkeit ist vergänglich, Gefühl ist vergänglich,
Wahrnehmung ist vergänglich, Geistformationen sind
vergänglich, und Bewußtsein ist vergänglich. Was aber
vergänglich ist, das ist dem Leiden unterworfen; und was
vergänglich, leidvoll und dem Wechsel unterworfen ist,
da kann man nicht mit Recht behaupten: ,Das gehört mir,
das bin ich, das ist mein Ich'.
Was es daher an Körperlichkeit gibt, an Gefühl,
Wahrnehmung, Geistformationen und Bewußtsein, ob
vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd
grob oder fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe da
sollte man der Wirklichkeit gemäß in rechter Einsicht
also erkennen: ,Das gehört mir nicht, das bin ich nicht,
das ist nicht mein Ich'.
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32
DIE ANATTA-LEHRE
Unser so genanntes individuelles Dasein ist, ebenso wie
die gesamte Welt, nichts weiter als ein bloßer Prozeß
dieser in den fünf Daseinsgruppen zusammengefaßten, sich
unaufhörlich verändernden geistigen und körperlichen
Vorgänge. Dieser Prozess war bereits für unermeßliche
Zeiten vor dieser unserer augenfälligen Geburt im Gange
und wird sich auch nach dem Tode für unermeßliche Zeiten
fortsetzen. Die vorhergehenden Texte haben gezeigt, daß
diese fünf Daseinsgruppen weder einzeln noch in ihrer
Gesamtheit eine wirkliche, in sich bestehende
Ich-Einheit (attá) bilden und daß auch außerhalb
dieser Gruppen keinerlei Ichheit oder Wesenheit als
deren Besitzer zu finden ist. Der Glaube an eine
wirkliche und beharrende Ichheit, Persönlichkeit oder an
eine "ewige Seele" muß daher angesichts der
ausnahmslosen Veränderlichkeit und Bedingtheit alles
Geschehens als eine bloße Illusion gelten.
Gerade wie das, was wir als ,Wagen' bezeichnen,
unabhängig von Achsen, Rädern, Deichsel usw. kein Dasein
hat; oder wie ,Haus' bloß ein konventioneller Ausdruck (vohára-vacana)
ist für Baumaterialien, die auf eine gewisse Weise
zusammengefügt einen Raum ergeben, aber das Haus
unabhängig von diesen Dingen nicht da ist: genau so ist
das, was wir in konventioneller Weise als ,Wesen,
bezeichnen, als Individuum, Person, Ich usw. in
Wirklichkeit (paramatthena) bloß ein beständig
wechselnder Prozeß geistiger und körperlicher Phänomene
und hat an sich keinerlei Existenz.
Dies ist die berühmte Anatta- oder Nicht-ich-Lehre des
Buddha, d. i. die Lehre von der Unpersönlichkeit und
Substanzlosigkeit alles Geschehens. Es ist dies die
Kernlehre des ganzen Buddhismus, die für das wahre
Verständnis und damit auch für die Verwirklichung der
Buddha-Lehre unerläßlich ist. Die Anattá-Lehre ist das
notwendige Ergebnis der in der Lehre von den
Daseinsgruppen (khandha) vollzogenen gründlichen
Analyse der Wirklichkeit, die mit den hier gegebenen
Texten nur angedeutet werden konnte. Die Anatta-Lehre
schließt nicht nur den Gedanken des ,Ich', Sondern auch
den des ,Mein' aus; d. h. sie besagt, daß die
Daseinsgruppen weder ein Selbst bilden (anattá),
noch einem außerhalb ihrer vorgestellten Selbst
angehören (anattaniya).
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33
Angenommen ein Mann mit Sehvermögen betrachte sich die
vielen Wasserblasen auf dem Ganges, und er beobachte und
untersuche sie gründlich; nachdem er dies aber getan
habe, erschienen ihm diese leer, unwirklich und
wesenlos. In derselben Weise betrachtet der Mönch alles
Körperliche, alle Gefühle, alle Wahrnehmungen, alle
Geistformationen, alles Bewußtsein, ob vergangen,
gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd, grob oder
fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe; und er
erkennt alle diese Dinge als leer, nichtig und wesenlos.
Dem Schaumball gleichet dieser Leib,
Der Wasserblase das Gefühl,
Wahrnehmung ist dem Luftbild gleich,
Die Geistgebilde dem Bananenstamm,
Bewußtsein aber ist wie Gaukelwerk.
Wer sich, ihr Jünger, des Körperlichen erfreut oder der
Gefühle, der Wahrnehmungen, der Geistformationen oder
des Bewußtseins, der erfreut sich des Leidens; und wer
sich des Leidens erfreut, der wird von, Leiden nicht
erlöst.
Was soll das Lachen, was die Lust,
Wo alles ständig brennt und flammt?
In Finsternis seid ihr gehüllt!
Warum sucht ihr nicht nach dem Licht?
Schaut diesen Balg schön aufgeputzt,
Den Leib voll Löcher, wohl gefügt,
Den siechen, wunschesschwangeren,
Der Dauer und Bestand nicht hat.
Wer diese grauen Knochen sieht,
Die man dort hingeworfen hat,
Den Kürbissen zur Herbstzeit gleich,
Wie kann wohl der noch Lust verspüren?
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34
Drei Himmelsboten
Sahest du, o Mensch, nicht unter den Menschen den ersten
Himmelsboten erscheinen? Sahest du nie eine Frau oder
einen Mann von 80, 90 oder 100 Jahren, abgelebt,
gekrümmt wie Dachsparren, gebückt, auf eine Krücke
gestützt, schlotternden Ganges dahinschleichend, siech,
mit verwelkter Jugend, mit abgebrochenen Zähnen und
ergrauten Haaren, oder kahl, mit wackelndem Kopfe,
voller Runzeln, die Glieder mit Flecken bedeckt? Und
dachtest du da nicht, o Mensch, der du Verstand
besitzest und alt genug bist: ,Auch ich bin dem Alter
unterworfen, kann dem Alter nicht entgehen. So laß mich
denn Gutes tun in Werken, Worten und Gedanken'? O
Mensch, aus Leichtsinn hast du weder in Werken, Worten,
noch Gedanken Gutes getan.
Wahrlich, o Mensch, jene böse Tat wurde weder von deiner
Mutter getan, noch von deinem Vater, deinem Bruder,
deiner Schwester, noch von deinen Freunden und Genossen,
deinen Vettern und Blutsverwandten, noch von Geistern,
Asketen oder Priestern. Du allein hast jene böse Tat
begangen, du allein sollst deren Frucht erfahren.
Sahest du, O Mensch, nicht unter den Menschen den
zweiten Himmelsboten erscheinen? Sahest du nie unter den
Menschen eine Frau oder einen Mann, krank, elend, schwer
leidend, sich im eigenen Kot und Urin umher wälzend, der
von anderen aufgerichtet, von anderen niedergelegt
werden muß? Und dachtest du da nicht, O Mensch, der du
Verstand besitzest und alt genug bist: ,Auch ich bin der
Krankheit unterworfen, kann der Krankheit nicht
entgehen. So laß mich denn Gutes tun in Werken, Worten
und Gedanken'? . . .
Sahest du, o Mensch, nicht unter den Menschen den
dritten Himmelsboten erscheinen? Sahest du nie unter den
Menschen eine Frau oder einen Mann, einen oder zwei oder
drei Tage nach dem Tode, aufgeschwollen, blau verfärbt,
mit Eiter bedeckt? Und dachtest du da nicht, o Mensch,
der du Verstand besitzest und alt genug bist: ,Auch ich
bin dem Tode unterworfen, kann dem Tode nicht entgehen.
So laß mich denn Gutes tun in Werken, Worten und
Gedanken'? O Mensch, aus Leichtsinn hast du weder in
Werken, Worten noch Gedanken Gutes getan. Wahrlich, o
Mensch, jene böse Tat wurde weder von deiner Mutter
getan, noch von deinem Vater, deinem Bruder, deiner
Schwester, noch von deinen Freunden und Genossen, deinen
Vettern und Blutsverwandten, noch von Geistern, Asketen
oder Priestern. Du allein hast jene böse Tat begangen,
du allein sollst deren Frucht erfahren.
Obige drei Himmelsboten (deva-dúta)
findet man in den buddhistischen Ländern vielfach
bildlich dargestellt. In
Majjhima-Nikaya 130 finden
sich neben diesen dreien noch zwei weitere, nämlich
Geburt und Bestrafung von Übeltätern.
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35
SAMSARA
Unausdenkbar ist ein Anfang dieser Daseinsrunde, nicht
zu entdecken ist ein Beginn der von Unwissenheit
gehemmten und von Begehren gefesselten Wesen, die immer
wieder den Samsára durcheilen, den Samsára durchwandern.
Was glaubt ihr, o Jünger, was ist wohl mehr: der
Tränenstrom, den ihr auf dieser langen Daseinsrunde, mit
Unerwünschtem vereint und von Erwünschtem getrennt,
klagend und weinend vergossen habt oder das Wasser der
vier Weltmeere? Lange Zeit hindurch habt ihr den Tod von
Vater und Mutter, Sohn und Tochter erfahren, den Verlust
von Verwandten und Schätzen, das Unglück der Krankheit.
Und dabei habt ihr mehr Tränen vergossen, als sich
Wasser in den vier Weltmeeren befindet. So habt ihr denn
lange Zeiten hindurch Leiden erfahren, Qualen erfahren,
das Unglück der Krankheit erfahren und das Leichenfeld
vergrößert, wahrlich genug, um sich von allen
Daseinsgebilden abzuwenden, loszulösen und zu befreien!
Samsára, wtl. , wiederholtes Wandern', Daseinswanderung"
Daseinsrunde, ist die Bezeichnung für das ewig rastlose,
auf- und abwogende Meer des Daseins, das Abbild des
unaufhörlichen Prozesses des immer und immer wieder
Geborenwerdens, Alterns, Leidens und Sterbens. Genauer
gesagt. Samsára ist die ununterbrochene Kette der von
Augenblick zu Augenblick beständig wechselnden, durch
unabsehbare Zeiten hindurch sich aneinander reihenden
fünf Daseinsgruppen, worin eine einzelne so genannte
Lebensdauer nur einen verschwindend kleinen Bruchteil
ausmacht. Um die erste Wahrheit wirklich zu verstehen,
hat man also seinen Blick auf den Samsára zu richten und
nicht etwa bloß auf einen kleinen Bruchteil desselben,
denn dieser mag als einzelne Erscheinung in der Tat
weniger leidvoll sein.
Die erste Wahrheit bezieht sich nicht etwa bloß auf das
aktuelle Leiden, d. h. das Leiden als körperliches oder
geistiges Schmerzgefühl, sondern lehrt, daß infolge des
universalen Gesetzes der Vergänglichkeit alle Dinge,
selber die höchsten Glückszustände, dem Wechsel und
Untergang unterworfen, also elend, unzulänglich und
unbefriedigend sind und ohne Ausnahme den Keim des
Leidens in sich tragen.
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6.
ZWEITE WAHRHEIT
7.
Die Edle Wahrheit von der Leidens-Entstehung
36
Dreifaches Begehren
Was aber, ihr Jünger, ist die Edle Wahrheit von der
Leidens-Entstehung? Es ist dies jenes Wiederdasein
erzeugende, bald hier, bald da sich ergötzende Begehren
(tanhá), nämlich das Sinnliche Begehren, das
Daseins-Begehren und das Nichtseins-Begehren.
Das "Sinnliche Begehren" (káma-tanhá) ist das
Verlangen nach den fünf Sinnenobjekten.
Das "Daseins-Begehren" (bhava-tanhá) ist das
Verlangen nach fortgesetztem oder ewigem Dasein,
insbesondere in den feinkörperlichen oder unkörperlichen
Welten (rupa-, arupa-bhava). Es beruht auf der
Ewigkeits-Ansicht (bhava- oder sassataditthi),
d. i. dem Glauben an eine auch nach, dem Tode
fortbestehende Ichwesenheit.
Das "Nichtseins-Begehren" (vibhava-tanhá) beruht
auf der Selbstvernichtungs-Ansicht (vibhava- oder
ucchedaditti), d. i. dem Glauben, daß es zwar ein
Ich gebe, daß dieses aber nach dem Tode der Vernichtung
anheim falle.
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37
ENTSTEHUNG DES BEGEHRENS
Wo aber entsteht dieses Begehren, wo faßt es Wurzel? Bei
den lieblichen und angenehmen Dingen in der Welt, da
entsteht dieses Begehren, da faßt es Wurzel.
Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist; Formen, Töne,
Düfte, Säfte, Körpereindrücke und Geistobjekte sind
etwas Liebliches und Angenehmes. Bewußtsein,
Bewußtseinseindruck, aus dem Bewußtseinseindruck
entstandenes Gefühl, Wahrnehmung, Wille, Begehren,
Gedankenfassen und Überlegen, die durch Formen, Töne,
Düfte, Säfte, Körpereindrücke und Geistobjekte bedingt
sind, all diese sind etwas Liebliches und Angenehmes. Da
entsteht dieses Begehren, da faßt es Wurzel.
Hat da einer mit dem Auge eine Form wahrgenommen, mit
dem Ohre einen Ton, mit der Nase einen Duft, mit der
Zunge einen Saft, mit dem Körper einen Körpereindruck,
mit dem Geiste ein Geistobjekt, so faßt er bei einem
lieblichen Objekt Zuneigung, und bei einem unliebsamen
Objekt fühlt er Abneigung.
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BEDINGTE ENTSTEHUNG
Was immer er für ein Gefühl (vedaná)
empfindet—angenehm, unangenehm oder indifferent — das
billigt und pflegt er und klammert sich daran (=
"Begehren"). Während er aber das Gefühl billigt, pflegt
und sich daran klammert, steigt in ihm Neigung auf. Die
Neigung aber zu den Gefühlen, diese gilt als das
"Anhaften" (upádána); durch Anhaften aber bedingt
ist dieser (gegenwärtige) Werdeprozeß (bhava),
durch den (karmischen) Werdeprozeß bedingt ist die
(Wieder-)Geburt (játi), durch die Geburt aber
bedingt entstehen Altern und Sterben, Sorge, Jammer,
Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. Also kommt es zur
Entstehung dieser ganzen Leidensfülle.
Die Reihe der "Bedingten Entstehung" (paticca-samuppáda),
die in diesem Text nur teilweise wiedergegeben wird, mag
also als eine ausführliche Darstellung der 2. Wahrheit
angesehen werden.
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38
Diesseitige Wirkung Unheilsamen Karmas
Wahrlich, durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht
veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben bloß aus
Begehrsucht streiten Fürsten mit Fürsten Adelige mit
Adeligen, Priester mit Priestern, Hausväter mit
Hausvätern, streitet die Mutter mit dem Sohn, der Sohn
mit der Mutter, der Vater mit dem Sohn, der Sohn mit dem
Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder mit Schwester,
Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Und so in
Streit, Zank und Zwist geraten greifen sie sich
gegenseitig mit Fäusten, Stöcken und Schwertern an.
Dabei nun erleiden sie den Tod oder tödliche Schmerzen.
Das aber ist der Unsegen der Begehrsucht, die sichtbare
Leidensanhäufung, durch Begehrsucht bedingt, durch
Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht erzeugt, durch
Begehrsucht verursacht
Und fernerhin: durch Begehrsucht bedingt, durch
Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben
bloß aus Begehrsucht brechen die Menschen in Häuser ein,
rauben, plündern Häuser, verüben Wegelagerei gehen zu
den Frauen anderer. Solche nehmen die Fürsten fest und
verhängen mancherlei Strafen über sie. Und so erleiden
sie den Tod oder tödliche Schmerzen Das aber ist der
Unsegen der Begehrsucht die sichtbare Leidensanhäufung,
durch Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlaßt,
durch Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht.
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Jenseitige Wirkung Unheilsamen Karmas
Und fernerhin: durch Begehrsucht bedingt, durch
Begehrsucht veranlaßt, durch Begehrsucht bewogen, eben
bloß aus Begehrsucht führen die Menschen einen üblen
Wandel in Werken, Worten und Gedanken. Und in Werken,
Worten und Gedanken einen üblen Wandel führend, geraten
sie beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, in ein
niederes Dasein, auf leidvolle Fährte, in verstoßene
Welt, zur Hölle. Das aber ist der Unsegen der
Begehrsucht, die jenseitige Leidensanhäufung, durch
Begehrsucht bedingt, durch Begehrsucht veranlasst, durch
Begehrsucht erzeugt, durch Begehrsucht verursacht.
Nicht in den Lüften, nicht in Meeresmitte,
Nicht in den Bergesklüften sich versteckend,
Läßt sich ein Ort auf dieser Erde finden,
Wo weilend man der bösen Tat entginge
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39
Den Willen (cetaná) bezeichne ich als das Wirken
(kamma), denn mit dem Willen wirkt man die Tat in
Werken, Worten und Gedanken . . . Es gibt Taten, ihr
Jünger, die in der Hölle reifen, . . . im Tierschoß
reifen, . . . im Gespensterreich reifen, . . . in der
Menschenwelt reifen, . . . in der Himmelswelt reifen . .
. Dreierlei aber ist das Ergebnis der Taten: entweder
bei Lebzeiten reifend, oder in der nächsten Geburt, oder
bei einer späteren Gelegenheit.
Eigner und Erben ihres Wirkens sind die Wesen, ihrem
Wirken entsprungen, mit ihrem Wirken verknüpft, haben
ihr Wirken zur Zuflucht und werden das gute und
schlechte Wirken, das sie verüben, zum Erbe haben.
Und wo immer die Wesen ins Dasein treten, dort werden
ihre Taten (kamma) zur Reife kommen. Und wo immer
ihre Taten zur Reife kommen, dort werden sie die Früchte
jener Taten ernten, sei es in diesem Leben oder im
nächsten, oder in irgendeinem späteren Leben.
Es wird eine Zeit kommen, ihr Jünger, wenn das große
Weltmeer versiegt, austrocknet, nicht mehr da ist. Es
wird eine Zeit kommen, ihr Jünger, wenn diese gewaltige
Erde vom Feuer verzehrt wird, zunichte wird, nicht mehr
da ist. Nicht aber, sage ich, ihr Jünger, gibt es ein
Ende des Leidens für die von Unwissenheit (avijjá)
gehemmten und von Begehren (tanhá) gefesselten
Wesen, die diese Daseinsrunde durcheilen, diese
Daseinsrunde durchwandern.
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BEGEHREN
Die zweite Edle Wahrheit zeigt, daß die Entstehung des
Leidens und der Leidenswelt in uns selber liegt. Damit
ist gleichzeitig die Möglichkeit der Erlösung (3.
Wahrheit) und eines Weges zu ihr (4. Wahrheit) gegeben.
Begehren (tanhá) ist der Urheber des Daseins und
des Wiederseins. Dieses Dasein aber ist, wie wir gesehen
haben, kein wirkliches, beharrendes "Sein", sondern ein
Werdeprozeß (bhava), dessen Verlauf eben durch
den Charakter, die Stärke und die Richtung des Begehrens
bestimmt wird.
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KARMA
Denn das Begehren ist es, das allem lebensbejahenden
Wirken des Menschen (kamma, Skr. karma)
zugrunde liegt; und dieses Wirken in Werken, Worten und
Gedanken ist es, das je nach seiner Beschaffenheit den
Charakter und das Geschick des Menschen bestimmt und ihn
die Folgen dieses Wirkens in immer erneuten Existenzen
erfahren läßt. Das Dasein oder besser der "Werdeprozeß«,
gliedert sich also in einen aktiven, verursachenden
Karma-Prozeß (kamma-bhava), und seine Auswirkung,
den Wiedergeburts-Prozeß (uppatti-bhava). Auch
hier, in der Betrachtung von Karma, darf die
Anattá-Lehre nicht außer Acht gelassen werden. Ebenso
wie die auf dem Wasserspiegel eines Teiches dahineilende
Welle nichts weiter ist als ein durch den Wind erzeugter
und sich als fortgesetztes Sichheben und Sichsenken
äußernder Vorgang: genau so ist es keine wirkliche
Ichheit, die das Meer des Daseins durcheilt, sondern nur
ein durch Begehren erzeugter Werdeprozeß, der je nach
der Art des karmischen Wirkens bald als Mensch, bald als
Tier oder unsichtbares Wesen in Erscheinung tritt, wobei
das sich beständig wiederholende Aufleben und Absterben
dieser Wesen mit den unaufhörlichen Hebungen und
Senkungen des Wassers verglichen werden mag. Die
Karma-Lehre hat daher hier, in der Behandlung der 2.
Wahrheit von der Leidens-Entstehung, ihren gebührenden
Platz. — Es sei nochmals betont, daß Karma das Wirken
selber bedeutet und nicht etwa das Ergebnis des Wirkens
oder gar des Schicksals des Menschen ist, wie es
vielfach angenommen wird.
In der buddhistischen Lehre bezeichnet Karma den die
Wiedergeburt erzeugenden oder beeinflussenden heilsamen
oder unheilsamen Willen (kusala- oder
akusala-cetaná), sowie die damit verbundenen
Geistesfaktoren.
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8.
DRITTE WAHRHEIT
9.
Die Edle Wahrheit von der Leidens-Erlöschung
40
Was aber, ihr Jünger, ist die Edle Wahrheit von der
Leidens-Erlöschung? Eben jenes Begehrens restlose
Abwendung und Erlöschung, Verwerfung, Fahrenlassen,
Befreiung davon, Nichthaften daran: das, ihr Jünger,
nennt man die Edle Wahrheit von der Leidens-Erlöschung.
Wo aber gelangt jenes Begehren zum Schwinden, zum
Erlöschen? Was es da in der Welt an Lieblichem und
Angenehmem gibt, dort gelangt jenes Begehren zum
Schwinden, zum Erlöschen.
41
Ob in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, wer
auch immer von den Mönchen und Asketen das Liebliche und
Angenehme in der Welt als vergänglich (anicca),
dem Leiden unterworfen (dukkha) und unpersönlich
(anattá) betrachtet, als Unheil und Schrecken ein
solcher überwindet das Begehren.
Durch das restlose Abwenden und Erlöschen des,
Begehrens' (tanhá) erlischt das Anhaften (upádana),
durch Erlöschen des Anhaftens der ,Werdeprozeß' (bhava),
durch Erlöschen des (karmischen) Werdeprozesses die,
Wiedergeburt' (játi); durch Erlöschen der
Wiedergeburt aber erlöschen, Altern und Sterben' (jarámarana),
Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. So
kommt es zum Erlöschen dieser ganzen Leidensfülle.
Somit ist das Erlöschen, Schwinden und Untergehen von
Körperlichkeit, Gefühl' Wahrnehmung, Geistesformation
und Bewußtsein das Erlöschen des Leidens, das Schwinden
der Krankheit, die Aufhebung von Altern und Sterben.
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42
NIRWANA
Gleichwie die auf einem Teiche durch den Wind erzeugte
Welle, die in dem unwissenden Zuschauer die Illusion
einer über den Wasserspiegel dahineilenden Wassermasse
erweckt, nach Eintritt von Windstille allmählich
verschwindet — oder gleichwie das Feuer nach Aufzehrung
des Brennstoffs erlischt —: genau so auch gelangt der
durch Begehren erzeugte Werdeprozeß, der dem unwissenden
Weltling die Illusion einer das Dasein durcheilenden
Ichheit hervorruft, nach restlosem Schwinden des
Begehrens allmählich zum Erlöschen. Somit mag das
Nirwahn, d.i. das Erlöschen (Nibbána; von nir vá,
aufhören zu wehen, ausgehen, erlöschen), unter 2
Aspekten betrachtet werden, nämlich als:
1. Erlöschung der Leidenschaften (kilesa-nibbána
oder kilesa-parinibbána), welche meist zu
Lebzeiten des Arahat, oder Heiligen, eintritt; in den
Sutten wird sie als sa-upádi-sesa-nibbána
bezeichnet, d. i. »Nibbána mit noch verbleibenden
Daseinsgruppen«;
2. Erlöschung der Daseinsgruppen (khandha-nibbána
oder khandha-paririnibbána), welche mit dem Tode
des Arahats eintritt, in den Sutten als
anupádi-sesa-nibbána bezeichnet, d. i. "Nibbána, bei
dem keine Daseinsgruppen übrig bleiben«.
Dies wahrlich, ist der Friede, dies das Erhabene,
nämlich: das Ende aller Karmaformationen, das
Fahrenlassen aller Daseinsgrundlagen, die Versiegung des
Begehrens, Abwendung, Erlösung, Nirwana.
43
Von Gier, Haß und Verblendung getrieben, überwältigt und
gefesselt wirkt man zum eigenen Schaden, zu des anderen
Schaden, zu beiderseitigem Schaden, erleidet man
geistigen Schmerz und Trübsal. Sind aber Gier, Haß und
Verblendung geschwunden, so wirkt man weder zum eigenen
Schaden, noch zu des anderen Schaden, noch zu
beiderseitigem Schaden, erleidet man keinen geistigen
Schmerz und keine Trübsal. Das aber ist das sichtbare
Nirwana, das zeitlose, einladende gewinnende, jedem
Verständigen verständliche.
Insofern aber der Mönch die restlose Versiegung von Gier
(lobha), Haß (dosa) und Verblendung (moha)
verwirklicht, so gibt es eben das sichtbare Nirwana, das
zeitlose, einladende, gewinnende, jedem Verständigen
verständliche.
Versiegung von Gier, Haß und Verblendung: das wahrlich,
nennt man das Nirwana.
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44
UNERSCHÜTTERLICHKEIT
Selbst wenn dem also geisterlösten Mönch außerordentlich
erhabene, übermächtige sichtbare Formen in den
Gesichtskreis treten —hörbare Töne in den Hörkreis
treten—riechbare Düfte in den Riechkreis treten —
schmeckbare Säfte in den Schmeckkreis treten —
körperliche Eindrücke in den Körperempfindungskreis
treten—Geistobjekte in den geistigen Kreis treten, so
vermögen diese seinen Geist nicht mehr zu fesseln. Sein
Geist bleibt unberührt, gefestigt, unerschütterlich, und
er erkennt in diesem allem die Vergänglichkeit.
Gleichwie ein Fels aus einem Stück
Vom Sturme nicht erschüttert wird:
So können weder Form noch Ton,
Noch Duft, noch Saft, noch Tastgefühl,
Nichts Liebliches, nichts Widriges
Erschüttern je den Heiligen.
Gefestigt ist sein Geist, erlöst.
Vernichtung schaut er überall.
Wer vor nichts in dieser Welt erzittert
Und das Gute wie das Böse kennt,
Stillgeworden, wutlos, leidlos, wunschlos,
Der ist Alter und Geburt entflohn.
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45
Es gibt, ihr Jünger, ein Gebiet, wo weder Erde ist, noch
Wasser, noch Feuer, noch Wind, weder das
Raumunendlichkeitsgebiet, noch das
Bewußtseinsunendlichkeitsgebiet, noch das
Nichtsheitgebiet, noch das Gebiet der Weder -Wahrnehmung
- noch - Nichtwahrnehmung, weder diese Welt, noch jene
Welt, weder Sonne noch Mond: dies eben ist das Ende des
Leidens.
Es gibt, ihr Jünger, ein Ungeborenes, Ungewordenes,
Ungemachtes, Ungeschaffenes. Gäbe es nämlich, ihr
Jünger, nicht jenes Ungeborene, Ungewordene, Ungemachte,
Ungeschaffene, so gäbe es keinen Ausweg aus dem
Geborenen, Gewordenen, Gemachten und Geschaffenen. Weil
es aber, ihr Jünger, dieses Ungeborene, Ungewordene,
Ungemachte, Ungeschaffene gibt, darum gibt es eben einen
Ausweg aus dem Geborenen, Gewordenen, Gemachten,
Geschaffenen.
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10.
VIERTE WAHRHEIT
11.
Die Edle Wahrheit von dem zur Leidens-Erlöschung
führenden Pfad
46
ZWEI EXTREME UND DER MITTLERE PFAD
Sich dem sinnlichen Genuß hingeben, dem niedrigen,
gemeinen, weltlichen, unedlen, sinnlosen; und sich der
Selbstkasteiung hingeben, der leidvollen, unedlen,
sinnlosen: diese beiden Extreme hat der Vollendete
vermieden und den mittleren Pfad erkannt, der sehend und
wissend macht und zur Stillung, Durchschauung,
Erleuchtung und zum Nirwana führt.
Nach oben
47
ACHTFACHER PFAD
Was aber ist jener mittlere Pfad? Es ist jener edle
Achtfache Pfad, nämlich:
|
1. rechte Erkenntnis (sammá-ditthi)
|
III. Wissen (paññá) |
|
2. rechte Gesinnung (sammá-sankappa) |
|
3. rechte Rede (sammá-vácá) |
I. Sittlichkeit (síla) |
|
4. rechtes Tun (sammá-kammanta)
|
|
5. rechter Lebensunterhalt (sammá-ájíva)
|
|
6. rechte Anstrengung (sammá-vayáma)
|
II. Sammlung (samádhi) |
|
7. rechte Achtsamkeit (samma-sati)
|
|
8. rechte Sammlung (sammá-samádhi) |
Das also, ihr Jünger, ist der mittlere Pfad, den der
Vollendete aufgefunden hat, der sehend und wissend macht
und zum Frieden, zur Durchschauung, Erleuchtung und zum
Nirwana führt.
Frei von Schmerzen und Qualen ist dieser Pfad, frei von
Verzweiflung und Bedrängnis, der rechte Pfad.
Da der Charakter des Edlen Achtfachen Pfades häufig
missverstanden wurde, sind hier einige erklärende Worte
angebracht.
Die bildhafte Bezeichnung als ein "Pfad" oder "Weg" darf
nicht dahin missverstanden werden, daß man die einzelnen
Stufen dieses Weges in der gegebenen Reihenfolge, eine
nach der anderen, zurückzulegen hat, wie es häufig
dargestellt wird. Wenn dem wirklich so wäre, dann müßte
man als allererstes rechte Erkenntnis und
Wahrheitsdurchschauung verwirklicht haben, bevor man
daran denken könnte, rechte Gesinnung, rechte Rede usw.
zu erreichen. In Wirklichkeit aber werden die die
Sittlichkeits-Gruppe (síla) bildenden Glieder
(3—5) als erstes zur Vollendung gebracht, dann die als
Geistesschulung oder Sammlung (samádhi) geltenden
Glieder (6—8) und zu aller letzt die beiden ersten
Glieder (1—2), welche die Gruppe der Weisheit (paññá)
bilden.
Ein anfängliches Mindestmaß von rechter Erkenntnis muß
freilich vorhanden sein, um überhaupt einen
wohlbegründeten Antrieb zum Beschreiten des Pfades zu
geben; und es ist ferner erforderlich, damit die anderen
Pfadglieder, ihre eigentliche Funktion, wirksam zur
Befreiung zu verhelfen, erfüllen können. Aus diesem
Grunde, und um die Wichtigkeit dieses Faktors zu
betonen, nimmt rechte Erkenntnis auf dem heiligen
Achtfachen Pfade die erste Stufe ein.
Doch dieses keimhafte Verständnis muß sich erst ganz
allmählich mit Hilfe der anderen Pfadglieder bis zu
jenem höchsten Hellblick (vipassaná) entwickeln,
der die unmittelbare Bedingung bildet zum Eintritt in
die vier überweltlichen Stufen oder Pfade der Heiligkeit
und zur Verwirklichung des Nirwanas. Nur im Falle dieses
überweltlichen Hellblicks sind alle übrigen Glieder als
bloße Symptome, Begleiterscheinungen oder Äußerungen der
Erkenntnis zu werten.
Rechte Erkenntnis bildet somit Anfang und Ende der
gesamten Buddha-Lehre.
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48
Kein anderer Pfad wie dieser ist's,
Der zur Erkenntnisreinheit führt.
Drum wandelt diesen Pfad entlang,
Dann wird der Mahr geblendet sein.
Denn wenn ihr diesem Pfade folgt,
Macht ihr ein Ende allem Leid.
Gelehrt hab' ich den Pfad, erkannt
Wie man vom Stachel sich befreit.
Ihr selber müßt euch eifrig müh'n,
Die Buddhas zeigen bloß den Weg.
Wer diesem folget selbstvertieft,
Wird aus den Banden Mahrs erlöst.
"Mahr", Pali: mára, wtl. Mörder, Tod (offenbar
verwandt mit nordisch mara, deutsch Mahr, Mahre, lat.
mors usw.) ist die buddhistische Gestalt des Versuchers;
er ist die Personifikation der Natur und des in ihr
herrschenden Todes der Sinnenwelt und des
Sinnenverlangens, und allgemein:' der Khandha-Welt und
der Leidenschaften (kilesa).
Leihet Gehör, ihr jünger; Das Todlose ist gefunden. Ich
will euch unterweisen, will euch die Lehre darlegen.
Meiner Weisung folgend, werdet ihr gar bald jenes
höchste Ziel der Heiligkeit, um dessentwillen edle Söhne
gänzlich von Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen,
selber erkennen, verwirklichen und euch zu eigen machen.
Nach oben
12.
1. Rechte Erkenntnis (sammá-ditthi)
49
ERKENNTNIS DER VIER WAHRHEITEN
Was aber ist rechte Erkenntnis?
Erkenntnis des Leidens, Erkenntnis der
Leidens-Entstehung, Erkenntnis der Leidens-Erlöschung,
Erkenntnis des zur Leidens-Erlöschung führenden Pfades.
Das nennt man rechte Erkenntnis.
50
ERKENNTNIS DES HEILSAMEN UND UNHEILSAMEN
Oder, wenn der edle Jünger erkennt, was karmisch
unheilsam ist, was die Wurzel des karmisch Unheilsamen
ist, was karmisch heilsam ist, was die Wurzel des
karmisch Heilsamen ist, dann hat er rechte Erkenntnis.
Was aber ist das karmisch Unheilsame (akusala)?
|
1. Das Töten von Lebewesen ist karmisch
unheilsam |
Körperliches Karma (káya-kamma)
|
|
2. Das Nehmen fremden Eigentums ist karmisch
unheilsam |
|
3. Unzulässiger Geschlechtsverkehr ist karmisch
unheilsam |
|
4. Lügen ist karmisch unheilsam |
Sprachliches Karma (vaci-kamma) |
|
5. Hinterbringen ist karmisch unheilsam |
|
6. Rohe Rede ist karmisch unheilsam |
|
7. Leeres Geschwätz ist karmisch unheilsam |
|
8. Habgier ist karmisch unheilsam |
Geistiges Karma (mano-kamma) |
|
9. Übelwollen ist karmisch unheilsam |
|
10. Üble Ansicht ist karmisch unheilsam |
51
Was aber ist die Wurzel des karmisch Unheilsamen
(akusala-múla)?
Gier (lobha) ist eine Wurzel des karmisch
Unheilsamen, Haß (dosa) ist eine Wurzel des
karmisch Unheilsamen, Verblendung (moha) ist eine
Wurzel des karmisch Unheilsamen.
Darum, sage ich, ist dieses (unheilsame) karmische
Wirken (kamma) von dreierlei Art: bedingt durch
Gier, Haß oder Verblendung.
Als karmisch unheilsam gilt jeder mit Gier, Haß oder
Verblendung verbundene Willenszustand (cetaná).
Derselbe mag sich äußern als körperliche, sprachliche
oder rein geistige Tat (kamma). Gier sowohl wie
Haß sind stets mit Verblendung verbunden, da die
Verblendung die primäre Wurzel alles Übels ist. Gier und
Haß aber bestehen in ein und demselben Bewußtseinsmoment
nie zusammen.
Nach oben
52
Was aber ist das karmisch Heilsame (kusala)?
|
1. Verwerfung des Tötens ist karmisch heilsam |
Körperliches Karma (káya-kamma) |
|
2. Verwerfung des Stehlens ist karmisch heilsam |
|
3. Verwerfung unzulässigen Geschlechtsverkehrs
ist karmisch heilsam |
|
4.Verwerfung der Lüge ist karmisch heilsam |
Sprachliches Karma (vací-kamma) |
|
5. Verwerfung des Hinterbringens ist karmisch
heilsam |
|
6. Verwerfung roher Rede ist karmisch heilsam |
|
7. Verwerfung leeren Geschwätzes ist karmisch
heilsam |
|
8. Verwerfung der Habgier ist karmisch heilsam |
Geistiges Karma (mano-kamma) |
|
9. Verwerfung des Übelwollens ist karmisch
heilsam |
|
10. Verwerfung übler Ansichten ist karmisch
heilsam |
Was aber ist die Wurzel des karmisch Heilsamen
(kusala-múla)?
Gierlosigkeit (alobha = Uneigennützigkeit) ist
eine Wurzel des karmisch Heilsamen, Haßlosigkeit (adosa
= Güte) ist eine Wurzel des karmisch Heilsamen,
Unverblendung (amoha = Einsicht, Weisheit) ist
eine Wurzel des karmisch Heilsamen.
Nach oben
53
ERKENNTNIS DER DREI MERKMALE
Oder wenn da einer erkennt, daß diese vergänglichen
Dinge wie Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung,
Geistformationen und Bewußtsein tatsächlich vergänglich
sind (dem Leiden unterworfen und unpersönlich), auch
dann besitzt er rechte Erkenntnis.
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54
UNNÜTZE SPEKULATIONEN
Sollte da nun einer also sprechen: ,Nicht eher will ich
unter dem Erhabenen das heilige Leben führen, bevor mir
der Erhabene nicht erklärt hat, ob die Welt ewig ist
oder zeitlich, endlich oder unendlich, ob Leib und Leben
identisch sind oder etwas Verschiedenes, ob der
Vollendete nach dem Tode fortbesteht oder nicht.', so
möchte ein solcher sterben, bevor der Erhabene alle
diese Fragen beantwortet hat. Es ist genau so, als ob
ein Mann von einem vergifteten Pfeile getroffen wäre und
seine Freunde, Gefährten und Verwandten ließen einen
Wundarzt kommen, der Mann aber spräche: ,Nicht will ich
mir diesen Pfeil entfernen lassen, bis ich nicht weiß,
wer der Mann ist, der mich verwundet hat, ob er
Adeliger, Priester, Bürger oder Knecht ist, wie er
heißt, von was für einer Familie er stammt, ob er groß,
klein oder von mittlerer Gestalt ist'. Wahrlich, nicht
könnte ein solcher alles das erfahren, wohl aber würde
er vorher weg sterben.
Wer daher nach seinem eigenen Wohl trachtet, sollte
diesen Pfeil herausziehen, diesen Pfeil des Jammers, der
Klagen und der Trübsal.
Ob da nämlich die Ansicht besteht oder nicht besteht,
daß die Welt ewig ist oder zeitlich, endlich oder
unendlich, usw., sicher bestehen Geburt, Alter, Sterben,
Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung, deren
Vernichtung schon bei Lebzeiten ich euch verkünde.
Nach oben
55
FÜNF FESSELN
Da ist einer ein unwissender Weltling, ohne Achtung vor
edlen Menschen, ohne Kenntnis der edlen Lehre, ohne
Zügelung darin, ohne Achtung vor guten Menschen, ohne
Achtung vor ihrer Lehre, ohne Zügelung darin. Und sein
Geist ist gefesselt und beherrscht von
Persönlichkeits-Glauben (sakkáya-ditthi),
Zweifelsucht (vicikicchá), Hang an äußeren Regeln
und Riten (sílabbata-parámása), Sinnengier (kama-rága)
und Groll (vyápáda) und wie man sich von diesen
aufgestiegenen Dingen befreien kann, das weiß er nicht
der Wirklichkeit gemäß. Ihm, der diese Dinge nicht
überwunden hat, werden sie zu niederen Fesseln.
Der Persönlichkeitsglaube (sakkáya-ditthi = atta-váda)
mag sich äußern als
1. Ewigkeits-Glaube (sassata- oder
bhava-ditthi), d. i. der Glaube, daß das Ich nach
dem Tode fortbesteht;
2. Selbstvernichtungs-Glaube (uccheda- oder
vibhava-ditthi) d. i. der Glaube, daß das Ich beim
Tode vernichtet wird.
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56
SECHZEHNFACHER ZWEIFEL
Unbekannt mit den der Erwägung würdigen und unwürdigen
Dingen, erwägt er die der Erwägung unwürdigen Dinge,
nicht aber die würdigen Dinge.
Und unweise erwägt er also: ,Bin ich wohl in der
Vergangenheit gewesen? Oder bin ich nicht gewesen? Was
bin ich wohl in der Vergangenheit gewesen? Wie bin ich
gewesen? Aus welchem Zustand bin ich in welchen Zustand
in der Vergangenheit getreten?
Werde ich wohl in der Zukunft sein? Oder werde ich nicht
sein? Was werde ich wohl in der Zukunft sein? Wie werde
ich sein? Aus welchem Zustand werde ich in welchen
Zustand in der Zukunft treten?'
Auch die Gegenwart erfüllt ihn mit Zweifeln: ,Bin ich?
Oder bin ich nicht? Was bin ich? Wie bin ich? Woher ist
dieses Ichwesen gekommen? Wohin wird es gehen?'
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57
SECHS ICH-ANSICHTEN
Bei solchen unweisen Erwägungen aber verfällt er einer
der folgenden Ansichten, und es wird seine Überzeugung
und feste Ansicht: ,Ich habe ein Ich' oder ,Ich habe
kein Ich' oder ,Mit dem Ich erkenne ich das (absolute)
Ich' oder ,Mit dem Ich erkenne ich, was nicht-Ich ist'
oder ,Mit dem, was Nicht-Ich ist, erkenne ich das Ich'.
Oder aber die Ansicht steigt ihm auf: ,Dieses mein Ich,
das handelnde und leidende, das da und dort das Ergebnis
der guten und bösen Taten erfährt, dieses mein Ich ist
beständig dauernd, ewig, keinem Wechsel unterworfen,
wir'! also sich ewig gleich bleiben'.
58
Wenn es das Ich wirklich gäbe, dann gäbe es auch etwas,
das zu dem Ich gehörte. Da aber in Wahrheit und
Wirklichkeit weder ein Ich noch etwas zu einem Ich
Gehörendes anzutreffen ist, ist es da nicht eine
vollständige Narrenlehre, zu behaupten: ,Das ist die
Welt, das bin ich; nach dem Tode werde ich fortbestehen,
beständig sein, dauernd, ewig, keinem Wechsel
unterworfen, werde mir also ewiglich gleich bleiben'?
Das nennt man ein Sichverrennen in Ansichten, ein
Dickicht der Ansichten, eine Wildnis der Ansichten, ein
Puppenspiel der Ansichten, ein Wirrsal der Ansichten,
eine Fessel der Ansichten. In die Fessel der Ansichten
aber verstrickt, wird der unwissende Weltling nicht
befreit von Wiedergeburt, Altern und Sterben, von Sorge,
Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung, wird er nicht
befreit vom Leiden, das sage ich.
Der wissende edle Jünger aber, der die Edlen achtet, die
edle Lehre kennt und darin gezügelt ist, der die Guten
achtet, die Lehre der Guten kennt und darin gezügelt
ist, der weiß, was erwägenswert ist und was nicht. Dies
wissend erwägt er das Erwägenswerte, nicht das nicht
Erwägenswerte. Was das Leiden ist, die Entstehung des
Leidens, die Erlöschung des Leidens und der zur
Leidens-Erlöschung führende Pfad, diese Dinge erwägt er.
59
So aber erwägend, schwinden in ihm die drei Fesseln:
Persönlichkeitsglaube, Zweifelsucht und Hang an äußeren
Regeln und Riten.
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STROMEINTRITT (sotápatti)
Alle Jünger aber, denen die drei Fesseln geschwunden
sind, alle diese sind ,eingetreten in den Strom' (sotápanna),
für immer den niederen Welten entronnen, gesichert, der
vollen Erleuchtung gewiß.
Besser als Alleinherrschaft auf Erden,
Besser als Geburt in einem Götterreich,
Besser als die Herrschaft über alle Welt
Ist fürwahr das Ziel des Eintritts in den Strom.
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60
DIE ZEHN FESSELN
Es gibt zehn Fesseln (samyojana), die die Wesen
an das Dasein ketten, nämlich:
-
Persönlichkeitsglaube
-
Zweifelsucht
-
Hang an äußeren Regeln und Riten
-
Sinnengier
-
Groll
-
Begehren nach feinkörperlichem Dasein (rupa-rága)
-
Begehren nach unkörperlichem Dasein (arupa rága)
-
Dünkel (mána)
-
Aufgeregtheit (uddhacca)
-
Nichtwissen (avijjá).
Wer von den drei ersten Fesseln frei ist, gilt als
,Stromeingetretener' (sotápanna). Wer, neben
diesen, die 4. und 5. Fessel in ihrer gröberen Form
überwunden hat, ist ein ,Einmalwiederkehrer' (sakadágámi).
Wer von den ersten fünf Fesseln vollkommen befreit ist,
ist ein ,Niewiederkehrer' (anágámi), d. h. er
kann nie wieder in einer Sinnenwelt wiedergeboren
werden, da alles sinnliche Begehren in ihm erloschen
ist. Der von allen zehn Fesseln Befreite gilt als der
,Heilige' oder Arahat.
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61
WELTLICHE UND ÜBERWELTLICHE ERKENNTNIS
Rechte Erkenntnis, sage ich, ist von zweierlei Art: es
gibt eine rechte Erkenntnis, die noch den Trieben
unterworfen ist, verdienstlich (d.i. karmisch heilsam)
ist und weltlichen Lohn bringt; und es gibt eine rechte
Erkenntnis, die edel ist, triebfrei, überweltlich und
zum edlen Pfade gehört.
1. Die Ansicht, daß Almosen, Gaben und Opfer etwas Gutes
sind, daß es eine Frucht und eine Wirkung gibt für die
guten und bösen Taten, daß es so etwas gibt wie das
nächste Leben, daß Vater und Mutter und geistgeborene
Wesen keine leeren Worte sind, daß es in der Welt Mönche
und Asketen von rechtem und vollkommenem Wandel gibt,
die diese wie die nächste Welt selber durchschaut und
erfahren haben und sie erklären können. Das, ihr Jünger,
ist eine rechte Erkenntnis, die noch den Trieben
unterworfen ist, verdienstlich ist und weltlichen Lohn
bringt.
2. Was aber da bei einem, während er mit heiligem,
ungetrübtem Herzen auf dem heiligen Pfade (des
Stromeingetretenen, Einmalwiederkehrenden usw.) verweilt
und den heiligen Pfad entfaltet, an Wissen besteht, das
ist eine rechte Erkenntnis, die edel ist, triebfrei,
überweltlich und die zum edlen Pfade gehört.
62
Gerade wie die rechte Erkenntnis von zweierlei Art sein
mag, weltlich (lokiya) oder überweltlich (lokuttara),
so ist es auch mit den übrigen Stufen des achtfachen
Pfades, so daß man von einem weltlichen und einem
überweltlichen Pfade (lokiya-magga und
lokuttara-magga) spricht.
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63
VON DREI DINGEN BEGLEITET
Wenn man nun verkehrte Erkenntnis als verkehrt und
rechte Erkenntnis als recht erkennt, so hat man rechte
Erkenntnis. Wenn man verkehrte Gesinnung . . . verkehrte
Rede . . . verkehrtes Tun . . . verkehrten
Lebensunterhalt als verkehrt und rechten Lebensunterhalt
als recht erkennt, so hat man rechte Erkenntnis.
Während man sich aber bemüht, die verkehrte Erkenntnis
zu überwinden und die rechte Erkenntnis zu erwecken, zu
einer solchen Zeit übt man Rechte Anstrengung (sammá-váyáma).
Während man aber voll Achtsamkeit die verkehrte
Erkenntnis überwindet und die rechte Erkenntnis erweckt,
zu einer solchen Zeit übt man Rechte Achtsamkeit (sammá-sati).
Somit gibt es drei Dinge, die die rechte Erkenntnis
begleiten und ihr folgen, nämlich: rechte Erkenntnis,
rechte Anstrengung und rechte Achtsamkeit.
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64
FREI VON ALLER THEORIE
Sollte da nun einer die Frage aufwerfen, ob ich irgend
eine Ansicht habe, so hätte man ihm zu erwidern: ,Der
Vollendete ist frei aller Theorie, denn der Vollendete
weiß, was Körperlichkeit ist, wie sie entsteht und wie
sie vergeht; er weiß, was Gefühl ist, wie es entsteht
und wie es vergeht; er weiß, was Wahrnehmung ist, wie
sie entsteht und wie sie vergeht; er weiß, was
Geistformationen sind, wie sie entstehen und wie sie
vergehen; er weiß, was Bewußtsein ist, wie es entsteht
und wie es vergeht.' Darum, sage ich, ist der Vollendete
durch Versiegung, Abwendung, Erlöschung, Verwerfung und
Vertreibung alles Meinens, alles geistigen
Sich-verrennens und alles Anhaftens an den Trieben des
,Ich' und ,Mein' haftlos erlöst.
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65
DREI DASEINS-MERKMALE
Ob Vollendete in der Welt auftreten oder nicht, es
bleibt eine feststehende Tatsache, ein unumstößliches
Gesetz, daß alle Gebilde vergänglich (anicca)
sind, daß alle Gebilde dem Leiden (dukkha)
unterworfen sind, dass alle Dinge unpersönlich (anattá)
sind.
Der Begriff ,Gebilde' (sankhára) umfaßt hier alle
bedingt entstandenen, ,gewordenen' Dinge, die einen
Anfang und ein Ende haben, die sogen. ,geschaffenen
Dinge' (sankhata-dhamma), m. a. W. alle
körperlichen und geistigen Daseinsphänomene. Der Begriff
dhamma (Ding) ist jedoch allumfassend, insofern er auch
das Ungeschaffene (asankhata), d. i. das Nirwana,
mit einschließt.
Man kann also nicht sagen, dass alle Dinge (dhamma)
vergänglich und leidvoll sind, denn für
nibbána-dhamma trifft dies nicht zu. Andererseits
wäre es auch irreführend zu sagen, dass lediglich alle
Gebilde (sankhára) unpersönlich seien, denn auch
das Nirwahn, das kein Daseinsgebilde ist, ist
unpersönlich.
Daß es etwas Körperliches gibt—oder Gefühl—oder
Wahrnehmung—oder Geistformationen—oder Bewußtsein, das
unvergänglich, beständig und ewig sei, keinem Wechsel
unterworfen, so etwas erkennen die Weisen in der Welt
nicht an; und auch ich sage, dass es so etwas nicht
gibt.
Und daß ein von rechter Erkenntnis erfülltes Wesen
irgend etwas als Ichheit ansehen sollte, das ist nicht
möglich.
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66
ICH-ANSICHTEN
Sollte da einer behaupten, das Gefühl sei sein Ich, so
hätte man also zu ihm zu sprechen: ,Drei Arten der
Gefühle gibt es, angenehmes, unangenehmes und
indifferentes. Welches von diesen Gefühlen betrachtest
du nun als dein Ich? In dem Augenblick, wo du eines
dieser Gefühle empfindest, empfindest du nicht die
beiden anderen. Diese drei Gefühle sind vergänglich,
erzeugt, bedingt entstanden, dem Vergehen und Schwinden,
der Aufhebung und Erlöschung unterworfen.' Wer nun beim
Empfinden eines dieser Gefühle sagen wollte: ,Das ist
mein Ich', der sollte dann auch nach Erlöschung eben
dieses Gefühls sagen: ,Mein Ich ist nun geschwunden'.
Und damit gibt er zu, daß sein Ich bereits im
gegenwärtigen Leben unbeständig ist, mit Angenehmem und
Unangenehmem vermengt und dem Entstehen und Vergehen
unterworfen.
Sollte da aber einer behaupten, das Gefühl sei nicht
sein Ich und auch das Ich sei dem Gefühle nicht
zugänglich, so hätte man ihn zu fragen: ,Kann man wohl,
wenn überhaupt kein Gefühl da ist, sagen "Das bin ich"?'
Oder sollte einer behaupten: ,Das Gefühl ist zwar nicht
mein Ich, aber es ist falsch zu sagen, daß mein Ich dem
Gefühl unzugänglich sei, denn es ist das Ich, welches
das Gefühl empfindet und die Fähigkeit des Fühlens
besitzt',—einem solchen wäre zu erwidern: ,Angenommen
nun, die Gefühle sollten ganz und gar und in jeder Weise
schwinden, könnte man dann wohl nach dem völligen
Schwinden und Erlöschen des Gefühls noch sagen: ,Das bin
ich'?'
Daß einer mit Recht behaupten könnte, das
Geistbewußtsein sei das Ich, das ist nicht möglich, denn
auch beim Geistbewußtsein zeigt sich ein Entstehen und
Vergehen. Wobei sich aber ein Entstehen und Vergehen
zeigt, da muß man zum Schluß kommen: ,Mein Ich, entsteht
und verschwindet wieder'. Daher trifft es nicht zu, daß
das Geistbewußtsein das Ich sei. Somit ist das
Geistbewußtsein nicht-ich.
67
Besser freilich wäre es, wollte der unwissende Weltling
diesen aus den vier Elementen aufgebauten Körper als das
Ich betrachten, nicht aber den Geist. Denn der aus den
vier Elementen aufgebaute Körper mag ein, zwei, drei,
vier, fünf Jahre, zehn, zwanzig, dreißig, vierzig,
fünfzig Jahre, ja hundert Jahre und noch länger bestehen
bleiben, das aber, was als Geist, Denken oder Bewußtsein
(citta, mano, viññána) bezeichnet, kommt
beständig während des Tages und der Nacht, als eines zum
Entstehen, und als ein anderes schwindet es wieder.
68
Was es daher an Körperlichkeit gibt, an Gefühl,
Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein, ob
vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, eigen oder fremd,
grob oder fein, gemein oder erhaben, fern oder nahe,
davon sollte man der Wirklichkeit gemäß und mit rechter
Einsicht also erkennen: ,Das gehört mir nicht, das bin
ich nicht, das ist nicht mein Ich'.
Um diese Ichlosigkeit und äußerste
Leere des Daseins zu zeigen, zitiert
Vis. XVI die folgenden Verse:—
,Bloß Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da.
Bloß Taten gibt es, doch kein Täter findet sich.
Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann.
Den Pfad gibt es, doch keinen Wand'rer sieht man da.'
Sollte man mich fragen, ob ich in der Vergangenheit
gewesen sei oder nicht, ob ich in der Zukunft sein werde
oder nicht, ob ich jetzt sei oder nicht, so würde ich
auf solche Frage die Antwort geben: ,Wohl bin ich in der
Vergangenheit gewesen, und nicht bin ich nicht gewesen;
wohl werde ich in der Zukunft sein, und nicht werde ich
nicht sein; wohl bin ich jetzt, und nicht bin ich
nicht': so würde ich die Frage beantworten ... In der
Vergangenheit war mein vergangenes Dasein wirklich,
unwirklich das zukünftige und gegenwärtige Dasein. In
der Zukunft wird mein zukünftiges Dasein wirklich sein,
unwirklich aber das vergangene und gegenwärtige Dasein.
Jetzt ist mein gegenwärtiges Dasein wirklich, unwirklich
das vergangene und zukünftige Dasein! .
Nach oben
69
Wahrlich, wer die Bedingte Entstehung (paticca-samuppáda)
kennt, der kennt die Lehre; und wer die Lehre kennt, der
kennt die Bedingte Entstehung.
Denn gerade wie von der Kuh die Milch kommt, von der
Milch die saure Milch, von der sauren Milch die Butter,
von der Butter das Butteröl (ghee), von dem Butteröl der
Butterölschaum,—und wenn es Milch ist, diese nicht saure
Milch oder Butter usw. genannt wird, sondern eben bloß
Milch, oder wenn es saure Milch ist, diese . . . eben
bloß saure Milch genannt wird . . .: genau so war in der
Vergangenheit mein vergangenes Dasein wirklich,
unwirklich aber das zukünftige und gegenwärtige usw.
Alles das aber sind volkstümliche Bezeichnungen und
Namen, konventionelle Ausdrücke und Begriffe, deren sich
der Vollendete zwar bedient, ohne aber sich daran zu
klammern.
70
Wer Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung und Bewußtsein
nicht der Wirklichkeit gemäß erkennt, sowie dieser Dinge
Entstehung, Erlöschung und den zu ihrer Erlöschung
führenden Pfad, dem kommen solche Gedanken wie: daß der
Vollendete nach dem Tode fortbestehe . . . oder nicht
fortbestehe . . . oder teils fortbestehe, teils nicht
fortbestehe. Wer aber jene Dinge der Wirklichkeit gemäß
erkennt, dem kommen solche Gedanken nicht.
71
Wenn die Ansicht besteht, daß Leben und Leib identisch
seien—oder Leben und Leib etwas Verschiedenes seien,
dann gibt es kein Heiliges Leben.
Diese beiden Extreme (Selbstvernichtungsansicht und
Ewigkeitsansicht) hat der Vollendete gemieden und die in
der Mitte liegende Lehre verkündet:
Nach oben
BEDINGTE ENTSTEHUNG (paticca-samuppáda).
-
Durch Unwissenheit (avijja) bedingt sind die
Karmaformationen;
-
durch die Karmaformationen (sankhára) das Bewußtsein
(beginnend mit der Wiederempfängnis);
-
durch das Bewußtsein (viññána) das Geistige und
Körperliche;
-
durch das Geistige und Körperliche (náma-rupa) die
sechs Grundlagen (die fünf physischen Sinnenorgane
und Bewußtsein);
-
durch die sechs Grundlagen (sal-áyatana) der
Bewußtseinseindruck;
-
durch den Bewußtseinseindruck: (phassa) das Gefühl;
-
durch das Gefühl (vedaná) das Begehren;
-
durch das Begehren (tanhá) das Anhaften;
-
durch das Anhaften (upádána) der Werdeprozeß (der
Karmaprozeß und der dadurch bewirkte Geburtsprozeß);
-
durch den Werdeprozeß (bhava; hier: Karmaprozeß) die
Wiedergeburt;
-
durch die Wiedergeburt (játi) aber bedingt kommt es
zu
-
Altern und Sterben (jará-marana), Sorge, Jammer,
Schmerz, Trübsal und Verzweiflung.
So kommt es zur Entstehung dieser ganzen Leidensfülle.
Das nennt man die Bedingte Entstehung.
Da gibt es weder Gott noch Brahma,
Der dieses Daseinsrad erschuf:
Nur leere Dinge ziehn vorüber,
Durch viele Ursachen bedingt.
Nach oben
72
In wem aber die Unwissenheit geschwunden und das Wissen
erwacht ist, solch ein Jünger wirkt eben, nach dem
Schwinden von Unwissenheit und dem Erwachen des Wissens,
weder heilsame, noch unheilsame, noch unerschütterliche
Karmaformationen.
Somit eben kommt es durch restlose Abwendung und
Erlöschung der Unwissenheit zur Erlöschung der
Karmaformationen, dadurch zur Erlöschung des Bewußtseins
(d. i. Nichtwiederentstehens des Bewußtseins in einem
neuen Mutterleibe), dadurch zur Erlöschung des Geistigen
und Körperlichen . . . durch Erlöschung der Wiedergeburt
aber gelangen Altern und Sterben, Sorge, Jammer,
Schmerz, Trübsinn und Verzweiflung zur Erlöschung. So
kommt es zur Erlöschung dieser ganzen Leidensfülle.
Das aber ist die edle Wahrheit von der Erlöschung des
Leidens.
Weil eben, durch Unwissenheit gehemmt und durch Begehren
gefesselt, die Wesen bald hier bald da Genuß empfinden,
darum kommt es immer wieder zu erneuter Geburt.
Nach oben
73
Und das Wirken (Karma), das durch Gier, Haß oder
Verblendung (lobha, dosa, moha) erzeugt ist,
daraus entspringt, dadurch veranlaßt ist, darin seinen
Ursprung hat, jenes Wirken wird dort zur Reife gelangen,
wo immer der Mensch sein mag; und wo immer jenes Wirken
zur Reife gelangt, dort erntet er die Früchte jenes
Wirkens, sei es in diesem, im nächsten oder irgend einem
späteren Leben.
Durch das Schwinden der Unwissenheit aber, durch das
Erwachen des Wissens und die Erlöschung des Begehrens
kommt es in Zukunft zu keiner neuen Wiedergeburt mehr.
Denn das Wirken, das nicht durch Gier, Haß oder
Verblendung erzeugt ist, nicht daraus entspringt, nicht
dadurch veranlaßt ist, nicht darin seinen Ursprung hat
solches Wirken ist, sofern Gier, Haß und Verblendung
geschwunden sind, verlassen, entwurzelt, wie eine
Fächerpalme dem Boden entrissen, zunichte gemacht,
keinem weiteren Insdaseintreten mehr ausgesetzt.
In dieser Hinsicht mag man wahrlich mit Recht von mir
behaupten, daß ich die Vernichtung lehre, zum Zwecke der
Vernichtung die Lehre darlege und daß ich darin meine
Jünger unterweise. Ich lehre nämlich die Vernichtung,
und zwar die Vernichtung von Gier, Haß und Verblendung
sowie der mannigfachen üblen, unheilsamen Dinge.
74
"Der Paticca-samuppáda lehrt die ausnahmslose
Bedingtheit und abhängige Natur aller der in Erscheinung
tretenden mannigfachen Daseinsphänomene, ja alles
Geschehens überhaupt, sei es auf körperlichem oder
geistigem Gebiete. Er zeigt, daß die in den
konventionellen Begriffen wie Person, Individuum, Ich
usw. zusammengefaßten geistigen und körperlichen
Phänomene keinen blinden Zufall der Natur darstellen,
sondern daß eben jedes einzelne Phänomen in diesem
Daseinsprozesse ganz und gar abhängig ist von wieder
anderen Phänomenen als seinen Bedingungen, und daß daher
mit Aufhebung der Bedingungen der Wiedergeburt auch die
Befreiung von aller Wiedergeburt und allem künftigen
Leiden erreicht ist. Dies aber ist, wie bereits
angedeutet, der Kernpunkt und das eigentliche, wirkliche
Ziel der ganzen Lehre des Buddha: Befreiung von der
Runde der Wiedergeburten mit all ihrem Elend und Leiden.
Auf diese Weise dient die ,Bedingte Entstehung' als
Erklärung der 2. und 3. edlen Wahrheit, indem sie diese
beiden Wahrheiten von Grund auf klarstellt und ihnen
eine feste philosophische Form gibt.". Zur besseren
Übersicht diene die Übersichtstafel auf der folgenden
Seite.
Der in der folgenden Übersichtstafel durch 1 und 2
angedeutete Karmaprozeß ist identisch mit dem durch 8, 9
und 10 angedeuteten, ebenso der durch 3—7 angedeutete
Wiedergeburtsprozeß mit dem durch 11 und 12 angedeuteten
"Fünf Ursachen vergangen sind,
Fünf Wirkungen man jetzt erlebt,
Fünf Ursachen man jetzt erzeugt,
Fünf Wirkungen zukünftig sind.«
|
Vergangenes Dasein |
1. Unwissenheit (avijjá)
2. Karmaformationen (sankhára)
|
Karmaprozeß (kamma-bhava): 5
Ursachen: 1. 2. 8. 9. 10 |
|
Gegenwärtiges Dasein |
3. Bewußtsein (viññána)
4. Geistiges u. Körperliches (náma-rupa)
5. 6 Grundlagen (áyatana)
6. Bewußtseinseindruck (phassa)
7. Gefühl (vedaná)
|
Wiedergeburts-prozeß (uppatti-bhava):
5 Wirkungen 3-7 |
|
8. Begehren (tanhá)
9. Anhaftung (upádána)
10. Werdeprozeß (bhava)
|
Karmaprozeß (kamma-bhava): 5 Ursachen
1. 2. 8. 9. 10. |
|
Zukünftiges Dasein |
11. Wiedergeburt (játi)
12. Altern und Sterben (jará-marana)
usw. |
Wiedergeburts- prozeß (uppatti-bhava):
5 Wirkungen: 3-7 |
Nach oben
13.
2. Rechte Gesinnung (sammá-sankappa)
75
Was aber ist rechte Gesinnung? Entsagende Gesinnung (nekkhamma-sankuppa),
haßlose Gesinnung (avyápáda- sankappa) und
friedfertige Gesinnung (avihimsá-sankappa).
76
WELTLICHE UND ÜBERWELTLICHE GESINNUNG
Rechte Gesinnung, sage ich, ist von zweierlei Art: es
gibt eine rechte Gesinnung, die noch den Trieben
unterworfen ist, verdienstvoll ist und weltlichen Lohn
bringt; und es gibt eine rechte Gesinnung, die edel ist,
triebfrei, überweltlich und zum edlen Pfade gehört.
1. Entsagende Gesinnung, haßlose Gesinnung, friedfertige
Gesinnung, das ist eine rechte Gesinnung, die noch den
Trieben unterworfen ist, verdienstvoll ist und
weltlichen Lohn bringt.
77
2. Was da aber bei einem, der mit heiligem, ungetrübtem
Herzen auf dem heiligen Pfade verweilt und den heiligen
Pfad entfaltet, an Gedanke besteht, an Gedankenfassung,
Denken, Beobachtung und Gerichtet sein der Gedanken, an
Zielbewußtsein des Geistes, an sprachlicher Tätigkeit
(des Geistes, vací-sankhára): das ist eine rechte
Gesinnung, die edel ist, triebfrei, überweltlich und zum
edlen Pfade gehört.
Nach oben
VON DREI DINGEN BEGLEITET
Wenn man nun verkehrte Gesinnung als verkehrt und rechte
Gesinnung als recht erkennt, so hat man rechte
Erkenntnis (sammá-ditthi). Während man sich aber
bemüht, die verkehrte Gesinnung zu überwinden und die
rechte Gesinnung zu erwecken, zu einer solchen Zeit übt
man rechte Anstrengung (sammá-váyáma) Während man
aber voll Achtsamkeit die verkehrte Gesinnung überwindet
und die rechte Gesinnung erweckt, zu einer solchen Zeit
übt man rechte Achtsamkeit (sammá-sati).
Somit gibt es drei Dinge, die die rechte Gesinnung
begleiten und ihr folgen, nämlich: rechte Erkenntnis,
rechte Anstrengung und rechte Achtsamkeit.
Nach oben
14.
3. Rechte Rede
(sammá-vácá)
Was aber ist rechte Rede?
ABSTEHEN VOM LÜGEN
78
1. Da hat einer das Lügen verworfen, vom Lügen steht er
ab. Die Wahrheit spricht er, ist der Wahrheit ergeben,
an der Wahrheit hält er fest, ist vertrauenswürdig,
betrügt die Menschen nicht. Kommt er nun in eine
Gesellschaft von Leuten oder unter Männer oder Verwandte
oder in eine Körperschaft oder wird er vor Gericht
geladen und als Zeuge aufgefordert auszusagen, was er
wisse, so antwortet er, wenn er nichts weiß: ,Ich weiß
nichts'; und wenn er weiß, sagt er: ,Ich weiß'. Hat er
nichts gesehen, so sagt er: ,Ich habe nichts gesehen';
hat er aber etwas gesehen, so sagt er: ,Ich habe etwas
gesehen'. So spricht er weder um seiner selbst willen
noch um eines anderen willen noch um irgend eines
weltlichen Vorteils willen jemals eine bewußte Lüge.
79
ABSTEHEN VON ZWISCHENTRÄGEREI
2. Zwischenträgerei hat er verworfen, von
Zwischenträgerei steht er ab. Was er hier gehört hat,
erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; und
was er dort gehört hat, erzählt er hier nicht wieder, um
diese zu entzweien. So einigt er Entzweite, ermutigt die
Geeinigten, an Eintracht hat er Freude und Gefallen, und
Eintracht fördernde Worte spricht er.
Nach oben
80
ABSTEHEN VON ROHER REDE
3. Rohe Rede hat er verworfen, von roher Rede steht er
ab. Worte, die untadelig sind, dem Ohre angenehm,
liebreich, zum Herzen gehend, höflich, vielen lieb und
angenehm, solche Worte spricht er.
Selbst wenn da einem ein Räuber mit einer
doppelgriffigen Säge Gelenke und Glieder
durch-schneidet, so würde, wer da in Zorn geriete, nicht
meine Weisung befolgen. Da hat man sich nun also zu
üben: ,Nicht soll mein Geist außer sich geraten! Nicht
darf ich üble Worte äußern! Von Wohlwollen und gütiger
Gesinnung erfüllt will ich bleiben, ohne Groll in meinem
Innern; und jene Person will ich mit gütiger Gesinnung
durchdringen, und darauf gestützt will ich die ganze
Welt mit gütigem Geiste durchdringen, einem weiten,
entfalteten, unbeschränkten, frei von Haß und
Übelwollen.
Nach oben
81
ABSTEHEN VON LEEREM GESCHWÄTZ
4. Leeres Geschwätz hat er verworfen, von leerem
Geschwätz steht er ab. Zur rechten Zeit spricht er, den
Tatsachen und dem Sinne gemäß, spricht über die Lehre
und sittliche Zucht. Seine Worte sind denkwürdig,
begründet, abgemessen und sinnvoll.
Nach oben
Was nun, ihr Jünger, ist rechte Rede?
82
WELTLICH UND ÜBERWELTLICH
Rechte Rede, sag ich, ist von zweierlei Art: es gibt
eine rechte Rede, die noch den Trieben unterworfen ist,
verdienstlich ist und weltlichen Lohn bringt; und es
gibt eine rechte Rede, die edel ist, triebfrei,
überweltlich und zum edlen Pfade gehört.
1. Das Abstehen von Lüge, Zwischenträgerei, roher Rede
und leerem Geschwätz: das ist eine rechte Rede, die noch
den Trieben unterworfen ist, verdienstlich ist und
weltlichen Lohn bringt.
2. Was da aber bei einem, der mit heiligem, ungetrübtem
Herzen auf dem heiligen Pfade verweilt und den heiligen
Pfad entfaltet, Abwendung, Wegwendung, Enthaltsamkeit
und Abstehen vom vierfach üblen Wandel in Worten ist:
das ist eine rechte Rede, die edel ist, triebfrei,
überweltlich und zum edlen Pfade gehört.
Nach oben
83
VON DREI DINGEN BEGLEITET
Wenn man nun verkehrte Rede als verkehrt und rechte Rede
als recht erkennt, so hat man rechte Erkenntnis. Während
man sich aber bemüht, die verkehrte Rede zu überwinden
und die rechte Rede zu erwecken, zu einer solchen Zeit
übt man rechte Anstrengung. Während man aber voll
Achtsamkeit die verkehrte Rede überwindet und die rechte
Rede erweckt, zu einer solchen Zeit übt man rechte
Achtsamkeit.
Somit gibt es drei Dinge, die die rechte Rede begleiten
und ihr folgen, nämlich: rechte Erkenntnis, rechte
Anstrengung und rechte Achtsamkeit.
Nach oben
15.
4. Rechtes Tun
(sammá-kammanta)
Was aber ist rechtes Tun?
84
ABSTEHEN VOM TÖTEN
1. Da hat einer das Töten lebender Wesen verworfen, vom
Töten lebender Wesen steht er ab. Stock und Schwert
verwerfend zartfühlend, liebreich, ist er auf das Wohl
aller lebenden Wesen und Geschöpfe bedacht.
85
ABSTEHEN VOM STEHLEN
2. Das Stehlen hat er verworfen, vom Stehlen steht er
ab. Nur was man ihm gibt, nimmt er an, wartet bis man's
ihm gibt, und ehrlichen und lauteren Herzens verweilt
er.
86
ABSTEHEN VON UNZULÄSSIGEM GESCHLECHTSVERKEHR
3. Unzulässigen Geschlechtsverkehr hat er verworfen, von
unzulässigem Geschlechtsverkehr steht er ab. Mit
Mädchen, die unter der Obhut von Vater, Mutter, Eltern,
Bruder, Schwester, Verwandten, unter der Obhut der Sippe
oder des Gesetzes stehen, oder mit verheirateten Frauen,
Gefangenen, bis zu den blumengeschmückten Bräuten: mit
allen diesen pflegt er keinen geschlechtlichen Umgang.
Das, ihr Jünger, ist rechtes Tun.
Nach oben
87
WELTLICH UND ÜBERWELTLICH
Rechtes Tun, sage ich, ist von zweierlei Art: es gibt
rechtes Tun, das noch den Trieben unterworfen ist,
verdienstvoll ist und weltlichen Lohn bringt; und es
gibt rechtes Tun, das edel ist, triebfrei, überweltlich
und zum edlen Pfade gehört.
1. Das Abstehen vom Töten lebender Wesen, vom Stehlen,
von unzulässigem Geschlechtsverkehr: das ist rechtes
Tun, das noch den Trieben unterworfen ist, verdienstlich
ist und weltlichen Lohn bringt.
2. Was da aber bei einem, der mit heiligem, ungetrübtem
Herzen auf dem heiligen Pfade verweilt und den heiligen
Pfad entfaltet, Abwendung, Wegwendung, Enthaltsamkeit
und Abstehen vom dreifach üblen Wandel in Werken ist:
das ist rechtes Tun, das edel ist, triebfrei,
überweltlich und zum edlen Pfade gehört.
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88
VON DREI DINGEN BEGLEITET
Wenn man nun verkehrtes Tun als verkehrt und rechtes Tun
als recht erkennt, so hat man rechte Erkenntnis. Während
man sich aber bemüht, das verkehrte Tun zu überwinden
und das rechte Tun zu erwecken, zu einer solchen Zeit
übt man rechte Anstrengung. Während man aber voll
Achtsamkeit das verkehrte Tun überwindet und das rechte
Tun erweckt, zu einer solchen Zeit übt man rechte
Achtsamkeit. Somit gibt es drei Dinge, die das rechte
Tun begleiten und ihm folgen, nämlich: rechte
Erkenntnis, rechte Anstrengung und rechte Achtsamkeit.
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16.
5. Rechter Lebensunterhalt (samma-ájíva)
89
Was aber ist rechter Lebensunterhalt?
Wenn der edle Jünger einem verkehrten Lebensunterhalt
entsagt und auf rechte Weise seinen Lebensunterhalt
gewinnt.
In A. Vers 177 heißt es: "Fünf Arten des Handels sollte
der Anhänger vermeiden:
Handel mit
-
Waffen,
-
lebenden Wesen,
-
Fleisch,
-
berauschenden Getränken und
-
Gift."
"Betrügen, Beschwatzen, Andeutungen machen, andere
anschwärzen und nach immer mehr Gewinn suchen solches
gilt als verkehrte Art des Lebensunterhaltes.
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90
WELTLICH UND ÜBERWELTLICH
Rechter Lebensunterhalt, sage ich, ist von zweierlei
Art: es gibt einen rechten Lebensunterhalt, der noch den
Trieben unterworfen ist, verdienstlich ist und
weltlichen Lohn bringt; und es gibt einen rechten
Lebensunterhalt, der edel ist, triebfrei, überweltlich
und zum edlen Pfade gehört.
1. Wenn der edle Jünger einem verkehrten Lebensunterhalt
entsagt und auf rechte Weise seinen Lebensunterhalt
gewinnt, das ist ein rechter Lebensunterhalt, der noch
den Trieben unterworfen ist, verdienstlich ist und
weltlichen Lohn bringt.
2. Was da aber bei einem, der mit heiligem, ungetrübtem
Herzen auf dem heiligen Pfade verweilt und den heiligen
Pfad entfaltet, Abwendung, Wegwendung, Enthaltsamkeit
und Abstehen von verkehrtem Lebensunterhalt ist: das ist
rechter Lebensunterhalt, der edel ist, triebfrei,
überweltlich und zum edlen Pfade gehört.
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91
VON DREI DINGEN BEGLEITET
Wenn man nun verkehrten Lebensunterhalt als verkehrt und
rechten Lebensunterhalt als recht erkennt, so hat man
rechte Erkenntnis. Während man sich aber bemüht, den
verkehrten Lebensunterhalt zu überwinden und rechten
Lebensunterhalt zu erwecken, zu einer solchen Zeit übt
man rechte Anstrengung. Während man aber voll
Achtsamkeit den verkehrten Lebensunterhalt überwindet
und rechten Lebensunterhalt erweckt, zu einer solchen
Zeit übt man rechte Achtsamkeit. Somit gibt es drei
Dinge, die den rechten Lebensunterhalt begleiten und ihm
folgen, nämlich: rechte Erkenntnis, rechte Anstrengung
und rechte Achtsamkeit.
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17.
6. Rechte
Anstrengung (sammá-váyáma)
92
Was aber ist rechte Anstrengung?
Vier rechte Anstrengungen gibt es: Anstrengung zur
Vermeidung, Anstrengung zur Überwindung, Anstrengung zur
Erweckung und Anstrengung zur Erhaltung.
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93
ANSTRENGUNG ZUR VERMEIDUNG
1. Was aber ist die Anstrengung zur Vermeidung
(samvara-padhána) ?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen, nicht
aufgestiegene üble, unheilsame Dinge nicht aufsteigen zu
lassen; und er kämpft darum, bietet seine Kraft auf,
strengt seinen Willen an und müht sich.
Erblickt da der Mönch mir dem Auge eine Form, hört er
mit dem Ohr einen Ton, riecht er mit der Nase einen
Duft, schmeckt er mit der Zunge einen Saft, fühlt er mit
dem Körper einen Körpereindruck, erkennt er mit dem
Geiste ein Geistobjekt, so haftet er weder an der
Gesamterscheinung noch an den Einzelheiten. Da ihn,
unbewachten Geistes weilend, Begehrsucht und Kummer,
üble, unheilsame Dinge ankommen möchten, so wacht er
darüber, hütet er den Geist, wacht über den Geist. Das
nennt man die Anstrengung zur Vermeidung.
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94
ANSTRENGUNG ZUR ÜBERWINDUNG
2. Was aber ist die Anstrengung zur Überwindung (pahána-padhána)?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen, aufgestiegene
üble, unheilsame Dinge zu überwinden; und er kämpft
darum, bietet seine Kraft auf, strengt seinen Willen an
und müht sich.
Da läßt der Mönch einen aufgestiegenen Gedanken der
Begierde, des Hasses, der Grausamkeit nicht Fuß fassen,
läßt die immer wieder aufsteigenden üblen, unheilsamen
Dinge nicht Fuß fassen, überwindet, vertreibt,
vernichtet sie, bringt sie zum Schwinden. Das nennt man
die Anstrengung zur Überwindung.
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95
FÜNF WEGE ZUR ÜBERWINDUNG ÜBLER GEDANKEN
Wenn beim Erwägen eines Objektes dadurch im Mönch üble,
unheilsame Gedanken aufsteigen, mit Gier, Haß oder
Verblendung verbundene, so soll er aus dieser
Vorstellung eine andere, heilsame gewinnen; oder er soll
den Unsegen solcher Gedanken erwägen: ,Da sind sie ja,
diese unheilsamen Gedanken, diese verwerflichen
leidgebärenden!'; oder er soll solchen Gedanken keine
Beachtung schenken; oder er soll ihren Entstehungsgrund
feststellen; oder er soll, die Zähne aufeinander beißend
und die Zunge gegen den Gaumen gepreßt, die Gedanken mit
seinem Geiste niederzwingen, unterdrücken und
überwältigen. Dabei aber kommen jene mit Gier, Haß und
Verblendung verbundenen, üblen unheilsamen Gedanken zum
Schwinden und zur Aufhebung; und nach ihrem Schwinden
festigt sich innerlich der Geist, beruhigt sich, wird
einig und sammelt sich.
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96
ANSTRENGUNG ZUR ERWECKUNG
3. Was aber ist die Anstrengung zur Erweckung (bhávaná-padhána)?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen, nicht
aufgestiegene heilsame Dinge aufsteigen zu lassen; und
er kämpft darum, bietet seine Kraft auf, strengt seinen
Willen an und müht sich.
Da erweckt der Mönch das auf Entsagung, Gierentfremdung
und Erlöschung gerichtete und zur Befreiung führende
Erleuchtungsglied der Achtsamkeit, Wahrheitsergründung,
Willenskraft, Verzückung, Ruhe, Sammlung und des
Gleichmuts. Das nennt man die Anstrengung zur Erweckung.
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97
ANSTRENGUNG ZUR ERHALTUNG
4. Was aber ist die Anstrengung zur Erhaltung (anurakkhana-padhána)?
Da erzeugt der Mönch in sich den Willen, aufgestiegene
heilsame Dinge zu festigen, nicht schwinden zu lassen,
sie zum Anwachsen und zur vollen Entfaltung zu bringen;
und er kämpft darum, bietet seine Kraft auf, strengt
seinen Willen an und müht sich. So hält er z. B. ein
aufgestiegenes Objekt der Sammlung fest, wie die
Vorstellung eines Skeletts, einer von Würmern
angefressenen Leiche, einer blau verfärbten Leiche,
einer mit Eiter bedeckten Leiche, einer durchlöcherten
Leiche, einer aufgedunsenen Leiche. Das nennt man die
Anstrengung zur Erhaltung.
98
Ein Jünger, der Vertrauen besitzt und des Meisters
Weisung durchdrungen hat, ist erfüllt von dem Gedanken:
,Mögen, wahrlich, eher Muskeln, Haut und Sehnen, mitsamt
den Knochen, dem Fleisch und dem Blute auftrocknen und
zusammenschrumpfen, als daß ich meine Willenskraft
aufgebe, bevor ich nicht erreicht habe, was mit
männlicher Kraft, Anstrengung und Ausdauer zu erreichen
ist!'
Verwindung und Vermeidung,
Erweckung und Erhaltung;
Diese vier gewalt'gen Kämpfe
Wies des Lichtes hehrer Sproß.
Wer sich darin standhaft zeiget,
Mag des Leidens Ende schauen.
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18.
7. Rechte Achtsamkeit (sammá-sati)
Was aber ist rechte Achtsamkeit?
99
VIER GRUNDLAGEN DER ACHTSAMKEIT
Da verweilt der Mönch in der Betrachtung des Körpers,
der Gefühle, des Geistes und der Geistobjekte, voll
Tatkraft, klarbewußt und achtsam, nach Unterdrückung
weltlichen Begehrens und Kummers.
Dies, ihr Jünger, ist der einzige Weg zur Läuterung der
Wesen, zur Überwindung von Sorge und Jammer, zum
Schwinden von Schmerz und Trübsal, zur Erreichung des
rechten Pfades und zur Verwirklichung des Nirwahns,
nämlich diese vier Grundlagen der Achtsamkeit (sati-patthána).
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1. Betrachtung des Körpers (káyánupassaná)
100
BETRACHTUNG ÜBER EIN- UND AUSATMUNG (ánapána-sati)
Wie aber verweilt der Mönch in der Betrachtung des
Körpers?
Da begibt sich der Mönch in den Wald, an den Fuß eines
Baumes oder in eine leere Hütte, setzt sich mit
gekreuzten Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, und richtet seine Achtsamkeit vor sich.
Achtsam atmet er ein, achtsam atmet er aus. Atmet er
lang ein, so weiß er ,Ich atme lang ein'; atmet er lang
aus, so weiß er ,Ich atme lang aus'. Atmet er kurz ein,
so weiß er ,Ich atme kurz ein'; atmet er kurz aus, so
weiß er ,Ich atme kurz aus'.
Den ganzen (Atem-)Körper klar wahrnehmend will ich
einatmen', so übt er sich; ,Den ganzen Atemkörper klar
wahrnehmend will ich ausatmen', so übt er sich. ,Diese
Körperfunktion (káya-sankhára) besänftigend will
ich einatmen', so übt er sich; ,Diese Körperfunktion
besänftigend will ich ausatmen', so übt er sich.
101
Die Betrachtung über Ein- und Ausatmung ist eine der
wichtigsten Übungen zur Erreichung der 4 Vertiefungen
(s. nächstes Kapitel). Ausführlich und in Verbindung mit
dem Hellblick (vipassaná) wird sie behandelt in
M. 62 und 118.—Nach jeder der Vertiefungen mag der
Jünger eine Hellblickübung einschalten. Zum Beispiel
untersucht er, wodurch Ein- und Ausatmung bedingt ist.
Er erkennt dann, dass Ein- und Ausatmung den Körper
voraussetzen Der Körper aber ist eine Bezeichnung der 4
physischen Elemente und der davon abhängigen
Körperlichkeit, wie der 5 Sinnenorgane usw. Durch den
5fachen Sinneneindruck aber bedingt entsteht das
Bewußtsein und zusammen damit die übrigen 3
Daseinsgruppen, d. i. Gefühl, Wahrnehmung und
Geistesformationen. So erkennt er ,Es gibt da keine
Ichheit, sondern nur diesen bedingt entstandenen
geistig-körperlichen Prozeß.' Und alle diese Phänomene
als vergänglich, dem Leiden unterworfen und unpersönlich
erkennend erreicht er schließlich einen der 4 Pfade der
Heiligkeit.
102
So betrachtet er den eigenen Körper, betrachtet er den
fremden Körper, betrachtet er beiderlei Körper. Er
betrachtet beim Körper das Entstehen, das Vergehen, das
Entstehen und Vergehen. ,Ein Körper ist da'.
»,Nur ein Körper ist da, keine Wesenheit, kein
Individuum, kein Weib, kein Mann, kein Ich oder zum Ich
Gehörendes, keine Person und kein zu einer Person
Gehörendes'« (Komm.)
Diese Achtsamkeit ist ihm gegenwärtig, soweit sie eben
zur Erkenntnis und Klarheit dient; und unabhängig lebt
er, und an nichts in der Welt haftet er.
So verweilt der Mönch in Betrachtung des Körpers.
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103
VIER KÖRPERPOSITIONEN
Ferner versteht der Mönch beim Gehen, Stehen, Sitzen,
Liegen (der Wirklichkeit gemäß die Ausdrücke): ,Ich
gehe' . . . ,Ich stehe' . . . ,Ich sitze' . . . ,Ich
liege'.
"Er weiß, daß es keine lebende Wesenheit ist, kein
wirkliches 1ch, das da geht, steht usw., sondern daß es
eine bloße konventionelle Ausdrucksweise ist, wenn man
sagt: ,Ich gehe, ich stehe' usw." (Komm.)
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104
ACHTSAMKEIT UND KLARBEWUSSTHEIT (satisampajañña)
Ferner ist der Mönch klarbewußt beim Gehen und Kommen,
klarbewußt beim Hinblicken und Wegblicken, klarbewußt
beim Beugen und Strecken seiner Glieder, klarbewußt beim
Tragen von Mönchsgewand und Schale, klarbewußt beim
Essen, Trinken Kauen und Schmecken, klarbewußt beim
Entleeren von Kot und Urin, klarbewußt beim Gehen,
Stehen, Sitzen und Liegen, klarbewußt beim Einschlafen
und Wachsein, klarbewußt beim Sprechen und Schweigen.
»Bei allem, was der Mönch tut, ist er sich klarbewußt:
1. des Zweckes, 2. der Eignung, 3. der Pflicht, 4. der
Wahrheit."
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105
DIE KÖRPERTEILE
Ferner betrachtet der Mönch diesen Körper von der Sohle
bis zum Scheitel, den hautüberzogenen und mit vielerlei
Unrat angefüllten ,Dieser Körper hat Kopfhaare,
Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen,
Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz, Leber, Innenhaut,
Milz, Lunge, Darm, Gekröse, Magen, Kot, Galle, Schleim,
Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Hautschmiere,
Speichel, Rotz, Gelenkschmiere und Urin'.
Gerade wie wenn da ein beiderseits Öffnungen besitzender
Sack mit vielerlei Körnern wie Reis, Bohnen, Sesam usw.
gefüllt wäre und diesen ein Mann, der nicht blind ist,
öffnete und den Inhalt betrachtete: ,Dies ist Reis, dies
sind Bohnen, dies sind Sesamkörner usw.': gerade so
betrachtet der Mönch diesen Körper.
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106
VIER ELEMENE (dhátu)
Ferner betrachtet der Mönch diesen Körper, wie er geht
und steht, mit Hinsicht auf die vier Elemente: ,Dieser
Körper besteht aus dem Festen, Flüssigen, Erhitzenden
und Windigen Element'.
107
Gleichwie ein geschickter Rinderschlächter oder sein
Gehilfe eine Kuh schlachtet, auf den Markt bringt, Stück
für Stück zerlegt und sich dann hinsetzt: genau so
betrachtet der Mönch diesen Körper.
In Vis. XIII. 2 wird dieses Gleichnis so erklärt: "Dem
Rinderschlächter, der die Kuh großzieht, sie zum
Schlachthofe führt, anbindet, hinstellt, schlachtet oder
die geschlachtete Kuh betrachtet, kommt die Vorstellung
,Kuh' solange nicht zum Schwinden, als er die Kuh nicht
aufgeschnitten und in Stücke zerlegt hat. Sobald er aber
die Kuh zerlegt hat und dort niedersitzt, schwindet ihm
die Vorstellung, Kuh', und die Vorstellung ,Fleisch'
tritt ein. Und nicht denkt er: ,Eine Kuh verkaufe ich'
oder: ,Eine Kuh kaufen diese'. Genau so auch waren in
dem Mönche, früher als er noch ein törichter Weltling
war—sei's als Laie oder Hausloser—die Begriffe ,Wesen'
oder ,Mann' oder ,Individuum' solange nicht geschwunden,
bis er eben diesen Körper, wie er geht und steht, nicht
in seine Teile zerlegt und Element für Element
betrachtet hatte. Sobald er aber den Körper in seine
Elemente zerlegt hatte, schwand ihm die Vorstellung
,Wesen, und der Geist festigte sich in der Betrachtung
der Elemente.«
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108
LEICHENBETRACHTUNGEN
Ferner, als sähe der Mönch eine Leiche auf der
Leichenstätte liegen, ein, zwei oder drei Tage tot,
aufgedunsen, verfärbt, mit Eiter bedeckt, schließt er
auf seinen eigenen Körper: ,Auch dieser Körper ist so
beschaffen, wird so werden, kann dem nicht entgehen'.
Ferner, als sähe der Mönch eine Leiche auf dem
Leichenfelde liegen, wie sie von Krähen, Habichten und
Geiern zerfleischt, von Hunden und Schakalen zerfressen
und von vielerlei Gewürm zernagt wird, schließt er auf
seinen eigenen Körper: ,Auch dieser Körper ist so
beschaffen, wird so werden, kann dem nicht entgehen'.
Ferner, als sähe der Mönch eine Leiche auf dem
Leichenfelde liegen, ein Knochengerippe, noch mit
Fleisch und Blut bedeckt, und von den Sehnen
zusammengehalten . . . ein Knochengerippe,
fleischentblößt, mit Blut beschmiert, von den Sehnen
zusammengehalten. .. ein Knochengerippe ohne Fleisch und
Blut, von den Sehnen zusammengehalten . . . unverbundene
Knochen, da und dort verstreut, da ein Handknochen, da
ein Fussknochen, da ein Schienbein, da ein
Schenkelknochen, da die Wirbelknochen, da der Schädel,
gleichsam als sähe er dies, schließt er auf seinen
eigenen Körper: ,Auch dieser Körper ist so beschaffen,
wird so werden, kann dem nicht entgehen'.
Ferner, als sähe der Mönch eine Leiche auf dem
Leichenfelde liegen, Gebeine, weiß aussehend wie
Muscheln . . . aufgeschichtete Knochen nach Verlauf von
Jahren . . . verweste und in Staub zerfallene Knochen,
als sähe er dies, schließt er auf seinen eigenen Körper:
,Auch dieser Körper ist so beschaffen, wird so werden,
kann dem nicht entgehen'.
So betrachtet er den eigenen Körper, betrachtet er den
fremden Körper, betrachtet er beiderlei Körper. Er
betrachtet beim Körper das Entstehen, das Vergehen, das
Entstehen und Vergehen. ,Ein Körper ist da', diese
Achtsamkeit ist ihm gegenwärtig, soweit sie eben zur
Erkenntnis und Klarheit dient; und unabhängig lebt er,
und an nichts in der Welt haftet er.
Auf diese Weise verweilt der Mönch in Betrachtung des
Körpers.
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109
Von den verschiedenen Betrachtungen über den Körper
gehören die Betrachtung über die 4 Körperpositionen,
Klarbewußtsein und die Zerlegung in die 4 Elemente als
Hellblickübungen eigentlich in das Gebiet des Wissens (paññá),
d. i. zur 1; und 2. Stufe des Pfades, während die
Leichenbetrachtungen teils unter Wissen, teils unter das
Gebiet der Sammlung (6.—8. Stufe) gehören.
110
ZEHNFACHER SEGEN
Hat man nun, ihr Jünger, diese Achtsamkeit auf den
Körper geübt, entfaltet, häufig erweckt, als Werkzeug
und Grundlage genommen, befolgt, sich völlig damit
vertraut gemacht, sie zur Vollendung gebracht, so mag
man einen zehnfachen Segen erwarten: —Über Lust und
Unlust hat man Gewalt, läßt sich nicht von der Unlust
bezwingen; die aufgestiegene Unlust überwindend verweilt
man.
Über Furcht und Schrecken hat man Gewalt, läßt sich
nicht davon bezwingen; aufgestiegene Furcht und
Schrecken überwindend verweilt man.
Man erträgt geduldig Hitze und Kälte, Hunger und Durst,
Wind und Sonne, sowie Belästigung durch Bremsen, Mücken
und Kriechtiere; und verletzende und böse Redeweisen,
sowie aufgestiegene Schmerzgefühle, stechende, scharfe,
bittere, unliebsame, unangenehme und lebensgefährdende
hält man standhaft aus.
Die vier Vertiefungen (jhána), die geistesklaren,
bei Lebzeiten beglückenden, gewinnt man nach Belieben,
ohne Mühe und Anstrengung.
Die vielartigen magischen Kräfte werden einem zuteil.
Mit dem Himmlischen Ohre, dem geläuterten,
übermenschlichen, hört man beiderlei Töne, himmlische
wie menschliche, ferne wie nahe.
Im Geiste durchschaut man die Herzen der anderen Wesen
und Personen.
Man erinnert sich an mancherlei frühere Daseinsformen.
Mit dem Himmlischen Auge, dem geläuterten,
übermenschlichen, sieht man die Menschen abscheiden und
wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und häßliche,
glückliche und unglückliche; sieht man, wie die Wesen
gemäß ihrer Taten wiedergeboren werden.
Nach Versiegung der Triebe gewinnt man die von Trieben
freie Gemüts- und Wissenserlösung, indem man sie schon
bei Lebzeiten selber erkannt und verwirklicht hat.
Nach oben
111
Die zuletzt genannten sechs Fähigkeiten gelten als die
sechs Höheren Geisteskräfte (abhiññá), nämlich:
1. die magischen Kräfte (iddhi-vidhá), 2. das
Himmlische Ohr (dibba-sota), 3. Durchschauen der
Herzen anderer (parassa ceto-pariya-ñána),
4. Erinnerung an frühere Daseinsformen (pubbe-nivásánussati-ñána),
5. das Himmlische Auge (dibba-cakkhu), 6. die
Triebversiegung (ásavakkhaya-ñána). Hiervon sind
die ersten fünf weltliche (lokiya) Fähigkeiten
und setzen zu ihrer Erreichung die vier Vertiefungen
voraus. Die sechste Fähigkeit, die Triebversiegung, aber
ist identisch mit der Arahatschaft oder Heiligkeit und
kann nur durch tiefen Hellblick in die Vergänglichkeit,
Unzulänglichkeit und Unpersönlichkeit alles Daseins
verwirklicht werden.
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112
2. Betrachtung der Gefühle (vedanánupassaná)
Wie aber verweilt der Mönch in der Betrachtung der
Gefühle? Empfindet da der Mönch ein angeneh-mes Gefühl,
so weiß er: Ich empfinde ein angenehmes Gefühl';
empfindet er ein unangenehmes Gefühl, so weiß er: ‚Ich
empfinde ein unangenehmes Gefühl'; empfindet
er ein weder angenehmes noch unangenehmes Gefühl, so
weiß er: Ich empfinde ein weder ange-nehmes noch
unangenehmes Gefühl'. Empfindet er ein sinnlich
angenehmes Gefühl, 'so weiß er: Ich empfinde ein
sinnlich angenehmes Gefühl'; empfindet er ein
übersinnlich angenehmes Gefühl, so weiß er: Ich empfinde
ein übersinnlich angenehmes Gefühl'; empfindet er ein
sinnlich unangenehmes Gefühl, so weiß er: Ich empfinde
ein sinnlich unangenehmes Gefühl'; empfindet er ein
übersinnlich unangenehmes Gefühl, so weiß er: Ich
empfinde ein übersinnlich unangenehmes Gefühl';
empfindet er ein sinnlich weder angenehmes noch
unangenehmes Gefühl, so weiß er: 'Ich empfinde ein
sinnlich weder angenehmes noch unangenehmes Gefühl';
empfindet er ein übersinnlich weder angenehmes noch
unangenehmes Gefühl, so weiß er: ,Ich empfinde ein
übersinnlich weder angenehmes noch unangenehmes Gefühl'.
Nach dem Abhidhamma mögen bloß das körperliche und das
geistige Gefühl angenehm oder unangenehm sein während
die mit Sehen, Hören, Riechen und Schmecken verbundenen
Gefühle stets indifferent sind.
So betrachtet der Mönch die eigenen Gefühle, betrachtet
die fremden Gefühle, betrachtet beiderlei Gefühle. Er
betrachtet bei den Gefühlen das Entstehen, das Vergehen,
das Entstehen und Vergehen. ,Gefühle sind da', diese
Achtsamkeit ist in ihm gegenwärtig, soweit sie eben zur
Erkenntnis und Klarheit dient; und unabhängig lebt er,
und an nichts in der Welt haftet er. So verweilt der
Mönch in der Betrachtung der Gefühle.
Der Jünger weiß genau, daß der Ausdruck, ‚Ich fühle' nur
als konventionelle Ausdrucksweise Geltung hat, im
höchsten Sinne jedoch kein Wesen oder Individuum da ist,
das das Gefühl empfindet. (Komm.)
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113
3. Betrachtung des Geistes (cittánupassaná)
Wie aber verweilt der Mönch in der Betrachtung des
Geistes? Da erkennt der Mönch den begierigen Geist als
begierig, den gierlosen Geist als gierlos, den
gehässigen Geist als gehässig, den haßlosen Geist als
haßlos, den verblendeten Geist als verblendet und den
unverblendeten Geist als unverblendet. Er erkennt den
verkrampften Geist als verkrampft und den zerfahrenen
Geist als zerfahren, erkennt den entfalteten Geist als
entfaltet und den unentfalteten Geist als unentfaltet,
erkennt den übertreffharen Geist als übertreffbar und
den unübertreffbaren Geist als unübertreffbar, erkennt
den gesammelten Geist als gesammelt und den
ungesammelten Geist als ungesammelt, erkennt den
befreiten Geist als befreit und den unbefreiten Geist
als unbefreit.
So betrachtet der Mönch den eigenen Geist, betrachtet er
den fremden Geist, betrachtet er den eigenen und fremden
Geist. Er betrachtet beim Geiste das Entstehen, das
Vergehen, das Entstehen und Vergehen. ,Der Geist ist
da': diese Achtsamkeit ist in ihm gegenwärtig, so weit
sie eben zur Erkenntnis und Klarheit dient; und
unabhängig lebt er, und an nichts in der Welt haftet er.
So verweilt der Mönch in der Betrachtung des Geistes.
114
Citta
(Geist, Bewußtsein, Bewußtseinszustand) ist ein Synonym
von viññána (Bewußtsein) und mano (Geist),
ist daher nicht mit "Gedanke" zu übersetzen. "Gedanke"
oder "Denken" gehören nämlich zu den sogen. sprachlichen
Funktionen (vací-sankhára) des Geistes und sind
identisch mit vitakka (Gedankenfassung) und
vicára (diskursives Denken). Verglichen mit dem
Bewußtsein sind diese beiden sprachlichen Funktionen
sekundärer Natur und fehlen sowohl in den ersten Phasen
des Fünf-Sinnen-Bewußtseins als auch in der 2.—4.
Vertiefung.
Nach oben
115
4. Betrachtung der Geistobjekte (dhammanupassaná)
Wie aber verweilt der Mönch in der Betrachtung der
Geistobjekte?
FÜNF HEMMUNGEN
Da verweilt der Mönch in der Betrachtung der als
Geistobjekte geltenden fünf Hemmungen (nívarana).
Er weiß, wenn Sinnengier (kámacchanda) in ihm
ist: ,In mir ist Sinnengier'; er weiß, wenn keine
Sinnengier in ihm ist: ,In mir ist keine Sinnengier'; er
weiß, wie die noch nicht aufgestiegene Sinnengier zum
Entstehen kommt, wie die aufgestiegene Sinnengier
überwunden wird und wie die überwundene Sinnengier
künftig nicht mehr aufsteigt. Er weiß, wenn Übelwollen (vyápáda)
in ihm ist . . . wenn Starrheit und Mattheit (thína-middha)
in ihm ist . . . wenn Aufgeregtheit und Gewissensunruhe
(uddhacca-kukkucca) in ihm ist. . . wenn
Zweifelsucht (vicikicchá) in ihm ist: ,In mir ist
Zweifelsucht', er weiß, wenn keine Zweifelsucht in ihm
ist: ,In mir ist keine Zweifelsucht'. Er weiß, wie die
noch nicht aufgestiegene Zweifelsucht zum Entstehen
kommt, wie die aufgestiegene Zweifelsucht überwunden
wird und wie die überwundene Zweifelsucht künftig nicht
mehr aufsteigt.
Nach oben
116
FÜNF DASEINSGRUPPEN
Ferner verweilt der Mönch in der Betrachtung der als
Geistobjekte geltenden fünf Anhaftungs-Gruppen (upádána-kkhandha).
Er weiß: ,So ist die Körperlichkeit (rupa), so
entsteht sie, so kommt sie zum Schwinden. So sind die
Gefühle (vedaná), so entstehen sie, so kommen sie zum
Schwinden. So ist die Wahrnehmung (saññá), so
entsteht sie, so kommt sie zum Schwinden. So sind die
Geistformationen (sankhára), so entstehen sie, so
kommen sie zum Schwinden. So ist das Bewußtsein (viññána),
so entsteht es, so kommt es zum Schwinden.'
Nach oben
117
SECHS GRUNDLAGEN
Ferner verweilt der Mönch in der Betrachtung der als
Geistobjekte geltenden sechs eigenen und fremden
Sinnen-Grundlagen (áyatana). Er kennt das Auge
und kennt die Formen; und auch die Fessel, die durch
beide bedingt aufsteigt, auch diese kennt er. Er weiß,
wie die noch nicht aufgestiegene Fessel zum Aufsteigen
kommt, wie die bereits aufgestiegene Fessel überwunden
wird und wie die überwundene Fessel künftig nicht mehr
entsteht. Er kennt das Ohr und die Töne . . . die Nase
und die Düfte . . . die Zunge und die Säfte ... den
Körper und die Körpereindrücke ... den Geist und die
Geistobjekte; und auch die Fessel, die durch beide
bedingt aufsteigt, auch diese kennt er. Er weiß, wie die
noch nicht aufgestiegene Fessel zum Aufsteigen kommt,
wie die bereits aufgestiegene Fessel überwunden wird und
wie die überwundene Fessel künftig nicht mehr entsteht.
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118
SIEBEN ERLEUCHTUNGSGLIEDER
Ferner verweilt der Mönch in der Betrachtung der sieben
Erleuchtungsglieder (bojjhanga). Er weiß, wenn
Achtsamkeit (sati) in ihm ist ... wenn
Wahrheitsergründung (dhamma-vicaya) in ihm ist
... wenn Willenskraft (viriya) in ihm ist ... wenn
Verzückung (píti) in ihm ist . . . wenn
Gestilltsein (passaddhi) in ihm ist ... wenn
Sammlung (samádhi) in ihm ist ... wenn Gleichmut
(upekkhá) in ihm ist: ,In mir ist Gleichmut';
wenn kein Gleichmut in ihm ist: ,In mir ist kein
Gleichmut'. Er weiß, wie der noch unaufgestiegene
Gleichmut zum Aufsteigen kommt und wie der aufgestiegene
Gleichmut zur vollen Entfaltung gelangt.
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119
VIER EDLE WAHRHEITEN (ariya-sacca)
Ferner verweilt der Mönch in der Betrachtung der als
Geistobjekte geltenden vier Edlen Wahrheiten. ,Dies ist
das Leiden' erkennt er der Wirklichkeit gemäß. ,Dies ist
die Entstehung des Leidens' erkennt er der Wirklichkeit
gemäß. ,Dies ist die Erlöschung des Leidens' erkennt er
der Wirklichkeit gemäß. ,Dies ist der zur Erlöschung des
Leidens führende Pfad' erkennt er der Wirklichkeit
gemäß.
So betrachtet der Mönch die eigenen Geistobjekte,
betrachtet er die fremden Geistobjekte, betrachtet er
die eigenen und fremden Geistobjekte. Er betrachtet bei
den Geistobjekten das Entstehen, das Vergehen, das
Entstehen und Vergehen. ,Geistobjekte sind da': diese
Achtsamkeit ist in ihm gewärtig, soweit sie eben zur
Erkenntnis und Klarheit führt, und unabhängig lebt er,
und an nichts in der Welt hängt er.
So verweilt der Mönch in der Betrachtung der
Geistobjekte.
Dies, ihr Jünger, ist der einzige Weg zur Läuterung der
Wesen, zur Überwindung von Sorge und Jammer, zum
Schwinden von Schmerz und Trübsal, zur Erreichung des
rechten Pfades und zur Verwirklichung des Nirwahns,
nämlich diese vier Grundlagen der Achtsamkeit.
Nach oben
120
Diese als die 4 Grundlagen der Achtsamkeit (sati-patthána)
geltenden Betrachtungen beziehen sich auf alle 5
Daseinsgruppen, nämlich: Die Betrachtung des Körpers
bezieht sich auf die Körperlichkeitsgruppe (rúpa-kkhandha),
die
Betrachtung der Gefühle auf die Gefühlsgruppe (vedaná-kkhandha),
die Betrachtung der Geistesobjekte auf die
Wahrnehmungsgruppe (saññá-kkhandha) und
Geistformationengruppe (sankhára-kkhandha), die
Betrachtung des
Geistes auf die Bewußtseinsgruppe (viññána-kkhandha).
Nach oben
121
ERLÖSUNG DURCH BETRACHTUNG VON EIN- UND AUSATMUNG
Die Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung, ihr Jünger,
entfaltet und häufig gepflegt, bringt die vier
Grundlagen der Achtsamkeit zustande. Die vier Grundlagen
der Achtsamkeit, entfaltet und häufig gepflegt, bringen
die sieben Erleuchtungsglieder zustande. Die sieben
Erleuchtungsglieder, entfaltet und häufig gepflegt,
bringen Wissen und Erlösung zustande.
122
Wie aber bringt die Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung
die vier Grundlagen der Achtsamkeit (sati-patthána)
zustande?
I. Zu einer Zeit, wo der Mönch 1. beim langen Einatmen
weiß, daß er lang einatmet, beim langen Ausatmen, daß er
lang ausatmet, 2. beim kurzen Einatmen, daß er kurz
einatmet, beim kurzen Ausatmen, daß er kurz ausatmet, 3.
wo er sich übt, beim Ein- und Ausatmen den ganzen
Atemkörper klar wahrzunehmen, 4. wo er sich übt, beim
Ein- und Ausatmen diese Körperfunktion (káya-sankhára)
zu besänftigen: zu einer solchen Zeit verweilt der Mönch
in der Betrachtung des Körpers, voll Tatkraft,
klarbewußt und achtsam, nach Unterdrückung weltlichen
Begehrens und Kummers Ein- und Ausatmung nämlich nenne
ich eines von den körperlichen Phänomenen.
Nach oben
123
II. Zu einer Zeit, wo der Mönch beim Ein- und Ausatmen
sich übt, 1. Verzückung zu empfinden, 2. Freude zu
empfinden, 3. die Geistesfunktion (citta-sankhára)
zu empfinden, 4. die Geistesfunktion zu besänftigen: zu
einer solchen Zeit verweilt der Mönch in der Betrachtung
der Gefühle, voll Tatkraft, klarbewußt und achtsam, nach
Unterdrückung weltlichen Begehrens und Kummers Das
völlige Hinmerken auf Ein- und Ausatmung nämlich nenne
ich eines von den Gefühlen.
124
III. Zu einer Zeit, wo der Mönch beim Ein- und Ausatmen
1. den Geist klar wahrnimmt ... 2. den Geist erheitert
... 3. den Geist sammelt ... 4. den Geist befreit: zu
einer solchen Zeit verweilt der Mönch in der Betrachtung
des Geistes, voll Tatkraft, klarbewußt und achtsam, nach
Unterdrückung weltlichen Begehrens und Kummers. Nicht
sage ich, ihr Mönche, gibt es für den geistig
zerfahrenen, unklaren Menschen eine Achtsamkeit auf Ein-
und Ausatmung ...
125
IV. Zu einer Zeit, wo der Mönch beim Ein- und Ausatmen
1. die Vergänglichkeit betrachtet ... 2. die Loslösung
betrachtet . . . 3. die Erlöschung betrachtet . . . 4.
das Fahrenlassen betrachtet: zu einer solchen Zeit
verweilt der Mönch in der Betrachtung der Geistobjekte,
voll Tatkraft, klarbewußt und achtsam, nach
Unterdrückung weltlichen Begehrens und Kummers.
Auf diese Weise entfaltet und häufig gepflegt bringt die
Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung die vier Grundlagen
der Achtsamkeit zustande.
Nach oben
126
Wie aber bringen die vier Grundlagen der Achtsamkeit die
sieben Erleuchtungsglieder (bojjhanga) zustande?
1. Zu einer Zeit, wo der Mönch in der Betrachtung des
Körpers, der Gefühle, des Geistes und der Geistobjekte
verweilt, zu einer solchen Zeit ist seine Achtsamkeit
gegenwärtig, ungestört. Zu einer Zeit aber, wo im Mönche
die Achtsamkeit gegenwärtig ist und ungestört, da ist er
mit dem Erleuchtungsglied der Achtsamkeit (sati-sambojjhanga)
ausgestattet, da pflegt er dieses Erleuchtungsglied, da
bringt er es zur vollen Entfaltung.
2. Solcherart aber achtsam verweilend ergründet,
erforscht und erwägt er mit Einsicht das Gesetz ... Zu
einer solchen Zeit ist er mit dem Erleuchtungsglied der
Wahrheitserforschung (dhamma-vicaya-sambojjhanga)
ausgestattet...
3. Solcherart aber das Gesetz mit Einsicht ergründend
ist seine Willenskraft aufgerichtet, ungebeugt ... zu
einer solchen Zeit ist er mit dem Erleuchtungsglied der
Willenskraft (viriya-sambojjhanga) ausgestattet .
. .
4. Bei aufgerichteter Willenskraft aber steigt ihm die
der Sinnlichkeit entrückte Verzückung auf ... zu einr
solchen Zeit ist er mit dem Erleuchtungsglied der
Verzückung (píti-sambojjhanga) ausgestattet . . .
5. In dem geistig Verzückten aber stillen sich Geist und
Bewußtsein . . . zu einer solchen Zeit ist er mit dem
Erleuchtungsglied der Gestilltheit (passaddhi-sambojjhanga)
ausgestattet...
6. In dem geistig Gestillten aber, dem Glücklichen,
sammelt sich der Geist ... zu einer solchen Zeit ist er
mit dem Erleuchtungsglied der Sammlung (samádhi-sambojjhanga)
ausgestattet . . .
7. Gegen den also gesammelten Geist verhält er sich
gleichmütig ... zu einer solchen Zeit ist er mit dem
Erleuchtungsglied des Gleichmutes (upekkhú-sambojjhanga)
ausgestattet...
Auf diese Weise entfaltet und häufig gepflegt bringen
die vier Grundlagen der Achtsamkeit die sieben
Erleuchtungsglieder zustande.
Nach oben
127
Wie aber bringen die sieben Erleuchtungsglieder,
entfaltet und häufig gepflegt, Wissen und Erlösung (vijja-vimutti)
zustande?
Da entfaltet der Mönch das Erleuchtungsglied der
Achtsamkeit, der Wahrheitserforschung, der Willenskraft,
der Verzückung, der Gestilltheit, der Sammlung, des
Gleichmutes, das auf Abgeschiedenheit, Loslösung und
Erlöschung gegründete und zur Befreiung führende Auf
diese Weise entfaltet und häufig gepflegt bringen die
sieben Erleuchtungsglieder Wissen und Erlösung zustande.
128
Gleichwie der Elefantenbändiger einen großen Pfahl in
die Erde einläßt und den wilden Elefanten mit dem Halse
daran kettet, um ihm seine wilden Gewohnheiten und
Gedanken auszutreiben, ihm seinen waldgewohnten
Eigensinn, seine Niedergeschlagenheit und Heftigkeit
abzugewöhnen, um sich in der Nähe der Menschen
wohlzufühlen und ihm Sitten beibringt wie sie den
Menschen angenehm sind: genau so hat der edle Jünger
seinen Geist an die vier Grundlagen der Achtsamkeit
festgebunden, um ihm seine häuslichen Gewohnheiten und
Gedanken auszutreiben ihm seine weltliche Beklemmung,
Bedrücktheit und Heftigkeit abzugewöhnen, damit er eben
den rechten Pfad gewinnen und das Nirwahn verwirklichen
möge.
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19.
8. Rechte Sammlung (samma-samádhi)
129
DEFINITION
Was aber ist rechte Sammlung?
Das Gerichtetsein des Geistes auf ein einzelnes Objekt (cittassa
ekaggatá, wtl.: Einspitzigkeit des Geistes), das ist
Sammlung.
Rechte Sammlung (sammá-samadhi), im weitesten
Sinne, ist diejenige geistige Konzentration, die mit
jedem karmisch heilsamen Bewußtseinszustande verbunden
ist, also auch begleitet ist von rechter Gesinnung (2.
Stufe), rechter Anstrengung (6. Stufe) und rechter
Achtsamkeit (7. Stufe). Verkehrte Sammlung (micchá-samádhi)
dagegen ist anwesend in karmisch unheilsamen
Bewußtseinszuständen und ist daher nur möglich in der
Sinnensphäre. Wird das Wort samádhi allein für sich
gebraucht, so bezieht es sich stets auf rechte Sammlung
(samma-samádhi).
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OBJEKTE DER SAMMLUNG
Die vier Grundlagen der Achtsamkeit (sati-patthána),
diese bilden die Objekte der Sammlung.
Siehe 7. Stufe.
WERKZEUGE DER SAMMLUNG
Die vier rechten Anstrengungen (sammá-padhána),
diese bilden die Werkzeuge der Sammlung.
Siehe 6. Stufe.
Nach oben
ENTFALTUNG DER SAMMLUNG
Die Ausübung, Entfaltung und häufige Pflege dieser
Dinge, das nennt man die Entfaltung (bhávaná) der
Sammlung.
130
Die rechte Sammlung hat zwei Grade der Entfaltung die
sich der Vertiefung (jhána) nähernde, aber sie
noch nicht erreichende sogen. "Angrenzende Sammlung« (upacára-samádhi)
und die die Vertiefung erwirkende "Erreichungs-" oder
"Volle Sammlung" (appaná-samádhi). Die Erreichung
der Vertiefungen ist keineswegs nötig zur Verwirklichung
der vier überweltlichen Pfade des Sotápanna, Sakadágámí,
Anágámí und Arahat. Diese können nur gewonnen werden
durch tiefen Hellblick (vipassaná) in die
Vergänglichkeit, Unzulänglichkeit und Unpersönlichkeit
alles Daseins.
Wer, ohne eine der Vertiefungen gewonnen zu haben einen
der vier überweltlichen Pfade verwirklicht, gilt als ein
"auf bloßen Hellblick Gestützter" (suhkha-vipassaka)
oder als einer "der den bloßen Hell-blick als Vehikel
hat" (sukkha-vipassaná-yánika). Wer aber nach
Erreichung einer oder mehrerer Vertiefungen den über
weltlichen Pfad gewinnt, gilt als "einer, der die
Gemütsruhe als Vehikel hat" (samatha-yánika).
Nach oben
131
DIE VIER VERTIEFUNGEN (jhana)
Abgeschieden von den sinnlichen Dingen, abgeschieden von
unheilsamen Geisteszuständen, tritt der Mönch in die von
Gedankenfassung und Überlegen begleitete, durch
Abgeschiedenheit gezeugte und von Verzückung und
Glücksgefühl erfüllte erste Vertiefung.
Dies ist die erste der
Feinkörperlichen Sphäre angehörende Vertiefung (rúpávacara-jhána).
Sie tritt nur ein nach dem durch die Stärke der
Konzentration zuwege gebrachten Schwinden der
Sinnenwahrnehmung und der geistigen Hemmungen; auch die
letzteren sind allerdings nur zeitweise aufgehoben.
Näheres s. B.Wtb.:
jhána,
kasina,
nimitta,
samádhi.
132
Die erste Vertiefung ist frei von fünf Dingen, und fünf
Dinge sind zugegen. Wenn nämlich der Mönch in die erste
Vertiefung eintritt, so sind fünf Hemmungen geschwunden,
nämlich: Sinnengier (kámacchanda), Übelwollen (vyápáda),
Starrheit und Mattheit (thína-middha),
Aufgeregtheit und Gewissensunruhe (uddhacca-kukkucca)
und Zweifelsucht (vicikicchá). Anwesend aber
sind: Gedankenfassung (vitakha), Überlegen (vicára),
Verzückung (píti), Glücksgefühl (sukha)
und geistige Einspitzigkeit (citt'ekaggatá =
samádhi).
Nach oben
133
Diese fünf in der ersten Vertiefung anwesenden Faktoren
werden als die Vertiefungsglieder (jhán'anga)
bezeichnet. Gedankenfassen (vitakka) und
Überlegen (vicára) gelten als im Geiste sich
vollziehende sprachliche Funktionen (vací-sankhára),
das "innere Sprechen" ("parole
inérieure").—"Gedankenfassung ist dasselbe wie Erfassen
eines Gedankens und bezeichnet das (geistige) Aufnehmen,
ihr Merkmal ist, daß sie das Bewußtsein in der
Vorstellung (dem Objekt) festigt . . . Als Überlegen
(Diskursives Denken) gilt das Umherwandern, das Hin- und
Herwandern (des Geistes). Es äußert sich in
fortgesetzter Geistestätigkeit". Ihr Verhältnis zu
einander wird verglichen mit dem Anschlagen (=
vitakka) und dem Nachklingen (= vicára) einer
Glocke, oder mit dem Anfassen und dem Auswischen eines
Topfes.
Gedankenfassen und Überlegen sind jedoch in der ersten
Vertiefung nur noch in einem sehr abgeschwächten Grade
vorhanden.
134
Und ferner: nach Stillung von Gedankenfassen und
Überlegen gewinnt der Mönch die innere Ruhe und Einheit
des Geistes, die von Gedankenfassung und Überlegung
freie, durch Sammlung gezeugte, von Verzückung und
Glücksgefühl erfüllte zweite Vertiefung.
In der zweiten Vertiefung sind drei Vertiefungsglieder
vorhanden: Verzückung, Glücksgefühl, Sammlung.
Nach oben
135
Und ferner: nach Abwendung von der Verzückung verweilt
der Mönch gleichmütig, achtsam, klar bewußt und er
empfindet in seinem Innern ein Glück, von dem die Edlen
sagen: ,Der Gleichmütige, Achtsame lebt glücklich'—so
gewinnt er die dritte Vertiefung.
Die Vertiefungsglieder der dritten Vertiefung sind
Glücksgefühl und Sammlung.
136
Und ferner: nach dem Schwinden von Wohlgefühl und
Schmerz und dem Überwinden von Frohsinn und Trübsinn
gewinnt er die freudlos-leidlose, durch Gleichmut und
Achtsamkeit geläuterte vierte Vertiefung.
Die Vertiefungsglieder der vierten Vertiefung sind:
Sammlung und Gleichmut (upekkhá).
Nach oben
137
Im Vis. werden vierzig Meditationsobjekte (kammatthána)
genannt, durch welche die folgenden Vertiefungen, bzw.
Konzentrationsstufen, gewonnen werden können:
Alle vier Vertiefungen: durch die Betrachtung von Ein-
und Ausatmung , die 10 -Übungen und die Betrachtung des
Gleichmuts,
die ersten drei Vertiefungen: durch die Entfaltung von
Güte, Mitleid und Mitfreude (die ersten drei
Brahmavihára-Übungen;
die erste Vertiefung durch die 10 Ekelobjekte und die
Körperbetrachtung;
die »angrenzende Sammlung« (upacára-samádhi):
durch die Betrachtung über den Buddha, die Lehre, die
Jüngergemeinde, die Sittlichkeit, die Freigebigkeit, den
Frieden und über den Tod; die Betrachtung des Ekels der
Nahrung; die Analyse der vier Elemente;
die vier unkörperlichen Vertiefungen (arupa-jjhána
oder áruppa), die, auf der vierten Vertiefung
basierend, nach ihren folgenden Objekten benannt werden:
Gebiet der Raumunendlichkeit, der
Bewußtseinsunendlichkeit, der Nichtsheit, der
Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung. Von einer
Behandlung dieser vier unkörperlichen Vertiefungen wurde
hier abgesehen.
Nach oben
138
Entfaltet die geistige Sammlung, o Jünger, denn der
geistig Gesammelte erkennt die Dinge der Wirklichkeit
gemäß. Welche Dinge? Das Entstehen und Hinschwinden von
Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Geistformationen
und Bewußtsein.
Somit also habt ihr diese fünf Daseinsgruppen (1.
Wahrheit) weise zu durchschauen, Unwissenheit und
Begehren (2. Wahrheit) weise zu überwinden, Gemütsruhe
und Hellblick (4. Wahrheit) weise zu entfalten.
Das, ihr Jünger, ist der mittlere Pfad, den der
Vollendete entdeckt hat, der schauend und wissend macht,
und der zum Frieden, zur Durchschauung und zum Nirwahn
(3. Wahrheit) führt.
Wenn ihr diesem Pfade folget, werdet ihr dem Leiden ein
Ende machen!
Nach oben
20.
Die Verwirklichung des Achtfachen Pfades im
Entwicklungsgang des Jüngers
139
In vielen Sutten wird in sich gleichbleibender
Formulierung der Entwicklungsgang des Jüngers der Buddha
Lehre geschildert. Es wird gezeigt, wie sich diese
Entwicklung ganz allmählich und gesetz-mäßig vollzieht:
angefangen vom ersten Vernehmen der Lehre, dem
einsetzenden Vertrauen und dem ersten keimhaften
Verständnis bis zur schließlichen Verwirklichung der
Erlösung.
Nach oben
140
VERTRAUEN UND RECHTE GESINNUNG
(2. Stufe) Da hört ein Hausvater, der Sohn eines
Hausvaters oder ein in irgend einem anderen Stande
Wiedergeborener die Lehre. Nach dem Vernehmen der Lehre
gewinnt er Vertrauen zum Vollendeten und von diesem
Vertrauen erfüllt, sagt er sich: ,Voller Hindernisse ist
das Hausleben, eine Stätte der Unreinheit! Wie der
freie Himme1 aber ist die Hauslosigkeit! Nicht leicht
ist es, im Hausleben einen fleckenlosen, heiligen Wandel
zu führen. Wie wenn ich mir nun Haar und Bart scherte,
das gelbe Gewand anlegte und von Hause fortzöge in die
Hauslosigkeit?' Und nach einiger Zeit ein kleines oder
großes Vermögen aufgebend, einen kleinen oder großen
Verwandtenkreis aufgebend, schert er Haar und Bart, legt
das gelbe Gewand an und zieht vom Hause fort in die
Hauslosigkeit.
Nach oben
141
SITTLICHKEIT (3.—5. Stufe) (síla)
Also ein hausloser Mönch geworden, erfüllt er die
Lebensregeln der Mönche. Er verwirft das Töten, steht ab
vom Töten. Stock und Schwert verwerfend, ist er von
Zartgefühl und Liebe erfüllt; zu allen Wesen und
Geschöpfen empfindet er Güte und Wohlwollen. —Das
Stehlen verwirft er, nicht Gegebenes eignet er sich
nicht an; nur das Gegebene nehmend, das Gegebene
abwartend, bleibt er ehrlich und lauter im Herzen. — Die
Unkeuschheit verwirft er, von Unkeuschheit steht er ab,
keusch und entsagend lebt er, steht ab vom
Geschlechtsverkehr, dem gemeinen. — Er verwirft das
Lügen, vom Lügen steht er ab. Die Wahrheit spricht er,
der Wahrheit ist er verbunden, der Wahrheit ist er
getreu, vertrauenswürdig, kein Betrüger der Welt.
—Zwischenträgerei verwirft er, von Zwischen-trägerei
steht er ab. Was er hier gehört hat, erzählt er dort
nicht wieder, um jene zu entzweien; und was er dort
gehört hat, erzählt er hier nicht wieder, um diese zu
entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene.
Eintracht liebt er, an Eintracht findet er Freude und
Gefallen, Eintracht fördernde Worte spricht er. — Rohe
Rede verwirft er, von roher Rede steht er ab. Worte, die
frei sind von Bosheit, dem Ohre wohltuend, liebreich,
zum Herzen dringend, höflich, vielen lieb und angenehm,
solche Worte spricht er. — Törichtes Geschwätz verwirft
er, von törichtem Geschwätz steht er ab. Zur rechten
Zeit spricht er, den Tatsachen und dem Sinne gemäß,
spricht über die Lehre und über die Zucht; seine Rede
ist gehaltvoll, gelegentlich mit Gleichnissen
geschmückt, gemessen und zweckdienlich.
Er meidet die Zerstörung von Keim- und Pflanzenleben.
Nur zu einer Tageszeit (d. i. bis mittags) nimmt er
Nahrung zu sich, und des Nachts bleibt er nüchtern des
unzeitigen Essens enthält er sich. Er meidet Tanz
Gesang, Musik und den Besuch von Schaustellungen, er
verwirft Blumenkränze, Wohl-gerüche, Salben, sowie
jederart Schmuck, Zierrat und Schönheitsmittel. Hohe und
üppige Betten benutzt er nicht. Vom Annehmen von Gold
und Silber steht er ab. Rohes Getreide und rohes Fleisch
nimmt er nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an.
Er besitzt keine Diener und Diene-rinnen, keine Ziegen,
Schafe, Hühner, Schweine, Elefanten, Rinder oder Pferde,
keinen Grund und Boden. Er übernimmt keine Aufträge,
tut keine Botendienste. Von Kauf und Verkauf hält er
sich fern. Er hat nichts zu schaffen mit falschem Maß,
Metall und Gewicht. Die schiefen Wege der Bestechung,
Täuschung und Betrügerei vermeidet er. Stechen,
Schlagen, Binden Überfallen, Plündern und Vergewaltigen
liegen ihm fern.
Er begnügt sich mit dem Gewande, das seinen Körper
schützt, mit der Almosenspeise, womit er sein Leben
fristet. Wohin er auch immer zieht, damit eben versehen
geht er, genau so wie ein beschwing-ter Vogel stets
seine Flügel mit sich trägt.
Durch die Befolgung dieser edlen Sittensatzung empfindet
er in seinem Innern ein untadeliges Glück.
Nach oben
142
SINNENZÜGELUNG (6. Stufe)
Erblickt er nun mit dem Auge eine Form, oder vernimmt
mit dem Ohre einen Ton, riecht mit der Nase einen Duft,
schmeckt mit der Zunge einen Saft, empfindet mit dem
Körper einen Körpereindruck oder ist sich im Geiste
eines Dinges bewußt, so haftet er da weder am
Gesamteindruck noch an den Einzelheiten. Und woraus ihm,
bei unbewachten Sinnen, Begehren und Kummer, üble
unheilsame Dinge entstehen möchten, das bemüht er sich
abzuwehren; er bewacht seine Sinne, hält seine Sinne im
Zaume. Durch Ausübung dieser edlen Sinnenzügelung (indriya-samvara)
empfindet er in seinem Innern ein ungetrübtes Glück.
143
ACHTSAMKEIT (7. Stufe)
Klarbewußt ist er beim Auf- und Abgehen, klarbewußt beim
Hin- und Wegblicken, klarbewußt beim Beugen und Strecken
seiner Glieder, klarbewußt beim Tragen der
Mönchsgewänder und der Schale, klarbewußt beim Essen,
Trinken, Kauen und Schmecken, klarbewußt beim Verrichten
der Notdurft, klarbewußt beim Gehen, Stehen, Sitzen,
Einschlafen, Erwachen, Sprechen und Schweigen.
Ist er nun mit diesem edlen Sittenwandel ausgerüstet,
ausgerüstet mit dieser edlen Sinnenzügelung und erfüllt
von dieser edlen Achtsamkeit und Klarbewußtheit (sati-sampajañña),
so wählt er sich einen abgeschiedenen Wohnort, im Walde
oder am Fuß eines Baumes, auf einem Berggipfel, in einer
Kluft, einer Felsenhöhle, auf dem Leichenfelde, unter
freiem Himmel oder auf einem Streulager. Vom Almosengang
zurückgekehrt, nach dem Mahle, setzt er sich mit
untergeschlagenen Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, die Achtsamkeit vor sich gerichtet.
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144
ÜBERWINDUNG DER FÜNF HEMMUNGEN
Sinnengier (kámacchanda) hat er verworfen,
gierlosen Herzens verweilt er, von Gier läutert er sein
Herz.
Haß (vyápáda) und Bosheit hat er verworfen,
haßfreien Herzens verweilt er, auf das Wohl aller Wesen
und Geschöpfe bedacht, läutert er sein Herz von Haß und
Bosheit. Starrheit und Mattheit (thína-middha)
hat er verworfen, frei von Starrheit und Mattheit
verweilt er hellen Geistes, achtsam geistesklar, läutert
er sein Herz von Starrheit und Mattheit. Aufgeregtheit
und Gewissensunruhe (uddhacca-kukkucca) hat er
verworfen, frei von Unruhe verweilt er; und von innerem
Frieden im Herzen erfüllt, läutert er sein Herz von
Aufgeregtheit und Gewissensunruhe. Zweifelsucht (vicikicchá)
hat er verworfen, zweifelentronnen verweilt er; er
zweifelt nicht am Guten, läutert sein Herz von
Zweifelsucht.
145
SAMMLUNG (8. Stufe)
Hat er nun diese fünf Hemmungen (nívarana)
beseitigt, die Befleckungen des Geistes kennengelernt,
die lähmenden, so tritt er, abgeschieden von den
Sinnendingen, abgeschieden von unheilsamen
Geisteszuständen, in die erste Vertiefung ein ... in die
zweite Vertiefung ... in die dritte Vertiefung . . . in
die vierte Vertiefung.
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146
HELLBLICK (1. Stufe)
Was es da aber an Körperlichkeit gibt, an Gefühl,
Wahrnehmung, Geistformationen, an Bewußtsein, alle diese
Dinge betrachtet er als vergänglich (anicca), als
elend (dukkha), siech, als ein Geschwür, einen
Stachel, als ein Elend, eine Bürde, als Feind und
Bedrücker, als leer und unpersönlich (anattá).
Und sich von diesen Dingen abwendend, richtet er seinen
Geist auf das Todlose Element: ,Dies ist der Friede,
dies das Erhabene, nämlich das Ende aller
Daseinsgebilde, das Sichloslösen von allen
Daseinssubstraten, die Versiegung des Begehrens, die
Loslösung, die Erlöschung, das Nirwahn'. In diesem
Zustand erreicht er die Versiegung aller Triebe; wenn
aber nicht, so tritt er eben infolge jener Lust und
Freude an geistigen Dingen, nach Aufhebung der fünf
niederen Fesseln (als Anágámí), in einer geistigen Welt
(d. i. in den sogen. ,Reinen Gefilden') wieder in
Erscheinung, und dort erreicht er das Nirwahn, kehrt
nicht mehr von jener Welt zurück.
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147
ERLÖSUNG
Und sein Herz wird frei vom Sinnlichkeitstrieb (kámásava),
vom Daseinstrieb (bhavásava), vom
Nichtwissenstrieb (avijjásava). ,Erlöst bin ich',
diese Erkenntnis steigt auf im Erlösten, und er weiß:
,Versiegt ist die Wiedergeburt, erfüllt der heilige
Wandel, die Aufgabe vollbracht, nichts gibt es mehr zu
tun in dieser Welt!'
Auf ewig bin ich nun erlöst,
Zum letzten Mal bin ich gebor'n,
Kein neues Dasein steht bevor.
Das ist ja, ihr Jünger, das höchste, heilige Wissen: das
Wissen, daß alles Leiden versiegt ist . . . Das ist ja
der höchste, heilige Frieden: die Stillung von Gier, Haß
und Verblendung.
148
,Ich bin', ist ein Dünken; ,Nicht bin ich', ist ein
Dünken; ,Ich werde sein', ist ein Dünken; ,Ich werde
nicht sein', ist ein Dünken ... Dünken ist Kranksein,
Dünken ist ein Geschwür, Dünken ist ein Stachel. Hat man
aber alles Dünken überwunden, so wird man der stille
Denker' genannt. Der Denker aber, der Gestillte,
entsteht nicht mehr, altert nicht mehr, stirbt nicht
mehr, erbebt nicht mehr, begehrt nicht mehr.
Nichts gibt es mehr in ihm, aufgrund dessen er wieder
entstände. Ohne aber wieder zu entstehen, wie sollte er
altern? Ohne zu altern, wie sollte er sterben? Ohne zu
sterben, wie sollte er erbeben? Ohne zu erbeben, wie
sollte er begehren?
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149
DAS WAHRE ZIEL
Somit besteht der letzte Zweck des heiligen Lebens nicht
in Gewinnung von Almosen, Ehre und Ruhm, nicht in
Gewinnung von Sittlichkeit, Sammlung und
Erkenntnisblick. Jene unerschütterliche Gemütserlösung
aber, das ist der Zweck des heiligen Lebens, das ist der
Kern, das ist das Ziel.
150
Und die da früher, in vergangenen Zeiten, Heilige,
Vollkommen-Erleuchtete waren, auch diese Erhabenen haben
der Jüngergemeinde dieses höchste Ziel richtig gewiesen,
genau wie es nun von mir der Jüngergemeinde richtig
gewiesen wurde. Und auch die da später, in künftigen
Zeiten, Heilige, Vollkommen-Erleuchtete sein werden,
auch diese Erhabenen werden der Jüngergemeinde dieses
höchste Ziel richtig weisen, genau wie es nun von mir
der Jüngergemeinde richtig gewiesen wurde.
Es mag nun sein, daß ihr (nach meinem Dahinscheiden)
also denkt: ,Geschwunden ist die Lehre des Meisters, wir
haben keinen Meister mehr!' Doch so sollt ihr nicht
denken, denn die von mir gewiesene Lehre und Zucht, sie
wird nach meinem Hinscheiden euer Meister sein.
Die Lehre sei euch Rettungsinsel,
Die Lehre sei euch Zufluchtsstätte!
Nach keiner anderen Zuflucht schauet aus!
Darum, ihr Jünger, möget ihr die von mir erkannten und
gewiesenen Lehren richtig auffassen, üben, entfalten und
häufig pflegen, auf daß der heilige Lebenswandel lange
Dauer und Bestand habe, vielen Wesen zum Wohl und Glück,
zum Troste für die Welt, zum Heil, Segen und Wohl der
Himmelswesen und Menschen.
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